Annaberg und die Salzburger Emigranten.

Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt Nr. 15, 124. Jahrgang, 12. April 1931, S. 5.

Es war eine schlimme Zeit für die Salzburger evangelischen Christen vor genau 200 Jahren. Wohl hatte man ihnen eine private Ausübung ihres Glaubenskultes zugestanden, aber nur unter der Bedingung, daß sie ihre Namen bekanntgaben. Am 3. August 1731 versammelten sie sich nun und gründeten an einsamer Stelle im Schwarzachtal den „Salzbund“ (wobei die Anwesenden aus einem Salzfaß Salz als Zeichen ihrer Gemeinschaft am Evangelium genossen), gleichzeitig gaben sie ihre Namen an. Die unerwartet große Anzahl von Protestanten machte den Erzbischof von Salzburg scheu, und er setzte alle Hebel in Bewegung, um durch Exekutionen verschiedenster Art ihren Wiedereintritt in die katholische Kirche zu erzwingen. Als das aber nicht gelang, erließ er ein Emigrationspatent, nach dem die Salzbündler binnen 8 Tagen das Land unter Zurücklassung ihres Gutes und ihrer Kinder zu verlassen hatten. Auf besondere Einwirkungen hin wurde das Edikt wohl abgeschwächt und der Termin hinausgeschoben, aber an der Landesverweisung wurde ungeachtet dessen, daß man damit das Land seiner besten Kräfte und seines wirtschaftlichen Wohlstandes beraubte, festgehalten. So nahmen 30.000 protestantische Salzburger Abschied von ihrer herrlichen Heimat und zogen, nachdem die Ausweisung am Reformationstag ergangen war, von November 1731 bis weit in das kommende Frühjahr hinein mit den wenigen Habseligkeiten, die man ihnen mitzunehmen gestattete, in fremdes Land. Welch hehrer Geist mag sie beseelt haben und wie unwandelbar fest mag ihr Glaube, der neue Glaube der Reformation, gewesen sein, der auch den unsagbaren Strapazen und Entbehrungen auf der langen Wanderung durch die vielen Vaterländer der Deutschen widerstand. Hauptsächlich Preußen, in kleinerem Maßstabe auch Sachsen und andere deutsche Staaten, bereiteten den Flüchtlingen eine neue Heimat, machten sie seßhaft und fügten ihren Völkern, da die Vertriebenen doch die Intelligenz des Landes Salzburg darstellten, diese als wertvolle Bestandteile hinzu.

Der Weitblick dieser Landesherren mag auch den Ratsherren der Bergstadt Annaberg eigen gewesen sein, denn im März 1732 sandten sie an Kurfürst August den Starken König von Polen, ein Gesuch folgenden Inhalts:

„Ew. kgl. Majestät geruhen, sich in tiefster Devotion vortragen zu lassen, was maßen, nach denen im vorigen Seculs zu vier verschiedenen Malen allhier entstandenen großen Feuersbrünsten die damals aus 1300 Häusern bestandenen Stadt bis auf 540 zusammengeschmolzen, folglich verschiedene hundert Feuerstätten ungebaut und wüste liegen blieben. Da nun besage öffentlichen Zeitungen anjetzo viele Tausende Protestensten aus dem Salzburgischen emigrieren und sich in den Schutz und Lande anderer benachbarter Reichsstände begeben, so halten wir unsres wenigen Erachtens alleruntertänigst davor, es sollten erwähnte Emigranten, so aus einem bergichten Lande kommen, allwo eben wie hier zu Lande Bergwerk gebauet wird, in hiesiger Gegend zu wohnen und zu Wiederaufbauung und Peublierung der abgebrannten Stadt sich nicht ungeneigt finden lassen. Ew. kgl. Majestät überlassen wir dahero, ob dieselben dergleichen Emigranten in hiesigen Landen und besonders in hiesiger Stadt sich niederlassen allergnädigst zu erlauben geruhen wollen und ob wir wenigstens unsres Orts die allhier wüsten Brandstätten in die öffentlichen Leitungen zum Wiederaufbau setzen und solche öffentlich feil- und ausbieten mögen.“

Das Gesuch, in dem der traurige Niedergang der Stadt Annaberg als Folge furchtbarer Schicksalsschläge deutlicher kaum zu Tage treten konnte, fand auch Genehmigung des Kurfürsten, die am 7. April 1732 von Warschau aus erteilt wurde. Man war also bereut, eine Schar von Salzburger Emigranten am Pöhlberg gastliche Siedlungen zu geben und wollte, wie aus dem Schreiben des Rates hervorgeht, das Gute mit dem Nützlichen verbinden. Dieser Plan kam aber nicht zur Vollendung.

In diesem Zusammenhang teilt der Chronist mit, daß die seinerzeit in Sachsen für die Ausgewiesenen gesammelte Landeskollekte rund 30.000 Taler betrug. Die Ephorie Annaberg hatte hierzu allein 981 Taler und 15 Groschen beigesteuert.