Pfarrer als Chronisten des Erzgebirges.

Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt Nr. 16, 124. Jahrgang, 19. April 1931, S. 1 – 2.

Es ist nicht allein unterhaltend, sondern auch in hohem Maße lehrreich, wenn wir durch den blühenden Garten unserer Heimatgeschichte wandern. Und wirklich, wie ein wohlgepflegtes Stück Erdreich, auf dem wertvolle und seltene Blumen sprießen, nimmt sich die Geschichte unseres Obererzgebirges aus. Weit, weit zurück können wir gehen und überall erblicken wir köstliche Blütensterne, und der Lebenshauch des längst Vergangenen und Vergessenen streift an uns vorbei. Wer waren nun die Gärtner, die diesen Garten anlegten und in welchem Verhältnis standen sie zum heimischen Boden? Soweit die Geschichte der Bergstädte in Frage kommt, haben sie Namen, die der gegenwärtigen Generation geläufig sind. Außerhalb dieser Städte jedoch, besonders außerhalb der Bergstadt Annaberg, ist es in dieser Beziehung noch recht dürftig bestellt. Die bereits in Vergessenheit geratenen Namen verdienter Männer wieder aufzufrischen, soll heute unsere Aufgabe sein.

Wir wissen, daß es vor Jahrhunderten um die Gelehrsamkeit in den einzelnen Orten des Obererzgebirges genau so bestellt war, wie im übrigen Reiche. Schreiben können und lesen, die beiden Vorbedingungen hierzu, dessen konnte sich damals kaum einer der Geringeren aus dem Volke rühmen. So wird es auch begreiflich erscheinen, daß uns das Leben unserer Vorfahren in den meisten Fällen nicht von diesen selbst, sondern eben von Männern, die lesen und schreiben konnten, also gelehrt waren, übermittelt wurde. Diese Leute nun gehörten fast ausnahmslos dem geistlichen Stande an, denn der Pfarrer war wohl vielfach der einzige geschulte Kopf im Orte. Außerdem, und das wird das Ausschlaggebende in diesem Falle gewesen sein, bot die pflichtgemäße Führung der Kirchenbücher Gelegenheit genug, besondere Aufzeichnungen zu machen, die sowohl das Zeitgenössische auf den heutigen Tag überbrachten, wie auch von den Kirchenbuchführern selbst und ihrem engeren Kreis berichteten. Mit den hervorragendsten unter diesen Persönlichkeiten sollen wir heute bekanntwerden.

Vorausgeschickt sei, daß es sich hier um Pfarrer und Prediger handelt, die außerhalb der Stadt Annaberg in der Ephorie gewirkt haben und daß die Ephorie Annaberg um diese Zeit einen größeren Bezirk umfaßte als heute. Auf die einzelnen Orte gehen wir in alphabetischer Reihenfolge ein. Zunächst liegt demnach Buchholz und sein bekannter Prediger Matthes Busch. Aus seinem Leben ist bemerkenswert, daß er bereits im Jahre 1524 den Kurfürsten Friedrich den Weisen darüber informierte, daß mehrere ihres evangelischen Glaubens wegen verfolgte Prediger – unter ihnen Friedrich Mekum (Mykonius), Wenzel Linke, Gabriel Didymus – in Buchholz Zuflucht gesucht und von ihm nicht nur aufgenommen worden waren, sondern auch unter dem Beifall des Publikums predigten. Mykonius hätte gewaltig gesprochen und viel Volk aus der Umgebung herangezogen. Bei seinen Predigten seien auch zwei Annaberger Ratsherren erschienen, die sehen wollten, wer von den katholischen Annaberger Bürgern die ketzerischen Reden anhörte. Es sollen ihrer aber gegen 1000 gewesen sein. Herzog Georg ließ daraufhin bei Kurfürst Friedrich dem weisen über das Treiben der evangelischen Prediger Klage führen. Die Buchholzer Bürger wollten – nach Erledigung der Stelle – Mykonius zum Pfarrer haben. Dieser mußte jedoch eine Absage erteilen, da er bereits den Ruf des Herzogs von Gotha angenommen hatte. (Mykonius ging übrigens, ehe er Franziskanermönch wurde, in Annaberg zur Schule.) An die freigewordene Stelle in Buchholz trat nun Wenzel Linke aus Colditz, ehemaliger Vikar der Augustinermönche in Sachsen. Er hatte bereits 1522 in Altenburg die evangelische Lehre verkündet und sich dort 1524 in Luthers Gegenwart verehelicht. Von Buchholz ging er 1525 als erster evangelischer Pfarrer nach Nürnberg, wo er auch die Schmalkaldischen Artikel mit unterschrieb und wo er am 11. März 1547, ein Jahr nach Luthers Tod, starb. Einen guten Namen hat sich in späteren Jahren der Buchholzer Pfarrer Mag. J. Christoph Friedrich Grötzsch erworben. Er war 1725 in Neustadt/Orla geboren und kam 1758 als Pfarrer nach Buchholz. Sein Wirken erstreckte sich hier auf die Zeit des Siebenjährigen Krieges (1756 – 63). Die Not und das Elend unter den Einwohnern war in diesen Jahren und während der Hungerjahre 1771/72 furchtbar. Beispiellos war aber auch der Opfermut des Pfarrers, der das Letzte, was er hatte, als Almosen gab und dabei völlig verarmte. Die ihm angebotene Pfarrstelle in Stollberg schlug er auf Bitten seiner Gemeinde aus und blieb in Buchholz. Sein Einfluß auf den Obstbau im Obererzgebirge machte sich dadurch geltend, daß er edlere Obstsorten einführte. Am 17. Januar 1797 starb er, von der ganzen Gemeinde betrauert, im Alter von fast 72 Jahren.

Unter den Pfarrern von Drebach verdient Johann Rebentrost, ein Pfarrerssohn aus Platten in Böhmen, besondere Erwähnung. Er hatte in Wittenberg studiert. Nachdem er Lehrer an der Lateinschule in Joachimsthal gewesen war, erhielt er am 5. Juni 1616 eine Anstellung als Pfarrer in Schaberglück bei Carlsbad. Dort faßte ihn nun das Schicksal hart an. Da er nicht katholisch werden wollte, wurde er am 24. September 1624 seines Amtes entsetzt und mit Frau und Kindern von Haus uns Hof vertrieben. Zwei Jahre später, am 30. August 1626, kam er nach Drebach, wo er im Jahre 1629 wirklicher Pfarrer wurde und ein Alter von 89 Jahren erreichte. Sein Sohn David Rebentrost studierte Theologie und Medizin, war zunächst Gerichtsarzt in Joachimsthal und folgte seinem Vater 1660 im Amte nach. Er war 56 Jahre hindurch Pfarrer in Drebach und segnete das Zeitliche 1703, 90 Jahre alt.

In die Geschichte von Ehrenfriedersdorf ist der Name des Pfarrers Georg Raute mit festem Griffel eingetragen. Seine Wiege stand in Plauen, wo sein Vater erst Dominikanermönch und später Superintendent war. Während Rautes Amtierung in Ehrenfriedersdorf fand man im Saubergstollen den Bergmann Oswald Barthel, der 1508 verschüttet worden war und 60 Jahre lang unter Berg und Wasser gelegen hatte. („Die lange Schicht von Ehrenfriedersdorf“.) Raute machte in seiner Leichenpredigt für Barthel die merkwürdige Feststellung, daß er hier eine Predigt für einen halte, der 31 Jahre vor seiner, des Pfarrers, Geburt gestorben wäre. Diese Predigt, die auch noch andere bemerkenswerte Stellen enthielt, brachte ihm das Bergpredigeramt in Annaberg ein. 1576 wurde er sogar Superintendent in Chemnitz. Wegen kalvinistischer Unruhen mußte er jedoch von dort fliehen. 1592 erhielt er das Pfarramt in Kohren übertragen. – Ein bewegtes Leben hatte Mag. Johann Andreä, der von 1612/16 die Pfarrstelle in Ehrenfriedersdorf innehatte, nachdem er Konrektor und später wiederum Bergprediger in Annaberg war. Im Jahre 1617 ging er von hier weg in die Diaspora nach Cadan (Kaaden) in Böhmen. Der 30jährige Krieg brach über das Abendland herein und mit ihm in vielen Ländern Verfolgung der evangelischen Christen. Magister Andreä wurde, da er den Glauben nicht abschwor, seines Amtes entsetzt und ausgewiesen. In Geyer fand er ein einstweiliges Unterkommen. Aber auch hier ließen ihm die Kaiserlichen keine Ruhe. Man nahm ihn bei einem Durchzug mit und gab ihm erst in Schwarzenberg nach Erlegung eines hohen Lösegeldes die Freiheit wieder. Andreä liegt in der Kirche zu Geyer begraben. – Caspar Hofmann wurde nicht minder zum Spielball des Schicksals. 1604 ging er von Annaberg, wo er Tertius war, als Diakonus nach Frauenstein. Die Bevölkerung des Erzgebirges hatte um die Zeit seines Wirkens viel unter Seuchen zu leiden, von denen wiederum die Pest die größten Menschenopfer forderte. Unbekümmert um die Ansteckungsgefahr reichte Hofmann einem Pestkranken in Kleinbobritzsch das heilige Abendmahl. Die Frauensteiner ließen ihn deshalb aus Furcht vor Einschleppung der Krankheit nicht mehr in die Stadt. So mußte ihm in der Nähe von Kleinbobritzsch eine Hütte aus Brettern gebaut werden, in der er wohnte, predigte und taufte. Dann ging er nach Kadan in Böhmen und führte dort unter den Titel „Ecclesiae sub utraque Communione Cadan Diaconus“ (Diakonus der Kirche unter beiderlei Kommunion [Brot und Kelch haben] in Kadam) eine evangelische Gemeinde. Wie vielen seiner Glaubensgenossen traf auch ihn im Jahre 1624 die Ausweisung. Er wandte sich nach Ehrenfriedersdorf, wo abermals die Pest über seine Schutzbefohlenen hereinbrach. Eine seiner Eintragungen ins Kirchenbuch nimmt darauf Bezug und lautet: „Ex Iue pestifera divina gratia ereptus“ (Aus der pestbringenden Seuche durch göttliche Gnade gerettet). – Jahre des Elends waren es, als Christian Friedrich Becher aus Reichenbach im Erzgebirge Einzug hielt. 1756/59 versah er die Rektorstelle in Buchholz, ging dann als Pfarrer nach Tannenberg und wurde 1760 Pfarrer in Ehrenfriedersdorf. Sein Wahlspruch lautete, entsprechend der Anfangsbuchstaben seines Namens: Christo Favente Beatus. Während seiner Amtszeit geschah 1769 die schwere Schlagwetterkatastrophe im Silbertroster Stollen, der 6 Bergleute zum Opfer fielen. Eine weitere schwere Heimsuchung erlitt eine Gemeinde durch die große Hungersnot von 1772. In diesem Jahre mußte er 586 Beerdigungen vornehmen.

Unter den Geistlichen der Stadt Geyer ist besonders nennenswert Mag. Johann Hollenhagen aus Westfalen, der als schwedischer Feldprediger am Dreißigjährigen Kriege teilnahm und 1639 Pfarrer in Geyer wurde. Er hat die Stadt oft vor Plünderungen, Kontributionen und Einquartierungen bewahrt, indem er den schwedischen Truppen entgegenging und infolge seiner früheren Verbindungen mit dem Heere erfolgreich Fürsprache hielt. Vor den katholischen Kaiserlichen mußten er und seine Gemeinde dagegen in den Wald fliehen. Es heißt, daß sie dort, auf den Bäumen sitzend, sich die Zeit mit klöppeln vertrieben hätten. 1665 verließ er Geyer, um nach Berlin überzusiedeln. – Auch Mag. J. Siegfried Heinsius aus Sebnitz war, bevor er 1744 nach Geyer kam, Feldprediger. Er schrieb einen Leitfaden zum Religionsunterricht und führte das feierliche Examen der Konfirmanden ein. Auch sonst traf er verschiedene, das kirchliche Leben regelnde Anordnungen. In seine Amtszeit fiel das 200jährige Jubelfest des Augsburger Religionsfriedens, das man mit größeren kirchlichen und weltlichen Feiern beging. – Während der Zeit des 7jährigen Krieges und der Notjahre 1771/72 versah Ch. Gottlob Petsche das Amt des Seelenhirten von Geyer. Er gehörte auch zu denjenigen Bürgern, die für die Eintreibung der der Stadt durch preußische Truppen auferlegten Kontribution in Höhe von 3000 Talern verantwortlich gemacht wurden. Die bereits erwähnten Hungerjahre von 1771/72 brachten 423 seiner Gemeindeglieder den Tod und machten die Gemeinde so arm, daß sie nicht einmal die Kosten für Armensärge aufzubringen vermochte und die Leichen, nur in Tücher gehüllt, beerdigt werden mußten.

Unter den Predigern in Großrückerswalde sehen wir eine bemerkenswerte Persönlichkeit in Magister Ch. Ehrenfried Wilhelm Wagner, dem Sohn des Pfarrers und Stifters des Waisenhauses in Marienberg. 1797 trat er in das Amt ein und hielt 1808 seine Abschiedspredigt. Auf seine Initiative hin führte die Gemeinde das Dresdner Gesangbuch in Kirche und Schule ein.

(Fortsetzung folgt.)