Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt Nr. 16, 124. Jahrgang, 19. April 1931, S. 5 – 6.
Wir fragen uns bei einem näheren Eingehen auf die besondere Eigenart der erzgebirgischen Schnitzkunst zunächst, wie Schnitzerei und Holzbildhauerei im Erzgebirge Eingang finden und wie sie sich bis zu der künstlerischen Höhe, die sie heutigentags erreicht haben, entwickeln konnten. Dies zu deuten erfordert nicht nur, das Erzgebirge, seine Sitten und Gebräuche zu kennen, sondern setzt auch voraus, daß man in den Erzgebirger selbst, in sein inneres Leben, hineingehorcht hat. Gerade das letztere ist es, was den Gebirgsmenschen von dem des Tieflandes unterscheidet. Bedingt ist es durch die Nähe einer tiefbeeindruckenden Natur, in die der Gebirgler hineingestellt ist und mit der er gegen die rauhe Witterung, gegen Frost und Kälte kämpft. Jedes Fleckchen Erde, das er sein Eigen nennt, hat er in harter Arbeit erworben und zu verteidigen. Denn was der Boden in den höheren Gebirgslagen hervorbringt, kann nur gedeihen, wenn sich der Mensch mit ganzer Lebenskraft dafür einsetzt.
Hier hilft aber nicht allein die Muskelstärke, den Willen und die Macht des Menschen in die Tat umzusetzen. Hier hat auch der Geist, und zwar ein unermütlicher, findiger und beobachtender Geist mitzuwirken. Da steht z. B. der gebirgische Bauer ganz still am Rain seiner Felder nur Auge und Ohr, nur Kopf, nur Gedanke, dort belauschen Pilzsucher und Holzsammler ebenso bewegungslos das Leben des Waldes. Sie kennen jeden Baum, jeden Stock, jeden Stein. Diese Verbundenheit mit dem schier unergründlichen Wesen der Natur wirkt sich in der Gedankenwelt des Erzgebirgers aus und erzeugt den Drang nach einer besonderen Ausdrucksmöglichkeit.
Der erzgebirgische Winter, die Jahreszeit, in der der Schnee dicke Mauern um die kleinen Berghäuschen legt und die Bewohner mit ihren Gedanken allein läßt, ist dazu angetan, den formlosen Wesen des Geistes Gestalt zu geben. Wenn draußen die Schneeflocken fallen, beginnt der Erzgebirger zu basteln, und die Hände schaffen dann Phantasiegebilde, wie Pyramiden, Krippen, Berge, Ecken, Leuchter u. a. Freilich, die Bastelei hat einen nur ganz geringen Zusammenhang mit der Schnitzerei. Jedoch macht es die Ausstattung der Bastelarbeiten zur Notwendigkeit, das Schnitzmesser in die Hand zu nehmen; denn einmal fehlt es an einer Verzierung, das andere Mal gehört eine Figur in den Rahmen des Ganzen. Woher aber die Vorlage zu derartigen Schnitzarbeiten nehmen? Ganz selbstverständlich greift man zum nächsten, nämlich den von der Natur gestellten Vorbildern. Mit unseren Betrachtungennkommen wir nun dahin, wo die Eigenart der erzgebirgischen Schnitzerei, das Urtümliche, das schlicht Natürliche, liegt und sich von der Schnitzkunst, die in anderen Gebirgsgegenden Deutschlands heimisch ist, unterscheidet. Es ist die innige, rein natürliche Verwachsenheit des Erzgebirgers mit seiner Umwelt. Jedem Schnitzereierzeugnis prägt sie sich auf. Das Holz, und das ist die Kunst des erzgebirgischen Schnitzers, wird dadurch sprechend und lebendurchpulst.
Halten wir nun einmal Einkehr in die Stube eines unserer erzgebirgischen Schnitzkünstler.

Wir sind fürs erste erstaunt, daß wir sogut wie nichts von einer erwarteten Werkstatteinrichtung sehen. Ein schmaler Arbeitstisch, seltener auch eine Schnitzbank sind die einzigen größeren Einrichtungsgegenstände. Auf dem Arbeitstisch aber liegt wohl unscheinbar und klein, jedoch das Wesentliche für die Ausübung der Kunst, ein blinkendes Eisen neben dem anderen, Schnitzmesser, Flacheisen in verschiedenen Stärken und Breiten, Bohrer aller Größen, der Geißfuß, das Kröpfeisen usw. Der Meister, diesmal, wie wir aus dem beigefügten Bild ersehen, der Annaberger Schnitzkünstler Paul Schneider, hält den Rohklotz in der linken Hand, während die rechte mit dem Flacheisen eine grobe Bearbeitung vornimmt. Bei weniger komplizierten Figuren ist der Rohklotz der Form entsprechend geschnitten. Anders ist es jedoch bei feingliedrigen und umfangreicheren Zusammenstellungen, wie der in nebenstehendem Bilde dargestellte arbeitende Tischler, die aus dem rohen Holzwürfel herausgearbeitet werden. Nach der stufenweisen Vorarbeit erhält die Figur die Gestalt, wie sie im Geist des Künstlers bereits bildhaft vorhanden ist. Hier erweist es sich nun, ob der Schnitzer auch Künstler ist; denn jetzt gilt jeder Schnitt, und nicht immer ist das Holz von der Art der geschmeidigen, speckigen Linde, das die Schnittführung leicht macht. Birnbaum, Nußbaum und Eiche stellen schon ganz andere Anforderungen. Doch nicht allein das Holz spricht hier mit, sondern auch die Größe der Figur. Sobald diese nicht mehr in der Hand gehalten werden kann und zur Bearbeitung mit beiden Händen in die Schnitzbank eingespannt werden muß, läuft der Schnitzer Gefahr die Uebersicht und somit auch die Grundform zu verlieren. Ist das Werk vollendet, wird nicht etwa, wie vielfach vermutet, mit Sandpapier der Schliff aufgelegt, die Arbeit bleibt vielmehr wie sie nach dem letzten Schnitt aus der Hand des Schnitzers gekommen ist. Nur je nach seinem Typ oder dem Wunsch des Bestellers wird der Gegenstadt gebeizt, gewachst oder eine den erzgebirgischen Schnitzereien besonders eigene bunte Bemalung vorgenommen.

Was sagt uns nun unser heimischer Schnitzkünstler von seiner Kunst? Seine Arbeiten gründen sich auf die Theorie, daß die Schnitzerei materialecht, also Holz eben Holz bleiben muß und jeder Schnitt eine bestimmte Wirkung auszuüben hat. Das kennzeichnet auch seine Arbeiten ganz besonders. Nehmen wir eine seiner Figuren in die Hand und halten sie nahe an das Auge, so sehen wir nur grobe Schnitte und scharfgradige Kanten. Lassen wir diese eigenartige Formgebung aber in der Gesamtheit ihrer Linien auf uns einwirken, dann erst fühlen wir, welch eine schöpferische Meisterhand hier gewaltet hat. Die Werke Paul Schneiders bewegen sich nun nach zwei Gestaltungsrichtungen hin. Sie teilen sich in solche, die er ganz aus sich selbst heraus geschaffen hat und die die Schnitzkunst zur Heimatkunst im Erzgebirge stempeln, und solche auf besondere Bestellung nach Vorlagen, wie Lichtbildern und Modellen nach dem Leben, die erste ein genaues Studium des Objekts erforderlich machen. Zur Erläuterung des letzteren sei beispielsweise eine Sphinx angeführt, deren Ausführung schon eine gewisse Bewanderung in der ägyptischen Mythologie bedarf. Ein Kapitel für sich nimmt auch die Tierschnitzerei ein. Ohne Vorbilder ist hier gleichfalls nicht auszukommen, wenn nicht etwas Widersinniges entstehen soll. Paul Schneider, der in der Gewerbeschule als Schnitzlehrer Unterricht erteilt, wirkt im Sinne seiner Kunst richtunggebend auf seine Schüler ein und beeinflußt somit die heimatliche Schnitzerei von ihrer Urtümlichkeit aus. Bei einem Vergleich seiner Kunsterzeugnisse mit denen der Oberammergauer Richtung tritt dies ganz außergewöhnlich zu Tage. Während nämlich die Schnitzarbeiten aus dem Oberammergau mehr vom Legendengeist getragen werden, der ihrer Gesamtgestaltung stets eine ungewöhnliche Hagerkeit verleiht, legen die erzgebirgischen Holzschnitzer das Gesicht des nackten, wahren Lebens in ihre Werke.
Für unsere heutige Zeit, wo die Wirtschaftsnot das geordnete Leben auch im Erzgebirge aus dem Gleichgewicht gebracht hat, ist es zu begrüßen, daß die zur Ruhe gezwungenen Hände des an Arbeit gewöhnten Gebirgsbewohners in den Schnitzstunden, den Zusammenkünften der Schnitzvereinigungen, unter so bewährter Leitung Betätigung finden, die nicht lediglich als Beschäftigung aufzufassen ist, sondern den Wert der Arbeit, die Genugtuung an dem Gelingen eines Werkes mit sich bringt. Wer also Schnitzkunst pflegt und fördert, wer für sie bahnbrechend, richtunggebend arbeitet, leistet Dienst an der Heimat, der nicht hoch genug angerechnet werden kann!
Pd.