Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt 134. Jahrgang Nr. 6 vom 9. Februar 1941. S. 4.
Alte Verirrungs-Geschichten
Unser Erzgebirge war vor Jahrhunderten mit viel Wald bedeckt. Da konnte es leicht geschehen, daß einer von seiner Bahn abkam und sich verirrte. Im Jahre 1633 ist ein kleiner Junge in Rückerswalde seinen Eltern davongegangen und drei Tage ausgeblieben. Der Rückerswalder Schulmeister hat ihn schließlich „von ungefähr“, also zufällig, wiedergefunden. Ein Jahr vordem, 1632, hatte H. Schürer in Crottendorf eine Tochter von 8 Jahren im Walde verloren. Sie blieb 13 Tage lang vermißt und konnte nicht gefunden werden. Dann wurde sie von einer Köhlerin im Walde angetroffen und wieder heimgebracht. Als sie gefragt wurde, was sie während der ganzen Zeit gegessen und getrunken habe, da antwortete sie: „Ein Männlein hat mir alle Tage eine Semmel und zu Trinken gebracht.“ Das Kind ist überdies etliche Jahre nach dieser Begebenheit gestorben. – Wie viele solcher Geschichten gibt es nicht! Und wie hat der Volksmund sie mit Sagen und Geheimnissen umwoben! In manchen spielen Irrlichter und böse Geister eine Rolle. Hinter allen aber stehen die nüchternen Tatsachen: es sind dergleichen Verirrungen oft geschehen und haben manches Menschenleben gekostet und vieles Herzeleid mit sich gebracht.
‒ k. h. p.