Ein Rückblick auf seine Entwicklung
Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt 134. Jahrgang Nr. 5 vom 2. Februar 1941. S. 1.
Die Aufwölbung des Greifensteingebietes über die 700-Meter-Grenze sichert ihm vor anderen Mittelgebirgs-Höhenlagen auch in schneearmen Jahren eine gewisse Sicherheit zur Ausübung jeden Wintersportes und gibt in Jahren des Schneeüberflusses die Gewähr zu seiner zeitig beginnenden und bis in den März dauernden Pflege. Hier ist der Wintersport, und insbesondere der Skilauf, Volkssport geworden, dem jung und alt verfallen ist. Hier finden die Schnee- und Lufthungrigen der Großstadt ein Gelände, wie sie es abwechslungsreicher und für alle Stufen der Ausbildung nicht geeigneter finden können. Wenn hierzu noch Sportanlagen sich gesellen, die die Prüfung für einen gewissen Leistungsstand ermöglichen, so sind die Bedingungen gegeben, die das Greifensteingebiet als einen geschlossenen Wintersportplatz ansehen lassen. In der Reihe der Greifensteinorte vereinigt nun die Bergstadt Geyer sowohl in Bezug auf Gelände als auch auf sportliche Anlagen soviele Vorzüge auf sich, daß sie seit 1921 nicht nur örtliche Wettkämpfe durchführen, sondern sich auch in den Sportkreisen des Landes stetig sich steigender Beliebtheit erfreuen kann.

Schon vor der Jahrhundertwende lassen sich in Geyer die Anfänge des Wintersportes erkennen, die über die bescheidene Betätigung der Jugend mit Schlittschuh und Ruschelschlitten hinausgehen. Vereinzelt zwar noch, aber immer schon in beachtlicher Zahl tauchen die langen Bretter auf mit großen Schaufeln und einfacher Riemen- oder Rohrbindung, die Läufer mit einem riesengroßen Stock bewaffnet und mit langer Hose, Hut oder Pelzmütze angetan und mit warmem Schaltuch verpackt. So waren die ersten Bretter wohl mehr ein Fortbewegungsmittel als ein Sportgerät; denn auch die Leistungen waren in Ermangelung jeden Stiles und jeder Bogentechnik nur auf Ueberwindung des Schnees als Hindernis gerichtet oder bestanden als Ersatz des Ruschelschlittens nur im Hinabgleiten von den bekannten Ruschelbahnen. Die Jugend belustigte sich allgemein mit ihren Schlittschuhen auf den Straßen der Stadt; denn die Teiche lagen abseits, waren verweht und für tolle Abfahrten nicht so geeignet wie der „Schulberg“ oder das „Meyerbergel“. Das Ruscheln fand auf den damals noch mit keinem Warnschild versehenen und verkehrsarmen Straßen seine Pflegstätte, dem sich das „Uhlig-Gerber-Feld“ und die Zwönitzer oder Ehrenfriedersdorfer Straße des Abends für die Großen zugesellten. Wiederholte Unfälle und Beschwerden der Anlieger veranlaßten den Erzgebirgsverein vom Jahre 1906 ab eine mit Fichtenbäumchen abgesteckte „Rodelbahn“ von der Walthershöhe bis zur Stadt zu schaffen, die denn als erste Wintersportanlage in Geyer anzusprechen ist und infolge ihrer Ungefährlichkeit und doch ziemlichen Länge von ca. 600 Meter bald der Mittelpunkt der winterlichen Betätigung von jung und alt wurde. Hier gab‘s in der Folgezeit sogar schon „Rodelrennen“ großen und größten Stils mit Ehrenpreisen und einer Beteiligung aller Altersklassen und ohne Standesunterschiede. Wer sieht nicht noch Schuldirektor Junghans mit seiner Frau im „Doppel“ durchs Ziel gehen oder Uhlig-Alfred mit seinem durch eine Strohschütte getarnten „Bleiblock“ elendiglich im Schnee stecken bleiben? Hier betätigten sich die Vereinsmitglieder als Kampfrichter, die mit Flaggenstart und Megaphon einwandfreie Wertung sicherten. Und auch die Preise konnten sich sehen lassen, dabei ging fast niemand leer aus, so reichlich waren sie in sportfördernder Weise gespendet.
Im selben Winter schickte der Erzgebirgsverein außerdem sein jüngstes Mitglied, den Hilfslehrer M. Liesche nach Oberwiesenthal zu einem vom Leipziger Skiklub unter Dr. Jägers Leitung ausgeschriebenen Skikurs, wo er durch den Norweger Tersmeden in die Feinheiten der Geh-, Wende-, abfahrt- und Bogentechnik eingeführt wurde und nach seiner Rückkehr nicht nur in Vorträgen, sondern auch in der Praxis bald die Kenntnisse und Fertigkeiten in Stemmbogen, Schneepflugfahren und Telemarkschwüngen an die sportbegeisterte Jugend weitergeben konnte. Bis zu 80 Jungen und Mädels waren in diesem ersten Jahre bereits zu einem Skikurs vereinigt, und diese Zahl steigerte sich in den folgenden Jahren auf das Doppelte und Dreifache.