Christian Felix Weiße zum 215. Geburtstag

Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt 134. Jahrgang Nr. 4 vom 26. Januar 1941. S. 1.

Am 28. Januar 1726, somit vor 215 Jahren, wurde Christian Felix Weiße zu Annaberg (Erzgeb.) geboren. In Altenburg wuchs er auf, und Leipzig blieb von 1745 bis zu seinem Tode, am 16. Dezember 1804, seine Wohn- und Wirkungsstätte, abgesehen von einigen Unterbrechungen durch Reisen, vor allem als Hofmeister und Gesellschafter. Um diesem Dichter und Jugendschriftsteller gerecht zu werden, muß man sein Werk – er hinterließ etwa 60 Bände Schriften – vom Standpunkte seiner Zeit aus beurteilen: und was war er doch für ein verdienstlicher Mann! Wenn er auch nicht zu den großen eigenwüchsigen Naturen gehörte, so war er doch Verbindungsmann zwischen einer dahinsterbenden Periode und einer neuen Zeit. So können zwar seine „Scherzhaften Lieder“ (1758) an sich nur als Spättrieb der Anakreonik bewertet werden, doch haben sie den und jenen zu wertvollerem Schaffen angeregt, u. a. Goethe. Dieser schätzte als junger Leipziger Student Weißes Lustspiele, z. B. „Die Poeten nach der Mode“, bis er durch das Urteil der Frau Hofrat Böhme und seine eigene Kritik von dieser Ansicht abkam. Als alter Mann prägte er sogar das Schlagwort von der „Gottsched-Gellert-Weißische Wasserflut“. Weißes Singspiele hingegen, die Komischen Opern, erkannte er an. Auf diesem Gebiet hat Weiße, sehr zum Aerger Gottscheds, viel Hübsches geschaffen, sei es durch Uebersetzung, wie bei dem ehemals sattsam bekannten „Der Teufel ist los!“ mit der Standfußchen, später J. A. Hillerschen Musik nebst volkstümlichen Liedeinlagen, sei es durch Selbstschöpfung. Kein Geringerer als Richard Wagner bezeichnete die Weiße-Hillersche „Jagd“ als Eckstein der deutschen Komischen Oper.

Weniger glücklich zeigte sich Weißes Talent auf dem Gebiet des ernsten Dramas. Wohl war hier der Wille, sich von der französischen Regel zu befreien, zu loben, aber die Kraft, es Shakespeare gleichzutun, fehlte eben doch. Das bewies ihm sein ehemaliger Universitäts- und Jugendfreund Lessing im 73., 74. und 79. Stück seiner „Hamburgischen Dramaturgie“ an „Richard III.“. Da sah der „Kreissteuer-Einnehmer“ Weiße ein (das Amt hatte ihm 1761 hohe Gönnerschaft übertragen und es ernährte ihn, wie seit 1763 seine Familie, bis ans Lebensende), daß es Zeit wäre, von der theatralischen Laufbahn abzutreten.

Neben der Herausgabe der „Bibliothek der schönen Wissenschaften“ wurde Weiße nun durch die Erziehung seiner Kinder auf die pädagogische Schriftstellerei gewiesen. Kinderlieder (in Hillerscher Vertonung), ein ABC-Buch und vorzüglich die über ganz Europa verbreitete Zeitschrift „Der Kinderfreund“ (1775 bis 1781), der 1784 – 91 eine Fortsetzung im „Briefwechsel der Familie des Kinderfreundes“ erfuhr, sind hier Zeugnisse seines Schaffens. Unter dem Ehrennamen des „Kinderfreundes“ lebt unser obersächsischer Landsmann in der Nachwelt fort. Dieser Bezeichnung geben auch seine Züge recht, die uns Anton Graff im Gemälde und Joh. Friedrich Bause im Stiche erhielten. Groß war der Freundeskreis um diesen freundlichen redlichen Menschen. Annaberg nannte eine Straße nach ihm. An den Wohltäter und Kinderfreund im besonderen, der seine erzgebirgische Geburtsstadt nie vergaß, gemahnt dort seit 1826 die „Christian-Felix-Weiße-Stiftung“. Aus ihr werden noch jedes Jahr am 28. Januar, seinem Geburtstage, würdige bedürftige Schulkinder beschenkt.

Ernst Uhle.