1429 – 1929.

Zur 500. Wiederkehr der Tage des Hussiteneinfalles ins Erzgebirge.

Von Schuldirektor Paul Thomas – Schlettau.

Illustrierte Wochenbeilage der Obererzgebirgischen Zeitung. 30. Juni 1929. S. 3

Im Jahre 1425 gingen die Hussiten zur Offensive über, nachdem sie sich in den Jahren 1419 bis 1424 unter ihrem Feldherrn Ziska siegreich gegen die Kreuzfahrerheere gewehrt hatten, die dreimal von deutschen Fürsten ausgerüstet wurden und in Böhmen eingefallen waren, um die fanatischen Ketzer unschädlich zu machen. Ziska war 1424 gestorben. „Als Krieger glänzt Ziska in der Reihe jener berühmten und in der ganzen Geschichte äußerst seltenen Feldherren, die sich rühmen konnten, fast zahllose große und kleine Schlachten bestanden zu haben, ohne eine Niederlage zu erleiden, die daher mit vollem Recht unüberwunden heißen.” Sein Nachfolger Prokop ging zum Angriff über, weil er sich sagte, daß dadurch der hussitischen Sache viel besser gedient sei. Er fiel im Jahre 1427 in Schlesien ein. Bald darauf sah auch die Lausitz hussitische Heere durch ihr Gebiet ziehen. 1429 verlegte Prokop den Kriegsschauplatz ins Meißner Land, um die sächsischen Fürsten zu strafen, die an den Kreuzzügen gegen die Hussiten teilgenommen hatten. Auch den anderen deutschen Fürsten hatte er Rache geschworen, die dem großen Ziska entgegengezogen waren.

Prokop übernahm das Feldherrnamt in einem Heere, das für die damalige Zeit als das am besten organisierte in der ganzen Welt gefürchtet war. Das ging schließlich so weit, „daß selbst die größten Heere, geführt von den besten Feldherren ihres Zeitalters zuletzt den Angriff der Böhmen nicht einmal abwarteten, sondern durchgehends die Flucht ergriffen.” Ziskas Feldherrnkunst bestand zunächst in der sorgfältigen Beobachtung und Benutzung der natürlichen Lage des Schlachtfeldes. „Niemals ließ er sich in einen Kampf ein, ohne sich früher einen Ort ausgesucht zu haben, wo die Natur oder der Boden selbst sein mächtigster Bundesgenosse war, und auch da hatte er die Gewohnheit, sich mit künstlichen, in Schnelligkeit aufgeführten Verschanzungen zu helfen.”

Das Eigenartige in der Kriegsweise der Hussiten war die Wagenburg, die ja schon in der Strategie der Römer und der alten Germanen eine besondere Rolle gespielt hatte. Zu jeder taktischen Einheit im Heere der Hussiten gehörten fünfzig Kriegswagen. Ueber ihre Verwendung in der Feldschlacht gibt Aeneas Sylvius folgende anschauliche Schilderung: Die Hussiten lagerten sich mit den beim Heere befindlichen Weibern und Kindern im Felde, indem sie eine Menge Wagen hatten, mit welchen sie sich wie mit Wall und Mauer umgaben und verschanzten. Wenn sie zur Schlacht zogen, bildeten sie aus diesen Wagen zwei Reihen, und schlossen innerhalb die Fußgänger ein; die Reiter stellten sie außen vor die Wagen, nicht weit davon. Sollte nun der Kampf beginnen, so umfuhren die Wagenlenker auf ein von dem Hauptmann gegebenes Zeichen schnell einen Teil des feindlichen Heeres, den sie eben wollten, und stießen mit den Wagen wieder zusammen. So mußten die Feinde, eingeengt und eingesperrt zwischen den Wagen, ohne von den anderen Hilfe und Schutz erhalten zu können, entweder durch das Schwert der Fußgänger oder die Geschosse und Spieße der Männer und Weiber auf den Wagen erliegen. Die Reiter kämpften vor den Wagen, drangen die Feinde mächtig auf sie ein, so zogen sie sich allmählich hinter ihre Wagen zurück und wehrten sich von dort aus wie aus einer mit Mauern befestigten Stadt, und auf diese Weise gewannen sie viele Schlachten und errangen den Sieg.”

Im Hussitenkriege wurden auch zuerst in größerem Umfange Geschütze verwendet. Schon Ziska war darauf bedacht gewesen, sein Heer mit ausreichendem Geschützmaterial auszurüsten. Noch besorgter war Prokop um die ständige Ergänzung seiner „Artillerie”. Bei seinen Raub- und Plünderungszügen hatte er es darum immer in erster Linie auf die Kirchenglocken abgesehen, die ihm Gußmaterial für die „Stücke” liefern mußten. (So wiederholt sich alles in der Weltgeschichte. Wer dächte hierbei nicht sofort an die Abgabe der Kirchenglocken während des Weltkrieges!) Es ist begreiflich, daß in Sachsen in vielen Kirchspielen die Glocken von den Türmen genommen und verscharrt oder in Teichen und Sümpfen versenkt wurden, wenn die Kunde kam, daß die Hussiten auf dem Wege seien.

In der Behendigkeit übertrafen die hussitischen Heere die deutschen um ein Gewaltiges, sodaß sie meist schon durch die Schnelligkeit ihrer Bewegungen die Feinde verblüfften und Verwirrung in ihre Reihen trugen. Besondere Sorgfalt hatten die Führer der Ausbildung der Wagenlenker jederzeit angedeihen lassen, von deren sicheren Eingreifen der ganze Verlauf der Schlacht abhing. (Die hussitischen Wagenlenker erscheinen mir eine Auferstehung in den verwegenen Tankführern des Weltkrieges erlebt zu haben!) Gegen eine solche Taktik war die veraltete Kriegsweise des deutschen Ritter- und Bürgerheeres machtlos, und es war eine vollständige Umstellung ihrer Kampfesmethoden notwendig, wenn man endlich entscheidende Erfolge gegen die Böhmen erringen wollte. Diese Umstellung ging aber auf deutscher Seite viel zu langsam vorwärts, sodaß sich die Hussiten lange genug im Felde behaupten konnten.

1428, um Michaelis herum, waren die Hussiten unversehens über Graupen und Frauenstein in Sachsen eingefallen und hatten die ganze Gegend bis Dippoldiswalde und Pirna mit Mord, Brand und Raub heimgesucht. Unermeßliche Beute war ihnen in die Hände gefallen, die sie triumphierend nach Böhmen entführten. 1429 kamen sie wieder. Diesmal drangen sie über die mittleren Pässe des Erzgebirges in das sächsische Hochland ein. Die zuverlässigsten Nachrichten über diesen Einfall gibt uns wohl Magister Lehmann in seiner „Deutschen Kriegschronik” (1660 bis 1681). Wir werden uns daher in den folgenden Darstellungen in der Hauptsache an das Lehmannsche Kriegsbuch halten.

Lehmann schreibt: „Vom Hussitenkriege haben die Wälder auf dem Gebirge ihren Namen. Am Kommodauer Paß von Marienberg hinein liegt der Kriegwald, daneben das Städtlein Zöblitz, auf Böhmisch = Mordstätte, Wahlstatt. Am Satzunger Paß, am Pleil- und Preßnitzer Wasser, liegt der andere Kriegwald, davon mir Christian Meyer, Hammerherr zu Jöhstadt, folgendes geschrieben: Mein Hammer und dessen Bergwerk liegt in denkwürdigen Gebürgen. Das eine heist der Cremsing, auf welchem ich meine besten Zechen habe; es scheinet, als wenn Häuser alda gestanden wären; die Münzstatt und Rudera davon sind noch zu sehen, darauf die Cremsinger Groschen, die einen Löwen mit nackenden Beinen führen, sind geschlagen worden. Das andere ist der Creutziger, darauf vor Alters sollen große Schlachten geschehen seyn, und das rohte Wässerlein, auf der Böhmischen Landstraße fliesend, den Namen haben. Die vom Pabst geworbenen Soldaten durch das Creutz = predigen wider die Hussiten hießen die Creußiger . . . . Das dritte ist der Kriegwald, da denn zu sonderlichen Zeiten von mir und anderen Personen grose aufgeschichtete Haufen Todengebeine als Mauern mit Mooß überwachsen gefunden wurden. So habe ich auch bey Ausstaudung 2 Stücken Felder sonderliche und sonst nicht bräuchliche mit 4 Ellen lange Hülsen, Huffeisen und Widerhacken und viel Eisen von Pfitzpfeilen angetroffen.”

Lehmann führt sodann die einzelnen Ortschaften des Erzgebirges auf, die nach seinen Forschungen von den Hussiten in dem verhängnisvollen Jahre 1429 heimgesucht wurden. Höchstwahrscheinlich hatte der Preßnitzer Paß den Böhmen den Weg über das Gebirge gewiesen. Obgleich er nicht der tiefste Einschnitt in den Kamm des Gebirges ist, so ist er doch viel zugänglicher als die anderen Uebergänge, und das war für die Hussiten wesentlich, die mit ihren zahllosen Wagen und den Geschützen nach dem bequemsten Gebirgsübergange ausschauen mußten.

Das hussitische Heer machte einen überaus buntscheckigen Eindruck. Vor allen Dingen war die Waffenausrüstung ungemein mannigfaltig. Neben den bis dahin gebräuchlichen Waffen (Schwerter, Lanzen und Armbrüsten) wurden Dreschflegel, Kolben und Hellebarden geführt; auch in den Geschützen konnte man bereits verschiedene Systeme erkennen. Ziska hatte darum die verschiedensten Gattungen von Soldaten: Schützen, Flegler, Lanzenreiter, Hellebardiere, leichte Reiter, Renner, Fouragierer, Verstärker, Schleuderer, Wagenlenker, Gewalthaufen und Reserven. Bei den Wagen unterschied er Kriegs-, Fourage- und Kammerwagen.

(Fortsetzung folgt.)