Zu den Bergkönigen im hohen Erzgebirge.

Erzgebirgische Heimatblätter. Beilage der Obererzgebirgischen Zeitung. Nr. 27. Sonntag, den 30. Juni 1929. S. 2

Mit Annaberg fängt dem Erzgebirgler die Welt an! So soll die alte Bergstadt auch uns Anfang der Erzgebirgswanderung sein, die uns über die ungekrönten Bergkönige des Gebirges: Pöhlberg, Fichtelberg, Keilberg, führt. Durch das Tal der eigenwillig gewundenen Zschopau mit seinen düsteren Felsen und Nadelwäldern, seinen rotgiebligen Kleinstädten und Burgen, die altersgrau von Berghöhe herabgrüßen ins Tal, wo die Industriewerke, die Burgen der Neuzeit stehen, kommen wir am Abend nach Annaberg. Ein bezauberndes Bild: aus dem abenddämmerumwobenen Sehmatale, aus dem weiß die Abendnebel steigen, blitzen tausende funkelnde Lichter am Berghang. Es ist Buchholz mit seinen übereinandergestaffelten Häusergassen.

Am anderen Morgen ein strahlender, sich siegreich durch Morgennebel ringender Sonnenaufgang. Wie funkelndes Gold flutet’s über die grüne Bergwelt des Erzgebirges. Still und morgenverschlafen sind noch die alten Berggassen mit ihren schlichten Häusern. Am Markt, vor dem schlichten Rathaus, steht Barbara Uttmann, die große Wohltäterin des Gebirges und Spitzenklöpplerin. An der alten, mächtig hochragenden St. Annenkirche vorbei, dem größten Schatz Annabergs, die just renoviert wird, vorüber, schlagen wir den Weg zum Pöhlberg ein. Zwischen schön gewachsenen Fichten geht’s stetig bergauf; im Winter sausen hier die Rodelschlitten fröhlich talab. Köstlich der reine Harzgeruch des morgendlichen Nadelwaldes, die große Stille des taufrischen Morgens. Wir wandern auf dem zu halber Höhe des Pöhlbergs führenden reizvollen Rundweg um den Berg herum. Reizvoll das immer wechselnde Bergbild. Da geistern gespenstische Nebelschwaden aus dem frischen Grün des Tales. Dort das reizvolle Mosaik der Bergäcker. Dort Gebirgsdörfer im Grün des Tales, von schimmernden Blütenweiß umwoben. Und wie Bergaltäre wachsen die gewaltigen Berge, Spitzen und Tafeln unvermittelt aus der Landschaft, bis der mächtige, dunkel aufsteigende Kamm des Gebirges den Horizont begrenzt.

Auf der nach Weipert führenden Höhenstraße, unser nächstes Ziel immer im Blick liegend, erreichen wir den Bärenstein. Wieder geht es waldbergauf im Sonnenschein und dann stehen wir auf dem Turm des Bärensteines, wo der Blick über das sonnegleißende Gewirr der Schieferdächer von Bärenstein, Weipert, Schlettau, weiterhin Buchholz und Annaberg fliegt. Greifbar nah ist der Gebirgskamm mit den Bergriesen Keil- und Fichtelberg nun schon gekommen.

Bergab gestiegen führt der Weg an spärlichen Feldern mit den richtig erdverwachsenen Erzgebirgshäuseln vorüber. Dann nehmen uns die meilenweiten Nadelwälder auf. In der Waldeskühle am heißen Sommertag ein köstlich Wandern. Lichtübergossene Schonungen öffnen sich, raunen die geheimnisvollen Stimmen des Waldes. Auf der „Dorfstraße” kommen wir, immer im Nadelwald nach Kretscham-Rothensehma; die Handvoll Anwesen wie ein Blütentraum in der Wucht der Bergwälder.

Weiter geht es zum Fichtelberg. Es kostet manchen Schweißtropfen, ehe der Gipfel des sächsischen Bergkönigs auf der „Himmelsleiter” in der unbarmherzig brennenden Nachmittagssonne erstiegen ist. Mit dieser Himmelsleiter ist es nämlich merkwürdig; immer meint man auf diesem unübersehbar in Terrassen aufsteigenden Weg, die letzte „Sprosse” erreicht zu haben, aber noch eine, und noch eine und immer wieder eine Sprosse setzt sich auf die andere, bis man schließlich glaubt, der Weg ist verzaubert! Aber dann ist es doch geschafft: wir sind auf dem Gipfel des Fichtelberges mit seinen krüppeligen Bergfichten. Auf dem Bergplateau, wo neben dem Berggasthaus die Wetterwarte errichtet ist, fand neuerdings auch die Bergstation der Seilschwebebahn ihren Platz. Reges Leben herrscht hier. Wandervögel, Spaziergänger, Autos, Zelte. Und die Wagen der Seilschwebebahn bringen immer neue Scharen von Oberwiesenthal herauf. Drinnen in den Räumen des Berggasthauses erklingen, zur Zither gesungen, heimatliche Erzgebirgsweisen; gern steckt man die Füße unter den Tisch. Vom Turm fliegt dann der Blick über die unermeßlichen Wipfelflächen der Berge; im Tal liegt spielzeugwinzig Oberwiesenthal.

Zum Keilberg … An der Wetterwarte vorüber führt der Prinzenweg immer auf der Höhe zwischen Fichten dahin. Bald werden die erst gutgewachsenen Fichten krüppelig, sturmgebeugt, verwettert. Frohgemut streift man dahin, die Lungen in der reinen Höhenluft weitend. Dann hören die Fichten auf. Wir sehen das Neue Haus liegen, an dem unser Weg vorbei führt. Steigen die Straße wieder empor. Verkrüppelt stehen auch hier die Landstraßenbäume. Dann führt der bezeichnete Weg wieder durch Nadelwald. Nach eineinhalb Stunden Wanderung haben wir das Keilberghaus erreicht. In den Berghausräumen geht es lebhaft her. Die Zeche wird in Kronen gefordert. Den Rodelbahnweg zwischen schön gewachsenen Fichten, von denen jede einzelne dasteht wie eine Bergkönigin, wandern wir bergab, bis wir, aus dem Hochwalde heraustretend, Oberwiesenthal, die Hütten noch winzig um die Spitzturmkirche geschart, liegen sehen.

Dann sind wir in den Berggassen von Deutschlands höchstgelegener Stadt. Als Luftkurort und ernsthafter Wintersportplatz von gutem Ruf. Am baumumkränzten Marktplatz steht die bunte Postmeilensäule aus Augusts des Starken Tagen zwischen Hotels und Kaufladenhäusern. Rundum schauen die Wiesenhänge und die Hochwälder auf den beiden Berggipfeln in die Bergstadt herein.

Der nächste Morgen sieht uns nochmals bergaufsteigend auf der Straße zwischen Fichtel- und Keilberg. Prachtvoll ist der Rückblick über die Bergwelt. Wir wandern nun auf der Tellerhäuser Höhenstraße. Drüben liegt Gottesgab, dahinter der Spitzberg, Heimat des erzgebirgischen Liedersängers Anton Günther. An der Straße die Tellerhäuser, das höchstgelegene sächsische Dorf. Bescheidene Berghäuser, durch deren Höfe von den Bergwäldern herabstürzende Bächlein eilen. Lange geht es durch Wald. An der Straße tannenumschirmte Wirtshäuser, an deren Tischen im Grün fröhliche Zecher sitzen. Wandervögel kommen vorüber, die mit scherzendem Zuruf, Sang und Klampfenklang bergauf ziehen. Märchenhaft sonst die Nadelwaldstille. Die Sonne spielt in den Tannenwipfeln, Kringel liegen auf dem Waldboden. Fröhlich singen die Vögel. Silbernes Wellenspiel in den raunenden Bächen. Bis dann am „Ehrenzipfel” in der Nähe von Oberrittersgrün die Landschaft plötzlich wildromantisch aufwächst zu hohen Bergen und Wäldern. Und der Wanderer wird jauchzend gewahr, wie schön das Land und die Stunde. Breitspurig steht das Zollhaus mit den Schranken an der Straße. Grenzland … An dem weit ausgebreiteten Osthange weit zerstreut die Anwesen.

Ueber Dorf Breitenbrunn, eine Viertelstunde längs des tobenden Schwarzwassers, dann nördlichen Weg einschlagend, erreichen wir auf der bergauf-bergab führenden Waldstraße, beim Jägerhaus am Ochsenkopf vorüber, gegen Abend die Morgenleite. Abend ist es inzwischen geworden; die Tannen werfen gespenstisch lange Schatten. Tiefe Abendruhe über den düsteren Wäldern.

Auf der sturmumwehten Plattform des Turmes kommen wir gerade zum Sonnenuntergang zurecht. Die ganze Bergwelt loht in einem rotgoldnem Flammenmeer. Strahlende Goldkronen setzt die Sonne den unzählbaren Fichtenwipfeln zu unseren Füßen auf; über die ganze Welt hat sie einen seltsam verklärenden Goldschimmer gebreitet. Wälder, Feldmaßwerk, die zerstreuten Dörfer mit ihren weißleuchtenden, grauschiefernen Häuseln läßt sie farbensatt erscheinen. Im Süden der weite, waldbedeckte Gebirgskamm mit seinen mächtigen Bergen, zwischen denen manch Dörflein, manch Kleinstädtlein hervorlugt. Dort das Tal des Schwarzwassers mit Schwarzenberg im Tale. Dort angeschmiegt an weite Anhöhen die Kleinstädte Grünhain, Elterlein, Scheibenberg. — Kuppen und Bergspitzen. Und dort wieder abflachende weite Bergwälder. Im Jägerhaus am Ochsenkopf bleiben wir zur Nacht.

Den dritten und letzten Tag verbrachten wir recht behaglich in den Bergwäldern, bis es Zeit wurde, den schmalen, steinigen Bergpfad hinab nach Conradswiese, dann die schöne Waldstraße nach Aue mit ihren öfteren Ausblicken, einzuschlagen. Von Aue, der gewerbfleißigen Industriestadt, ging es dann mit der Bahn wieder heimwärts.

K. H.