Zur 500. Wiederkehr der Tage des Hussiteneinfalles ins Erzgebirge.
Von Schuldirektor Paul Thomas – Schlettau.
(Schluß.)
Erzgebirgische Heimatblätter. Beilage der Obererzgebirgischen Zeitung. Nr. 28 – Sonntag, den 7. Juli 1929. S. 2
Jeder einzelne Bestandteil des Heeres hatte seinen bestimmten Standort und seine bestimmten Verrichtungen, sowohl beim Marsch, als auch im Lager und vor allen Dingen in der Schlacht. So glich alles einem lebendigen Organismus, und gerade dieser vorzüglichen Organisation verdankten die hussitischen Führer ihre überraschenden erfolge in der Feldschlacht.
Von den Ortschaften im Erzgebirge, die besonders schwer unter dem Hussiteneinfall gelitten haben, erwähnt Lehmann zuerst Lößnitz. Die Stadt muß viel Kriegsschrecken ausgestanden haben. Noch zu Magister Lehmanns Zeiten lagen um Lößnitz herum eine Anzahl wüster Dörfer, und in der Erde wurden unausgesetzt Hussitenpfeile gefunden. Ob sich die Lößnitzer ernstlich gewehrt haben, vermag der Chronist leider nicht anzugeben.
Das Städtlein Grünhain und das Kloster haben die Feinde 1429 ebenfalls gänzlich verwüstet, die Mönche totgeschlagen, ihr Vermögen geplündert und mit sich weggeführt, auch die Klostergebäude niedergerissen und vollständig zerstört. (Wenn die Hussiten gerade im Kloster zu Grünhain so furchtbar hausten, so ist das verständlich, weil sich ihr ganzer Zorn gegen die Abtei richtete. Der Grünhainer Abt Bernhard II. hatte nämlich, wie die Hussiten in Erfahrung gebracht hatten, auf der Kirchenversammlung zu Konstanz für Hussens Tod gestimmt.)
Lehmann fährt fort: Also sollen auch das Klösterlein in der Zelle an der Mulde bei dem Städtchen Aue verwüstet haben. Schwarzenberg am Pöhlaer Paß haben sie ganz eingeäschert, die Stadtmauer bis auf den Grund abgebrochen.
Crottendorf wurde total ausgeplündert, die Kirche verwüstet und die Wöchnerinnen, die Kinder und die Kranken in den Betten erstochen. Das Dorf Kraxdorf, das auf der Höhe zwischen Scheibenberg und Neudorf gelegen, haben sie dem Erdboden gleich gemacht. Kraxdorf ist nicht wieder aufgebaut worden. Dafür entstand im Grunde das neue Dorf = Neudorf.
Ganz ähnlich erging es Zwönitz. Hier hatten die Hussiten furchtbar gehaust. Die Einwohner haben sich lange Zeit in den Wäldern aufhalten müssen, bis die Stadt halbwegs wieder aufgebaut war.
Auch Burgstädtel zwischen Grünhain und Elterlein verschwand vom Erdboden und ist nur ganz dürftig wieder aus Schutt und Asche erstanden. Ein paar einzelne Häuser erinnern heute an den ehemals nicht unbedeutenden Platz. Man nimmt an, daß hier auch eine Burg stand, deren Mannen wie die Schlettauer Burgsassen zu Geleitdiensten auf der alten Handelsstraße verpflichtet waren.
Elterlein wurde so mitgenommen, daß es lange Zeit unbewohnt gelassen wurde.
Von Schlettau zitiert Gehlofen in seiner Chronik von Schlettau eine alte Nachricht, in der es heißt: „1425 kam das Geschrei, wie die Hussiten in Böhmen willens wären, in das Meißner und Sachsenland einzufallen. Darüber erhob sich ein Schrecken. Allenthalben wurde man rege, um Städte und Schlösser warf man Gräben auf, besserte Tore und Mauern, haute Schläge und Brustwehren nach eines jeden Ortes Gelegenheit. Im Jahre 1429 fielen die Hussiten in das Städtlein Schlettau ein, denn sie hatten erfahren, wie der Abt zu Grünhain Bernhard II. auf der Kirchenversammlung zu Kostnitz gegen Huß gestimmt hatte, und wollten daher die Klöster Schlettau und Grünhain zerstören. (Wir sehen, diese alte Nachricht ist nicht ganz zutreffend. Schlettau hat nie ein Kloster gehabt. Es ist aber richtig, daß Schloß und Stadt Schlettau um die fragliche Zeit zum Kloster Grünhain gehörten, und daß den Hussiten der Ort ein willkommenes Objekt war, an dem sie ihren Rachedurst stillen wollten.)
Ein Bewohner Schlettaus hatte sich auf den Weg nach Crottendorf gemacht. Da mitten im Walde sieht er einen hellen Schein und hört die Feinde reden. Da er der böhmischen Sprache mächtig war, vernimmt er, wie die Böhmen die Absicht kund tun, in der Stadt Sleten oder Sletain einzufallen. Auf Umwegen kehrt er zurück, um die Einwohner mit den Worten zu warnen: „Feinde, Feinde! Die grimmigen Hussiten!” Wolf Bernd, der tätige Bürgermeister, trifft alle Vorsichtsmaßregeln und verteilt seine Mannschaften auf die Mauern und Türme der Stadt. Wie aber die Bürger sich verteidigten, endlich brechen die Hussiten doch durch das Pförtchen unweit des Elterleiner Tores in die Stadt ein und verwüsten sie auf alle Weise.”
Bei einer Hauptreparatur am Schlettauer Kirchturm im XVIII. Jahrhundert fand man im Knopf des Turmes mehrerer Hussitenpfeile, und heute noch werden hin und wieder bei Erdarbeiten und Ausschachtungen Harnischstücke, Pfeile und Eisenteile aus der hussitischen Schreckenszeit ausgegraben. Jenisius, der belesene Chronist von Annaberg, merkt noch an, daß Schlettau von den Hussiten so arg mitgenommen worden ist, daß sich die Stadt in vielen Jahren nicht wieder erholen konnte.
Die Hussitenunruhen hatten für Schlettau übrigens noch eine bedeutsame Folge. Als die Grünhainer Mönche ihr Kloster wieder aufbauen wollten, verpfändeten sie das Schloß zu Schlettau, um das nötige Baukapital zu gewinnen. Die Burg ging auf diese Weise zunächst in den Besitz eines Sigismund von Miltitz über, der es aber bald darauf weiter an den Landesfürsten verpfändete.
Magister Lehmann erzählt weiter: Die Dörfer Sehma, Cranzahl und die Waldhäuser am Bärenstein, die alle zum Kloster Grünhain gehörten und „an der Straße” (d. i. an der alten Salzstraße) lagen, wurden übel zugerichtet, auch Preßnitz über dem Wald wurde nicht verschont. Zschopau und Scharfenstein, in deren Schlösser sich die Bewohner mit dem Vieh zurückgezogen hatten, kamen glimpflicher weg, dagegen mußte Wolkenstein wieder Furchtbares aushalten. Schmalzgrube wurde niedergebrannt. Im böhmischen Schmiedeberg leistete der Hammerherr Siegel mit seinen Hammerburschen tapferen Widerstand, bis sie von den Hussiten umgangen und fast gänzlich aufgerieben wurden. Auch dem Dörflein Giersdorf (an dessen Stelle später Jöhstadt erstand) haben die Hussiten den Garaus gemacht.
Die Städte Annaberg und Buchholz standen damals noch nicht. Man erzählt aber, daß Prokop lange Zeit in dem Tale lagerte, wo späterhin Buchholz gebaut wurde, und daß es ihm dort so gut gefiel, daß er den Ausspruch getan haben soll: „Hier baue ich mich an, und sollte es den letzten Heller kosten.” Daher soll noch heute eine Wirtschaft bei Frohnau den Namen „Der letzte Heller” führen.
Durch die Hussiten war eine grenzenlose Verwirrung und Unsicherheit ins Land gekommen. Diese Atmosphäre wurde nun bedauerlicherweise auch noch von lichtscheuen Elementen ausgenützt, die in den Jahren nach dem Hussiteneinfalle im weiten Kreis des Gebirges als Räuber und Wegelagerer ihr Unwesen trieben. Beschämend war es, daß sich auch Leute aus ritterlichen Geschlechtern zu einem so verwerflichen Handwerk hergaben. So beunruhigte der gefürchtete Raubritter Nikel Mönch die Gegend von Lößnitz bis Schlettau mit seinen Raubzügen und Ueberfällen, bis man seiner habhaft wurde, worauf man ihn am 3. August im Schloß zu Schlettau den Prozeß machte
So erweckt das Jahr 1929 für unsere erzgebirgische Heimaterde trübe Erinnerungen. Vielleicht gibt die 500. Wiederkehr dieser Tage Veranlassung, genauere Nachrichten über die denkwürdige Zeit zu sammeln, um ein vollständiges Bild von den Kriegsschrecken zu gewinnen, die die fanatischen „böhmischen Ketzer” in unser Erzgebirge hineintrugen.