Die Tragödie des Scheibenbergs.

Erzgebirgische Heimatblätter. Beilage der Obererzgebirgischen Zeitung. Nr. 24 – Sonntag, den 9. Juni 1929. S. 1 – 2.

Mehrmals am Tage kommt es donnerähnlich vom Scheibenberg herunter. 10, 12 und noch mehr Sprengschüsse erwecken einen dumpfen Widerhall an den Hängen des Zschopautales, und manchem alten Kriegsmann werden Erinnerungen aus der Feldschlacht wach, wenn sich dort oben am Berge die Sprengschüsse lösen und der unheimliche Schall sich wie Kanonendonner über die stille Gebirgsflur wälzt. Man rückt dem alten Basaltberge herzlos zu Leibe. Mit den ausgeklügelten Hilfsmitteln neuzeitlicher Technik hat man den Koloß bezwungen, und Meter um Meter des vielbegehrten und gesuchten Basaltgesteins ist dem „Altar für Kultur und Fortschritt” zum Opfer gefallen. Wenn das in demselben Tempo weiterginge, dann würde sich über kurz oder lang die Tragödie des alten Riesen vollenden: ein schönes Naturdenkmal müßte aus unserer erzgebirgischen Heimatflur verschwinden, markante Linien, die dem heimischen Horizonte Gestalt und wundersames Leben gaben, würden zu einem Nichts zusammenschrumpfen, und unsere herrliche Gebirgswelt würde um ein köstliches Stücklein seines Formenschatzes ärmer sein, wenn einmal der Scheibenberg von der scharf ausgeprägten urgebirgischen Kuppe zwischen Zschopau- und Mittweidatal wegrasiert wäre. Wir würden mit dem Scheibenberge aber nicht nur ein schönes, sondern auch ein wissenschaftlich hoch interessantes Naturdenkmal verlieren. Der alte Bergrat Werner von der Freiberger Bergakademie, der die Zierde des akademischen Lehrkörpers daselbst in den Jahren von 1775 bis 1817 bildete, begründete nach dem eingehenden Studium der merkwürdigen geologischen Verhältnisse am Scheibenberge die Theorie des Neptunismus, nach welchem der Ozean der Quell aller Bildung der Erde ist. Obgleich einer seiner befähigsten Schüler, Leopold von Buch, dieser Wernerschen Theorie später die Theorie des Vulkanismus entgegenstellte, so blieb in der wissenschaftlichen Welt doch der Scheibenberg ein ausgesuchtes Studienobjekt, an dem sich viele Rätselfragen über die Bildung unserer Erdrinde restlos klären.

Schon vor dem Kriege hatte, wie noch erinnerlich sein dürfte, der Heimatschutz sich geharnischt gegen die Verstümmelung des prächtigen Berges gewendet, aber gerade während des Krieges und in den Jahren nachher haben die unheimlichen Bohrwerkzeuge und die furchtbaren Sprengstoffe unbeugsam in dem Gefüge des Berges gewüstet. Es scheint schon, als habe der einst so trutzige Berg seinen ganzen inneren Halt verloren. Wäre es ein Wunder, wenn jahraus, jahrein täglich ein halb Hundert Sprengschüsse in seine Glieder fahren? Schon mehrmals haben sich im Bereich des Scheibenbergs Bergstürze vollzogen. Besonders auf Schlettauer Seite sind im Verlauf der letzten Jahrzehnte wiederholt Partien der malerischen Orgelpfeifen eingestürzt. Dieser Prozeß scheint nunmehr aber in ein verhängnisvolles Stadium gerückt zu sein. Wer den Berg von der Schlettauer Seite aus besteigt, findet oben auf der Höhe Warnungstafeln: „Vorsicht! Lebensgefahr! Der Vorplatz des Berges ist im Absinken!” Und tatsächlich! Es hat sich erst in allerjüngster Zeit wieder ein solcher grandioser Abbruch vollzogen. Ein ungeheueres Massiv der Basaltsäulen ist nach dem Schlettauer Bruche abgestürzt, und oben auf der Höhe hat sich ein Spalt gebildet, der an die 30 Meter tief sein dürfte und stellenweise weiter als 10 Meter klafft. Nun wäre es ja widersinnig, behaupten zu wollen, daß an den Bergstürzen allein die fortgesetzten Wirkungen der Sprengungen die Schuld trügen. Zweifellos haben auch die strengen Winter, vor allem der vergangene, viel auf dem Gewissen. Das in die Spalten der Basaltsäulen eingesickerte Wasser gefror dort und das Eis sprengte die gewaltigen Massen auseinander. So sind auch in den Alpen die meisten Bergstürze auf die Tätigkeit des Wassers zurückzuführen.

Kopie
Ein Riß im Berge und die eingestürzten Basaltsäulen.

Wir haben mit unserer Kamera diesen Riß im Berge festgehalten, und auch die eingebrochenen Basaltsäulen auf Schlettauer Flur brachten wir auf die photographische Platte. Zur Beruhigung der Naturfreunde sei aber gesagt, daß dem Basaltabbau am Scheibenberg ein Ziel gesetzt ist, daß also an ein Wegrasieren gar nicht gedacht ist. Der Vertrag, den die Stadt Schlettau mit der abbauenden Firma Krebs geschlossen hat, läuft nur noch kurze Zeit. Es wäre ja auch nicht zu entschuldigen, wenn wir Menschen das, was die Natur zur Freude unseres Geschlechtes schuf, hartherzig zerstören würden.

Die Stadt Scheibenberg hat übrigens den Abbau ihrerseits schon seit Jahren eingestellt.