Erzgebirgische Heimatblätter. Beilage der Obererzgebirgischen Zeitung. Nr. 25 – Sonntag, den 16. Juni 1929. S. 1 – 2.
Aus dem Reisetagebuch einer Schulklasse.
Ein Beitrag zur Frage: Die Jugendherberge als Schullandheim.
Gleich nach Ostern 1928 überraschte uns unser Klassenlehrer, Herr P., mit einem Plan, der bei uns ein lautes Echo fand. Er wollte uns auf acht Tage aus der Großstadt hinaus nach der Bezirksjugendherberge Rittersgrün führen. An einem Klassenelternabend gewann er die Eltern für unser Vorhaben. Mit den Eltern, die nicht an jenem Abend anwesend waren, verhandelte Herr P. persönlich. Das Schulamt genehmigte unseren Plan und bewilligte uns 85 Mk. Unterstützungsgeld für Kinder und Begleitperson. Wir selbst in der Klasse fingen sofort an zu sparen und richteten auch eine Hilfskasse ein. Franziska M. versorgte die Wandersparkasse. Damit wir von unserem Unternehmen einen Gewinn haben sollten, legten wir uns ein Arbeitsbuch an. Wir zeichneten eine Eisenbahn- und Wanderkarte ein; wir suchten die günstigste Zugverbindung aus, stellten Fahrpreis- und Gepäckberechnungen an und teilten die Klasse in Gruppen ein. Das große Reisegepäck bestand aus einem Reisekorb und einem großen Sack, in dem sich unsere Kopfkissen und Decken befanden. Alles andere Gepäck, das wir bis ins kleinste zusammengestellt hatten, mußte der Rucksack aufnehmen. Einige Tage vor der Abreise packten wir einmal einen Rucksack mit vollständigem Reisegepäck. Die Abreise hatten wir auf Freitag, den 22. Juni 1928, 14¾ Uhr, festgesetzt. Wir brachten deshalb am Donnerstag unser großes Reisegepäck auf den Bahnhof. Mit Ungeduld erwarteten wir die Abreisestunde. Wenn nur der Himmel ein Einsehen mit uns hätte und ließe nach den vielen Regenwochen endlich die Sonne scheinen! Der Unterricht am Freitag früh will nicht schmecken. Unsere Gedanken weilen schon in Rittersgrün. Die letzte Unterrichtsstunde wird uns geschenkt, damit wir zur rechten Zeit zur Stelle sein können. Pünktlich 14½ Uhr sammeln wir uns am Bahnhof. Einige Mütter sind zum Abschiednehmen mitgekommen. Meine Mutter ist auch dabei. Unser Zug wartet Bahnsteig 16. Wir finden unseren schon am Tage vorher bestellten Wagen am Ende des Zuges. Wir legen unser Gepäck ab, jeder sucht sich sein Plätzchen und denkt, er sitze in einem amerikanischen Pullmanwagen, denn nach rückwärts versperrt uns nichts die Aussicht. 14.43 Uhr fährt der Zug ab. Mit fröhlichen Gesichtern und unter Tücherschwenken verlassen wir den Hauptbahnhof. Wir müssen doch Engel sein, denn der Himmel hat unseren Wunsch erfüllt. Die Sonne strahlt in einem Glanze, daß wir wünschen, es möge doch so bleiben. Bei einer wird die Freude durch Heimweh verdrängt. Aber inmitten der lustigen Reisegesellschaft wird sie wieder fröhlich. Alle haben nur einen Gedanken: Rittersgrün. Der Zug bringt uns das Zwönitzttal hinauf über Einsiedel, Thalheim, Zwönitz, Lößnitz nach Aue. Interessant ist uns auf der Fahrt die große Lößnitzer Schleife. In Aue müssen wir umsteigen. Eilig hasten die Leute nach dem Annaberger Zug, um sich ein Plätzchen zu sichern. Die Plätze der 4. Klasse sind in Aue besetzt. Da lacht wohl mancher, der uns vor dem Zuge stehen sieht, doch wer zuletzt lacht, lacht am besten. Wir bekommen Plätze in der 3. Klasse angewiesen. Der Zug fährt jetzt bis Schwarzenberg im Schwarzwassertal, von da an bis Grünstädtel im Pöhlwassertal aufwärts. In Grünstädtel verlassen wir den Zug, denn von hier aus soll uns eine Kleinbahn nach Rittersgrün bringen. Der Aufenthalt von ¾ Stunde wird uns nicht lang. Wir sehen zu, wie die Güterzüge rangieren. Da kommt auf einmal der „Rittersgrüner Expreßzug“ um die Ecke. Er soll uns nach unserem Ziel bringen. Wir nehmen im Zuge Platz und bald befinden wir uns mitten unter Erzgebirglern. 18.43 Uhr fährt keuchend der Zug ab. Heute hat die Lokomotive besonders schwer zu ziehen. Die Bahn kreuzt bald das Pöhlwasser, bald die Landstraße und schlängelt sich das Tal immer höher hinauf. Wir merken, daß wir dem Ziele näher kommen, denn immer enger wird das Tal. Als wir plötzlich die Herberge vom Waldrand rechts oben grüßen sehen, verwandelt sich unsere Ungeduld in Begeisterung und Freude. Dort oben sollen wir acht Tage hausen! Punkt 19.20 Uhr läuft der Zug im Unterrittersgrüner Bahnhof ein. Vier Stunden Bahnfahrt haben wir hinter uns. Sie sind uns nicht lang geworden, an Abwechslung fehlte es nie. Der Ortsschmied, der zugleich Bahnhofsvorsteher und Gepäckausgeber ist, händigt unser Gepäck aus. Er ist ein großer, starker Mann in den fünfziger Jahren. Aus seinem faltenreichen Gesicht lachen uns zwei gutmütige Augen an. Der Schmied ist der erste Erzgebirgler, den wir etwas näher kennenlernen. Er läßt sich mit uns in ein Gespräch ein und findet auch für uns einige spaßige Worte. Dabei schmeckt ihm seine Pfeife vortrefflich. Interessiert schaut dann der Schmied, wie aus dem großen Sack die Kopfkissenpäckchen eins nach dem anderen zum Vorschein kommen. Vollbepackt klettern wir Großstädter die Anhöhe zur Herberge hinan. Immer näher rückt das Ziel. Wir erkennen Einzelheiten und entdecken auch, daß schon eine Klasse sich vor dem Heim tummelt. Wir sind aber auch bemerkt worden, und werden schon von weitem mit einem Hallo empfangen.

Die Sonne sendet ihre letzten Strahlen über die Wipfel der Bäume, als wir einziehen. Da kommen uns auch schon die Herbergseltern entgegen; sie heißen uns herzlich willkommen. Voll Erwartung drängen wir uns durch die Tür. Viel Zeit zum Umsehen gibt es heute abend nicht. Wir sind zu abgespannt und froh, als wir in einem kleinen Raum vorläufig unser Gepäck ablegen können. Außerdem verlangt der Magen auch sein Recht. Der gute Geruch, der aus der Küche dringt, erregt unseren Appetit noch mehr. Wie schmeckt uns doch heute das Abendbrot in Gesellschaft an weiß gescheuerten Tischen so gut! Während die Schlafräume im ersten Geschoß verteilt, die Bettdecken und -laken ausgegeben werden und jeder sein Lager behaglich einrichtet, holen sechs Mädchen mit einem Handwagen das schwere Reisegepäck, den Korb und die Konserven. Ich kann von meinem Schlafsaal aus den Vorplatz und den Wald sehen. Ich muß den Schlafraum mit zwölf Klassenschwestern teilen. Bei der Arbeit im Schlafsaale gibt es viel Spaß. Die Müdigkeit ist scheinbar verflogen. Als es vom Rittersgrüner Kirchturm 10 Uhr schlägt, legen wir uns schlafen. Als die Sonne ihre ersten Strahlen ins Rittersgrüner Tal schickt, lassen sich viele von ihr wachküssen. Die eifrigsten fangen an, Schuhe zu putzen, und die Sportlustigen spielen mit dem Ball auf dem Vorplatz der Herberge. Keiner ahnt, daß es erst 4½ Uhr ist. Da kommt auch schon Frau Wendler und jagt uns Frühaufsteher wieder ins Bett. Wir aber finden keine Ruhe, sondern warten auf das allgemeine Wecken um 7 Uhr. Zu dieser Zeit kommt Leben in die Herberge. Das frische Bergwasser im Waschraum macht uns munter. Nach dem Kaffeetrinken schaffen wir in unserem Zimmer Ordnung. Wir hatten uns schon vor der Abreise nach Rittersgrün eine Tageseinteilung fertiggestellt, die wir im großen und ganzen durchführen wollen. Unser Führer zeigt uns nun erst einmal die Herberge mit all ihren Ecken und Winkeln und macht auf dieses und jenes aufmerksam. Wir haben unser Lager so schön eingerichtet, daß vor allem die Herbergsmutter und auch an anderen Tagen die Besucher davon entzückt sind. Nach der Besichtigung des Innern schauen wir uns außerhalb der Herberge um. Wir sitzen am Brunnen und orientieren uns an Hand unserer Meßtischblätter. Bei dieser Arbeit hilft uns auch der Kompaß. Als laufende Arbeit wollen wir uns mit dem Thermometer und dem Barometer beschäftigen. Am Ende unseres Aufenthaltes sollen zwei Kurven entstanden sein, eine Wärme- und eine Luftdruckkurve. Es werden einige bestimmt, die täglich dreimal, um 8, 12 und 18 Uhr, die Apparate ablesen sollen, damit wir dann täglich abends die Ergebnisse in die Kurventafel eintragen können. Die Einrichtung und den Gebrauch des Thermometers kennen wir von früher. Das Barometer dagegen ist uns etwas ganz Neues. Wir staunen, daß der Zeiger des Barometers auf seiner Reise von Chemnitz nach Rittersgrün von „Schön Wetter“ auf „Sturm“ gerückt, trotzdem das Wetter dasselbe geblieben, ja vielleicht noch herrlicher geworden ist. Diese Beobachtung benutzt Herr P. zu seiner Erklärung. Das schöne Wetter läßt uns nach zwei Stunden Unterricht gar nicht mehr aufmerksam zuhören. Die Sonne sagt: „Jetzt ist es genug, zieht euren Turnanzug an und tummelt euch auf der Wiese!“ Das tun wir auch genügend. Die Höhenluft tut uns gut und schafft einen gesunden Appetit. Wie würde sich meine Mutter freuen, wenn sie mich jetzt beim Mittagessen beobachten könnte! Es schmeckt tatsächlich in Gemeinschaft viel besser. Nach dem Mittagessen finden sich täglich einige bereit, der Herbergsmutter zu helfen. Der Nachmittag sieht uns wieder auf unserer Wiese. Es kommt ein Wasserkampf zustande zwischen uns und den Wittgensdorfer Jungen. Aus dem Brunnen schöpfen wir mit Marmeladeneimern, die wir aus irgendeiner Ecke der Herberge hervorgeholt haben, erfrischendes Bergwasser und taufen den Gegner gehörig. Wir lassen uns keine Schwachheit spüren, aber auch wir bekommen unser Teil. Frau Kl. kommt mit dem Vesperbrot. Wie hungrige Wölfe verschlingen wir die Schnitten. Wir sinnen dann auf etwas Neues. Das „Wippen“ macht uns ganz besonderen Spaß. Nachdem wir ausgetobt haben, erledigen wir unsere Post. Nach unserem Plan haben wir uns vorgenommen, täglich nach dem Abendbrot, wenn das Wetter günstig ist, einen kleinen Bummel zu unternehmen. Heute führt uns der Weg nach dem Taubenstein. Von hier aus sehen wir weiter nichts als den schweigenden Wald, bis hinüber zum Auersberg. Ein wunderbarer Sonnenuntergang und ein herrliches Abendrot lassen uns für den kommenden Tag auf schönes Wetter hoffen. Leider können einige Mädchen das Schauspiel nicht miterleben, denn sie spielen „Räuber und Prinzessin“ im Wald. Heute abend gehen wir zeitig schlafen. Wieder guckt der Mond zum Fenster herein. Bald liegen alle in süßem Schlummer und träumen in den Sonntag hinein.