Zur 35. Hauptversammlung des Bundes der Deutschen in Böhmen.
(28. Juni bis 1. Juli.)
Erzgebirgische Heimatblätter. Beilage der Obererzgebirgischen Zeitung. Nr. 26. – Sonntag, den 23. Juni 1929. S. 1 – 2.
Dort wo die Straße aus Sachsen das damalige Sumpfgelände am Kommerner See überwunden hatte und unter dem Schloßberg wieder festen Boden betrat, dort erwuchs im dreizehnten Jahrhundert die deutsche Stadtsiedlung Brüx. Der Handel mit Mittel- und Norddeutschland bildete die Quelle wirtschaftlichen Erstarkens; die politische Bedeutung ergab sich aus der Gegnerstellung der königlichen Stadt zu den Siedlungen des slawischen Gaues und aus der Grenzstellung. So wird die Stadt auch einer der Stützpunkte für die deutsche rodende Bauernschaft, die in den Grenzwald vordringt. Nach Magdeburger Recht ist der innere Aufbau der freien Stadt geordnet. Die Burg Landeswart über der Stadt wird ebenfalls landesfürstlich und wächst zu einer der wichtigen Wächterinnen an dem Landesstrom heran. Aber nicht von außen kommt der Sturm, dem Burg und Stadt den härtesten Widerstand entgegensetzen müssen. Die Abwehr des taboritischen Heeres, die dank der rechtzeitigen Hilfe durch die Meißner Ritterschar zur vernichtenden Niederlage der Hussiten am 5. August 1421 führt, ist eines der stolzen Geschehnisse in der Stadtgeschichte, das durch den heldenhaften Tod des Ritters Ramphold Gorenz noch verklärt wird. Vierzig Jahre bleibt dann Burg, und, etwas kürzer, auch Stadt Brüx in der Hand der Meißner Markgrafen, als Pfandherrschaft. Es ist die Zeit eines starken Wachstumes der Stadt. So kommt es, daß zu Beginn des neuen (16.) Jahrhunderts die Stadt aus einem völlig vernichtenden Brand in gewaltigem Neuaufbau künstlerisch reich gestaltet hervorgehen kann. Sächsischer Schule entstammen die Meister, die in der Dekanalkirche, einen der schönsten spätgotischen Kirchenbaue aufrichten, die ihn mit Altären und Bildwerken ausstatten. Und zum drittenmal schlägt über Sachsen starkes deutsches Lebern herein, zu Ende des Jahrhunderts ist es der neue Glaube und die neue Forschung. Brüx beherbergt eine der ganz starken protestantischen Gemeinden und eine stattliche Anzahl bedeutender Köpfe halten sich in Brüx auf oder entstammen der Stadt. Hammerschmidt, Dernschwamm, Barthold, Westonia sind nur einzelne Namen. Der große Krieg wirft dann die Entwicklung entscheidend zurück, die Stadt muß sich nun völlig umstellen und jetzt gewinnt der große Grundbesitz, den sie im Laufe des sechzehnten Jahrhunderts erworben hatte, maßgebende Bedeutung für die Stadtwirtschaft. Der große Brocken war Schloß und Grundherrschaft Landeswart, deren Gebiet längs der Zollstraße Forste und Siedlungen im Erzgebirge einschloß. Die Kriege des 18. Jahrhunderts zeigen die Bürger allzeit wehrfähig und stören den wirtschaftlichen Wiederaufbau der nunmehr ausgesprochenen Landstadt nicht ernstlich. Erst das neunzehnte Jahrhundert bringt einen neuen Pulsschlag, mit der Verwertung der Braunkohlenschätze. Und seit dem letzten Drittel des Jahrhunderts stürmt die Flut der Industrialisierung mit der Erbauung der Bahnlinien, vielfach alle Wertmaßstäbe überstürzend, über die Stadt. Der erste Sturm ist heute vorüber, das Stadtbild und die Zusammensetzung der Bevölkerung hat sich entscheidend verändert, außer einem Fabriksviertel sind zwei stattliche Wohnviertel zum alten Stadtkern hinzugekommen, leider ist auch dieser nicht unverschont geblieben. Außer einem starken deutschen Zustrom hat die Stadt im Laufe der letzten 50 Jahre auch eine tschechische Bevölkerung erhalten, die heute nahezu ein Drittel der Gesamtbevölkerung (rund 28000 Einwohner) ausmacht. Die Stadt ist äußerlich zur ausgesprochenen Kohlenbergbaustadt geworden, innerlich überwiegen Beamte und Gewerbetreibende, da die Arbeiter vielfach in den umliegenden Dörfern siedeln. Diese Struktur ist bedingt durch den Sitz des Kreisgerichtes und zahlreicher Behörden, andererseits durch die drei Direktionen großer Bergbaugesellschaften. Die Industrien, die zur Kohle gezogen sind, spielen demgegenüber eine zweite Rolle, seit das Kriegsende die Marktverhältnisse Mitteleuropas umgestaltet hat und noch immer umgestaltet. Die Stadt selbst besitzt in ihrem großen Grundbesitz, dessen letzte große Erwerbung die Herrschaft Trschiblitz zu Beginn des 20. Jahrhunderts bildete, den entscheidenden wirtschaftlichen Rückhalt, der sie vor den kleinen wirtschaftlichen Krisen bewahrt. Eine großgebaute Talsperre in Verbindung mit einem sorgfältig ausgebauten Leitungsnetz hat auch diesen Lebensstoff einer neuzeitlichen Stadt neben der Elektrizität und dem Gas, die aus eigenen Werken bezogen werden, gesichert. Und auch auf geistigem Gebiete steht alles im Zeichen der Sammlung des Vorhandenen und inneren Ausbaues des Lebenskräftigen. Ein eigenes Theater hat die Stadt schon vor dem Kriege erbaut, geschichtsbewußt werden seit Jahren Archiv und Museum zu Forschungs- und Bildungsstätten, die Stadtbücherei zu einem zweiten Brennpunkt der Bildung Erwachsener ausgebaut, so daß die Stadt zu dem Aufbau der Schulen, der von den Volksschulen über Gewerbeschulen zu den Mittelschulen führt, auch den weiteren Ausbau stellt. Ebenso werden durch ein Kindertagesheim, zwei Ferienheime und ein Erholungsheim im Gebirge die älteren bezw. Die staatlichen Fürsorgeanstalten ergänzt, oder, wie beim Bezirkskrankenhause und Bezirkskinderheim, wurde an der Ergänzung mitgearbeitet.

Schließlich sei auch der Feuerhalle Erwähnung getan, als eines Zeichens, daß auch dieses neue Brauchtum in der Stadt starke Anhängerschaft gefunden hat. Es wird die Zukunft weisen, welchen Platz über kurz oder lang diese lebensstarke Bergstadt am Fuße des Erzgebirges, innerhalb der sudetendeutschen Städtekette einzunehmen berufen ist.
Glück auf!
Dr. Oberdorffer.