Das Schwarzwassertal.

(Nach Lindner, Sächsisches Obererzgebirge, 1848.)

Erzgebirgische Heimatblätter. Beilage der Obererzgebirgischen Zeitung. Nr. 19 — Sonntag, den 5. Mai 1929. S. 2.

(Fortsetzung und Schluß.)

In diesem Tale mündet der Halsbach, nachdem sein Gewässer die Gruben: „Unverhofft Glück“, „Ritter St. Georg“, „Weißen Adler“, „Fünf Brüder“ und „Pluto“, welche auf Grünsteinlager bauen und silberhaltige Bleiglänze gewinnen, begrüßt und Pochwerk nebst Wäsche getrieben, welche ihn milchartig gefärbt haben, in das Schwarzwasser aus. Das ganze Hüttenetablissement ist ein Werk des für den vaterländischen Bergbau viel zu früh verstorbenen Oberberghauptmann Freiherrn von Herder.

Der Magnetenberg hebt sich hinter der Antonshütte steil empor und wird 70 Ellen hoch von dem Wasserkanal umgürtet, der dem Poch- und Wäschwerke, so wie der Schmelzhütte hinlängliches Wasser zugeführt, wenn der Halsbach im Sommer zu schwach wird. Gegen Süden schiebt er ein Knie weit in das Tal hinein, auf welchem kanzelartig der „Prinz-Friedrich-Stein“ ruht. Für diesen geliebten Prinzen und nunmehr den verehrten König Friedrich August spricht, schreibt, malt, zeichnet, meißelt und baut der Erzgebirger so gerne, um sich ein Andenken auf der Scholle Land oder auf dem Felsenstücke zu bewahren, den sein Fuß betrat, wenn er die Provinz besuchte. Eine Tafel von Granit, gehalten von eisernen Platten und umgeben mit einer Barriere und Bänken, nimmt zwar nur einen kleinen Raum in Anspruch, er gewährt aber eine ebenso eigentümliche als überraschende Aussicht. Dicker jugendlicher Wald, über ihn hinausragende greise Tannen, und das anmutige Grün der nachbarlichen buchen – sind die Collonaden, auf welchen der Himmel ruht. Tief im Tale knarren die Räder der Eisen- und Erzwagen – sie übertönen die liebliche Sprache der Vögel und beinahe das Rauschen der Wellen, die der Fellbach dem Schwarzwasser in die Arme wirft.

Da, wo sich das Eisenstübel und der große Kammerstein, welcher den blumigblättrigen Feldspath führt, einander erblicken, liegt das Hammerwerk Breitenhof mit einer Handvoll hölzerner Hütten und Häuser in seiner Anspruchslosigkeit. Christoph Müller von Berneck aus Joachimsthal erbaute es mit landesherrlicher Vergünstigung im Jahre 1593, nachdem dessen Vater vorher schon oberhalb Breitenhof am Rothenbachauf einem Kieslager Bergbau getrieben und dabei viel Magneteisen getroffen hatte. Dieser Hans von Berneck nennt seinen Grubenbau selbst ein altes Bergwerk und erhielt im Jahre 1569 schon die Erlaubnis zur Erbauung einer Vitriol-, Schwefel- und Zinnschmelzhütte mit dem Vorzuge, daß innerhalb 10 Jahren Niemandem gestattet sein solle, ein ähnliches Hüttenwerk anzulegen; jedoch in der Voraussetzung, daß sich der Besitzer befleißigen solle, sich mehrenteils aus kaiserlicher Waldung zu verholzen.

Diese Anlagen sind teilweise bis zur Gegenwart erhalten periodisch betrieben und unter dem Namen „Vitriolwerk St. Christoph” bekannt. Wie lebhaft der von Berneck sein Berg- und Hüttenwerk betrieben haben muß, geht aus einer Bittschrift hervor, nach welcher er am 7. November 1594 um die Erlaubnis zur Anlegung einer Mühle bat, „weil er täglich über 100 Personen halten müsse.”

Oberhalb Breitenhof mündet der Ortbach in das Schwarzwassertal auf der Stelle aus, wo das Dorf Breitenbrunn seinen Anfang nimmt. Wie ein Zug Wallfahrer steigen die grauen beschindelten Güterchen und Häuser des sehr verarmten Dorfes von der Sohle des Ortsbaches einen hohen Berg nach dem Forstwalde empor, auf dessen Culmen der Tempel ruht, welchen die aus 1972 Köpfen bestehende Einwohnerschaft für ihren Gottesdienst benutzt und ihre toten um denselben beerdigt. Wäre es nicht bekannt, daß in früheren Zeiten das Dorf Rittersgrün nach Breitenbrunn eingepfarrt gewesen, so würde es schwer sein, zu erraten, weshalb es die Kirche letztern Orts ihren Küchlein so unbequem gemacht, sich unter ihre Flügel zu sammeln. In ihrer Nachbarschaft erheben sich noch die Trümmer eines ehemaligen Jagdschlosses, umgeben von einem 6 Ellen breiten Wallteichleins, welches aber dermalen für andere Zwecke ausgefüllt ist. Jedenfalls würde es besser gewesen sein, wenn dieser Reservoir für das wasserarme Dorf erhalten worden wäre.

Am 13. März 1604 brannte dieses Jagdhaus ab und 6 Jahre später wurde es wieder auf- und höher gebaut.

Die Jagdherrlichkeiten der Vorzeit sind eben so wie die jagdbaren Tiere selten und dünn geworden, und es werden deshalb schon lange keine Hoflager mehr in der Provinz gehalten.

Im vorerwähnten Forstwalde wurden zuerst auf dortigen Kalklagern die Helvine getroffen; auch zeichnet sich der Granat, Peponit und andere Fossilien vor vielen andern aus und zieht fleißig Mineralogen dahin. Aus dem Umstande, daß ein Revierförster das Forstgut, welches mit dem Walde grenzt, benutzt, ist der Pleonasmus – Forstwald – entstanden. –

Der schon bei Breitenbrunn erwähnte Lagerbergbau ist wahrscheinlich der älteste im Obererzgebirge und mithin auch die Ursache zum Anbau und zur frühzeitigen Bevölkerung des Dorfes. Die Gruben „Fortuna”, „Kaltwasser”, „Alte Grube” und „St. Christoph” haben außer Eisenstein hauptsächlich Zinnstein geschüttet und, in Verbindung mit dem von Berneckschen Hammer- und Hüttenwerk in Breitenhof, Nahrung und Wohlhabenheit um sich her verbreitet. So geregelt aber und einfach der Erwerb eines Bergmanns auch immer sein mag, so hebt er ihn doch zur Wohlhabenheit nicht empor; deshalb tritt er in Dürftigkeit und Entbehrungen über, wenn die Gruben auflässig werden. In einem solchen Zustande befindet sich Breitenbrunn bei weitem zum größern Teil, weil seine Ländereien im rauhen Klima nur magere Ernten geben und das Klöppel- und Nähwesen der Volksmenge und ihrem Bedarf nicht gewachsen ist. Holzmacher und Fuhrleute, Handwerker und Butterhändler geben nur precären Gewinn und scheiden von Zeit zu Zeit eine Menge Arme aus, die Unterstützung verlangen (gegenwärtig hat der Ort 27 Almosenpercipienten, welche zusammen wöchentlich 15 Taler 22 Ngr. Erhalten), die aber nicht ausreichend gewährt werden kann, weil selbst die Gemeinde für die Zeit der Not weder Kommuneigentum noch sonst ein anderes Einkommen hat und beziehen kann, folglich auch der Gemeinderat in ewigen Ferien lebt.

Ein solches unsicheres Gewerbsleben hat notwendig auf den sittlichen Zustand der Einwohner und auf die sinnlichen Genüsse mächtigen Einfluß ausgeübt: denn es sind offenbar zu viel Wirtshäuser im Dorfe, die den mühsam errungenen Dreiern und Sechsern Eintrag tun.

Wir wenden uns wieder hinab in das Schwarzwassertal, wo wir den grobkörnigen Granit zu beiden Seiten in mächtigen Bergen aufsteigen sehen, die überall mit Fichtenholz bestanden sind und der Landschaft eine ernste Physiognomie aufdrücken. In ewigem Getöse scheuern die Wellen an den Granitblöcken des Flußbettes — sie arbeiten für die Steinsetzer.

Steinheidel auf einer beträchtlichen Berghöhe, Fellbach, Erlabrunn und andere in den Talungen herumgezettelte Häuserchen, verdanken ihre Entstehung vorzüglich dem Bergbau, der teils noch im Gange, teils lange schon auflässig geworden ist. Ihre Bewohner sind regelmäßig von dem größern Weltverkehr und seinen Genüssen abgeschieden und kennen seine Herrlichkeiten und Torheiten nicht.

Eine oder einige Kühe sind die Ernährerinnen des kleinen Hausstandes und darum auch das Wertvolle in demselben, die Kinder folgen unmittelbar darauf.

Die Hefenklöße. Eine an der Chaussee, wie große Wollsäcke aufgetürmte Granitpartie, die mehrere senkrechte Klüfte zerteilen, die wiederum durch Querschnitte getrennt sind und solchemnach die Masse in parallelepipedische Stücke absondern, haben scherzweise dem Gebilde den Namen verliehen.

Die Hefenklöße, eine Lieblingsspeise der Erzgebirger, haben allerdings im Kleinen dieselbe Form. Vor etlichen zwanzig Jahren rutschte ein solcher Hefenkloß auf die Straße und versperrte sie, was sich leicht über lang oder kurz wieder zutragen kann. Solche Partien zu plötzlicher Absperrung der Wege mögen ihren Wert im kleinen Gebirgskrieg haben; diesem wollten wir allenfalls die Hefenklöße abtreten, wenn nicht zugleich den ordentlichen Klößen Gefahr drohte.