Notzeiten im Raschauer Grund während des 30jährigen Krieges.

(Mitgeteilt von Horst Henschel-Schwarzenberg.)

Illustriert Wochenbeilage der Obererzgebirgischen Zeitung. Nr. 17 — Sonntag, den 21. April 1929. S. 1.

Das Jahr 1632 war für unser Erzgebirge ein gar böses Jahr. Es war für unser Erzgebirge ein gar böses Jahr. Es war mitten in den Wirren des dreißigjährigen Krieges, die Not einer schweren Zeit machte sich überall fühlbar. Damals suchte sie mit besonderer Strenge unser liebes Erzgebirge heim.

Es war im Monat August, da rückte von Eger her über Ellenbogen und Neudeck der berüchtigte Holck mit seinen Kroaten usw. auf Eibenstock. Von da kam er nach Schwarzenberg, um sich schließlich im Tale der Mittweida nach Annaberg zu wenden.

In den Dörfern, die das Mittweidatal ausfüllen, nahm man fälschlich an, daß nur eine streifende Rotte, also nicht das Hauptheer, im Anzuge sei. Dieser Rotte getrauen sich die um ihr Hab und Gut besorgten Bewohner des Grundes, wohl noch zu erwehren und ihren Plündereien Einhalt tun zu können. Also taten sich im Dorfe Mittweida an die 100 beherzte Männer und Burschen, meist Schmiede und Knechte aus den in der Nähe liegenden Hammerwerken, Bergleute, Köhler usw. zusammen, legten sich in einem Wäldchen oberhalb der Straße in einen Hinterhalt und erwarteten da den Anmarsch der Feinde. Als der Vortrab kam, meinten sie natürlich, das sei das ganze Heer, hatten keine Bange und griffen mutig an. Einer, der ein Feuerrohr besaß, schoß vom Busche aus den an der Spitze des Zuges reitenden Oberstleutnant, der als solcher an seiner reichen Kleidung kenntlich war, nieder. Da wendeten sich die übrigen zur Flucht. Die Freude über den leicht errungenen Sieg war aber eine kurze, denn dem Vortrag folgte das Hauptheer auf den Fuß, und bei diesem fand sich der gefürchtete Feldmarschalleutnant Graf von Holk selbst. Als er von dem Ueberfall gehört und vernommen, was dem Oberstleutnant zugestoßen sei, geriet er in unbändige Wut und schickte 2 Regimenter aus, die Schuldigen zu fangen und zu bestrafen. Unterdessen suchte er selbst das unglückliche Dorf Mittweida mit Mord und Brand überall heim. Das Hammerwerk ging in Flammen auf, ebenso die sogenannte Niedergasse. Auch auf dem Dache des Erbgerichtes hatte man bereits den roten Hahn auffliegen lassen, und die Flammen züngelten schon um das Dach. Da erfuhr Holk, daß in dem Haus die Tochter eines ehemaligen Kriegskameraden, des Obersten Bochmann, verheiratet wohne und ließ die Flammen löschen. „Wollte Gott, der Oberst lebte noch“, sagte er, „so hätte ich auch mein Auge noch!“ Holk hatte nämlich einst im Zweikampf dem Oberst Bochmann gegenübergestanden und dabei selbst ein Auge verloren, den Oberst aber erschossen.

Die Hammerschmiede und Köhler, die das Unheil durch ihre allzu rasche Kühnheit angerichtet hatten, flüchteten sich vergebens den Berg hinan in die Wälder. Die Soldaten aber jagten ihnen in große Zahl nach, fingen sie und machten ihrer 39 nieder. Auch der Mörder des Oberstleutnant wurde eingeholt; weil er aber ein junger schöner Mensch war, so hatten seine Verfolger Mitleid mit ihm, zumal sie ihn als den eigentlichen Anstifter des Unheils nicht erkannten, denn er hatte bei der Flucht das Gewehr von sich geworfen. Als ihn die beiden Soldaten, welche ihm nachgelaufen waren, gestellt hatten und er — Mitleid heischend — vor ihnen auf den Knien lag, da konnten es die beiden nicht fertig bringen, ihn zu töten. Er hörte, wie sie sich in ihrer Sprache miteinander unterredeten, und dann bedeuteten sie ihm durch ein Zeichen, daß er aufspringen und durch die Flucht sein Leben zu retten suchen möge.

Am anderen Tage wälzte sich der Zug gegen Annaberg, welches aber glücklich davonkam, denn in der Stadt wohnte damals eine Gräfin von Hassenstein, die mit Holk bekannt und befreundet war. Diese ging dem Holk bis vor die Stadt entgegen und erbat und erlangte für die Stadt, die sie in ihren Mauern gastlich aufgenommen hatte, Schonung. Desto übler aber hausten die zügellosen und durch den Krieg verwilderten Horden in den Dörfern der Umgegend. Mord und Brand waren allgemein. Damals ging ein frommer Spitzenhändler, David Krieg, nach Annaberg, der aus Crottendorf stammte. Er fiel den Soldaten in die Hände und sollte getötet werden. Da sah er dem einen fest in die Augen und sprach mit fester Stimme: „Als Gott nicht han, einer mich nicht schlan!“ Es geschah ein Wunder. Der Soldat ließ den Säbel fallen und floh mit seinen Kameraden.

(Aus dem Manuskript der „Raschauer Chronik“ von A. Wendler †.)