(Mitgeteilt von Horst Henschel-Schwarzenberg.)
Illustriert Wochenbeilage der Obererzgebirgischen Zeitung. Nr. 17 — Sonntag, den 21. April 1929. S. 1.
Der Winter des Jahres 1679 war wieder so hart, daß das Wild Hilfe unter den Menschen suchte und 8000 Stück Wild erfroren.
So kam ein Hirsch nach Marienberg und lief von Haus zu Haus, bis der Förster Semmler ihn fortführen und einsperren ließ.
Um diese Zeit ereignete sich zu Johanngeorgenstadt eine Gespenstergeschichte, welche von vielen anderen Orten mit mancherlei Zusätzen erzählt zu werden pflegt, aber sich also verhielt. Der Hammerwerksbesitzer Caspar Wittich bei Johanngeorgenstadt erhielt von dem Zehntner aus Annaberg einen Besuch. Nicht lange war der Gast eingeschlafen, als ihn ein ganz eigentümliches Rasseln weckte. Er fährt empor, und jetzt öffnet es die Türe, und eine hohe Gestalt — beim matten Mondlicht nur halb zu erkennen —, naht sich dem Bette. Der arme Zehntner ruft um Hilfe, und die Gestalt eilt davon. Als nun am Morgen darauf der Gast, bleich und verstört, sein Abenteuer erzählt, da bedauert lächelnd der Wirt, daß ihm ein zahmer Hirsch, den er sich halte, solche Unruhe verursacht habe. Er pflege alle Türen aufzuklinken.
Dieser Hirsch brachte kurz nachher die Gemeinde Breitenbrunn um alle Andacht, indem er während des Gottesdienstes in die Kirche kam und sich hier in der Nähe des Altars ehrbar niedersetzte. Zögernd näherten sich die Kommunikanten dem Altare, der Hirsch aber blieb ruhig. Und als beim Sprechen des Segens die Gemeinde aufstand, stand er mit auf und ließ dann alle zur Tür hinaus, ehe er selbst folgte.
Da der Hirsch aber immer ungezogener wurde und selbst einen Hammerschmied fast tot rannte, so wurde er getötet.
(Aus C. W. Hering: Geschichte des Sächs. Hochlandes. 2. Teil, Seite 100-101. Leipzig 1828.)