Goethes Beziehungen zum Erzgebirge.

Erzgebirgische Heimatblätter. Beilage der Obererzgebirgischen Zeitung. Nr. 18 — Sonntag, den 28. April 1929. S. 1-2.

Goethe befährt unsere erzgebirgischen Gruben bei Schneeberg. — Erbauung der Antonshütte bei Schwarzenberg etc.

Der Ilmenauer uralte Bergbau auf Silber und Kupfer war im 18. Jahrhundert zum Erliegen gekommen, und Karl August übertrug seinem selbst erwählten Legationsrat Goethe alles Nötige in Punkto Wiederangriffnahme. Goethe kümmerte sich hinfort nach allen Seiten hin um das Bergwerk und sorgte für sein Gedeihen. Ein Brief Prof. Göttlings an „Sr. Hochwohlgeboren Gnaden, Herrn Geheimde-Rath v. Goethe“ belehrt uns über des Ministers Fürsorge selbst zwecks der Aufbewahrung gewonnener Minerale. Auf der Reise nach Karlsbad, dem Auftakt zur italienischen Reise, fuhr Goethe fort zu mineralogisieren, und auf der Rückreise schrieb er von Johanngeorgenstadt an seinem Freund Knebel allerlei Interessantes in diesem Sinne. Er fährt dann im Briefe fort: „Morgen geh‘ ich nach Schneeberg und seh‘ mich dort unter der Erde um, wie ich auch hier in Johanngeorgenstadt getan habe“. In Schneeberg war es streng verboten, Fremde in die Gruben einfahren zu lassen. Goethe mußte sich erst ans Geheime Finanzkollegium wenden. Das Bergamt Schneeberg fügte seinem Gesuche nach Dresden ein paar altmodisch anmutende Sätze bei: „Der herzogliche Sachsen Weimarsche Geheimrat v. Goethe läßt ansuchen, ihm bei seiner über Schneeberg vorhabenden Rückreise nach dem Karlsbade die Gelegenheit zur Befahrung einiger Zechen dasiger Reviere zu noch mehrerer Erweiterung seiner Kenntnisse in der Gebirgskunde zu verschaffen.“ Treuherzig fügte der Bericht hinzu, Sorge um Nachteile für den Sächsischen Kobalt-Bergbau sei durch diese Befahrung kaum angebracht. In Dresden bewilligte man „vor dieses Mahl“. Goethe jubilierte, daß er nun die Kobalte in ihrem eigenstem Hause sehen dürfte und rühmt „das höchst interessante Erzgebirge“. Nur ein kleiner Zwischenfall störte seine Seelenruhe, er vermißte beim Einfahren in die Schneeberger Grube den ihm in Karlsbad von Charlotte von Stein gespendeten Ring, bis er sich erinnerte, ihn aus Vorsicht im Quartier gelassen zu haben. Dieses Quartier in Schneeberg, in schräger Achse zur Apotheke, unmittelbar neben dem Markte, war der stattliche Gasthof zum Ring, heute ein Privathaus, an dessen dort angebrachter Gedenktafel noch heute zu lesen ist: „Hier, im früheren Gasthof zum Ring, wohnte J. W. v. Goethe in den Tagen vom 15. bis 19. August 1786.“ Goethe mochte wohl selbst nicht ahnen, daß er in den denkwürdigen Augusttagen des Jahres 1785 in Schneeberg zum letzten Male glücklich an der Seite seiner Lida (Frau von Stein) gewesen war, denn um sie, die gleichzeitig mit ihm in Karlsbad die Kur gebraucht hatte, ein Stück nach Weimar zu begleiten, war er ursprünglich bis Johanngeorgenstadt und nach der Bergstadt Schneeberg vorgestoßen. Am 17. August früh ½6 Uhr fuhr Goethe in der Post von Schneeberg ab. „Nun lebe wohl Geliebte und liebe mich, ich werde dir auch im Karlsbade herzlich nahe sein. Du solltest immer mit mir sein, wir wollten gut leben.“ Und in einem Briefe aus Johanngeorgenstadt spricht er sie alsbald als Geliebte, beste Freundin und einzige Sicherheit seines Lebens an. „Was ist alles andere menschliche Geschöpf! Je mehr ich ihrer kennen lerne, je mehr sehe ich, daß mir in der Welt nichts mehr zu suchen übrig bleibt, daß ich in dir alles gefunden habe. Wenn ich dich in Weimar wieder sehen werde, welche Freude!“ Aber der nach Karlsbad zurückgekehrte Kurgast entwischte von dort plötzlich, und zwar am 3. September 1785, dem Antritt der Italienischen Reise. Feurig liebende Briefe wie die aus Johanngeorgenstadt und Schneeberg hat Frau von Stein von Italien aus nicht mehr erhalten, aber eine beabsichtigte Flucht und damit bewußte Treulosigkeit Goethe unterschieben, dies hieße seinen durchaus wahren Charakter verunehren. Es war damals vielmehr ein plötzlicher Entschluß, die Sehnsucht nach dem Lande, wo die Zitronen blühen, endlich durchs probate Mittel: „Anschauen des nur Geträumten“ zu beschwichtigen. „Das Gesetz und die Propheten sind erfüllt, und ich habe Ruhe vor den römischen Gespenstern auf Zeit meines Lebens.“

Als der Dichter später von Weimar aus wieder sein Antlitz nach Karlsbad wandte, da nahm er nicht den Weg über Johanngeorgenstadt und Schneeberg, auch war ihm nicht mehr Charlotte von Stein zur Seite, sondern Abraham Gottlob Werner, der weltberühmte Freiberger Akademie-Professor. Er hatte diesen erfahrenen Mineralogen schon vorher des öfteren in Angelegenheiten des Ilmenauer Bergwerkes, also sozusagen amtlich gesprochen. Sein Umgang mit Goethe wirkte auf diesen höchst belebend, und in den Grundlehren des Neptunismus blieb er dem Vielbewunderten und Vielbefehdeten über dessen Grab hinaus treu. Er vermochte nicht mit zu spötteln, als eine Zeitschrift Werners Denkstein von Basalt bei dem Elbdorfe Kesselsdorf einer Kritik „über die Natur des Basaltes“ unterzog. Der Alte von Weimar war, obwohl auch er bei Lebzeiten oft diesem Freiberger Professor widersprochen hatte, nach dessen Tode äußerst pietätvoll seinem Gedächtnis.

Kaum wendet der edle Werner den Rücken,
Zerstört man das poseidonische Reich!
Wenn alle sich vor Hephästos bücken,
Ich kann es nicht sogleich.

Goethe mied die Lehren der „feuersüchtigen Geologen“, wie Werner seine vulkanistischen Gegner genannt hatte.

Arme basaltische Säulen! Ihr solltet dem Feuer gehören?
Und doch sah auch kein Mensch euch aus dem Feuer entsteh‘n.

***

Amtspflichten, sowie die Liebe zur Wissenschaft machten unserem größten Dichter allzeit das sächsische Erzgebirge lieb und wert. Auch für seine Poesie entnahm er manches von dessen volkstümlichen Gebräuchen (z.b. das Dreikönigslied). Den namhaften Mineralogen Trebra hat Goethe zum ersten Male auf seiner Reise nach Dresden in der Bergstadt Freiberg aufgesucht, und im Jahre 1810 wohnte er sogar bei ihm, Ecke der Kirch- und Brenngasse. An der ober- und unterirdischen Tätigkeit innerhalb des alten Festungswalles fand er nach eigenem Ausdruck erfreuliche Unterhaltung. In Chemnitz besichtigte er Spinnfabriken und Maschinen. Große Freude bereitete ihm später die Erbauung der Antonshütte bei Schwarzenberg. Dies Projekt war dem findigen Kopfe Augusts von Herder entsprungen „des großen Vaters großer Sohn“, später in den sächsischen Freiherrenstand erhoben und mit dem höchsten Orden geschmückt. Er hatte vom Vater, dem in gewissem Sinne Goethe und Schiller Ebenbürtigen, eine poetische Ader, die ihn befähigte, einen Band Gedichte herauszugeben. Allgemein bekannt war früher sein „bergmännisches Ständchen“:

Kühner Mut — brav und gut,
Bei der Arbeit nicht geruht.

Die Einweihung der Antonshütte bei Schwarzenberg war kurz vor Goethes Tod. Sie hatte den Zweck, das Schmelzen der im Obererzgebirge aufgehäuften armen Erze, welche die Transportkosten nach den Freiberger Hütten nicht verlohnten, in der Nähe zu ermöglichen.

Kopie
Die Antonshütte im Schwarzwassertal nach dem Projekt, wie es Goethe gesehen hat.

Es war für damalige Zeit ein Ereignis, das die Königliche Regierung veranlaßte, Schaumünzen zu prägen. Der Graveur Krüger, der später in Loschwitz bei Dresden Ludwig Richters Gartennachbar und Freund wurde (Vgl. des alten Malers köstliches Bild „Die Einsiedler von Loschwitz!“), stellte den gefeierten Erbauer Herder in seiner Freiberger Uniform dar, am Fuße sein freiherrliches Wappen, auf der Rückseite: „Dem leitenden Stern auf unseren Bergen, dem kühnen Führer in ihren Tiefen. Glück auf zur Einweihung! Von den Bergknappenschaften des oberen Erzgebirges.“ Eine andere Gedenkmünze brachte Zitate aus der poetischen Feder des hohen Beamte. Der schon dem Tode geweihte Altmeister schrieb daraufhin von Weimar: „Die königliche Antonshütte muß ein wohl überdachtes Unternehmen sein. Wenn ich nun, teuerster Herder, bei dem allgemeinen „Glück auf“ auch ihre Bergmännischen Musen freundlich begrüße, so geschieht dies, weil diese Lieder, von reiner Begeisterung beseelt, geeignet sind, nicht nur die Gebildeten zu ergötzen, sondern auch tüchtige natürliche Menschen zu einem Gefühle höherer Bildung heranzulocken. Mit den schönsten Grüßen unwandelbar Ihr J. W. v. G.“

Acht Tage vor seinem Tode endeten Goethes Beziehungen zum sächsischen Erzgebirge in einem Briefe an Cottas Sohn in Freiberg. 54 Jahre hatten sie gewährt, wohltuend für ihn, weil sie auf Freiwilligkeit gegründet gewesen waren.

Dr. Schmidt, Privatgelehrter (Falkenstein).