Ein Beitrag zur Heimatgeschichte von Georg Schäfer.
Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt 133. Jahrgang Nr. 26 vom 7. Juli 1940. S. 1 – 2.
Die Zeit des Bergsegens im Erzgebirge ist längst vorüber, die diesem Landesteil einmal ihren besonderen Namen gegeben hat. Nur hie und da stößt man auf grasverwachsene Halden, die an das frühere Leben erinnern. Aber es gibt nur wenige Menschen, die uns zu sagen vermögen, welche Namen von den alten Hügeln verdeckt werden. Und doch ist es nutzbar, wenn man die Heimat ganz erkennen will, daß man auch diesen vergessenen Dingen nachgeht und Licht in das Dunkel bringt, wo immer sich eine Möglichkeit dazu bietet. Es gibt noch manchen alten Ortseingesessenen, der von Eltern und Voreltern her diesen und jenen Namen kennt, und an den man sich wenden sollte, damit das Vergangene nicht mit ihm stirbt, sondern weiter zu leben vermag.
Eine der erzgebirgischen Bergstädte, wo sich noch solche alte Halden und verfallene Stolleneingänge finden, ist Jöhstadt, das mit zu den Bergstädten gehörte, wo der „Bergsegen“ nicht allzu reichlich geflossen ist. Manches heute noch erhaltene Dokument vermag uns darüber Aufschluß zu geben.
Im Archiv der Stadt findet sich eine alte Karte, die aus dem Anfang des 18. Jahrhunderts stammen mag, obwohl eine bestimmte Jahreszahl auf derselben nicht angegeben ist; das Alter wird aber ersichtlich aus mancher Einzeichnung, die sich dort findet. Lassen wir uns von der Karte erzählen, was damals war.

Die heute nach Annaberg führende Staatsstraße ist dort als „Viehweg“ eingezeichnet, was wohl ein Zeichen dafür sein dürfte, daß der Verkehr über Königswalde zu damaliger Zeit nicht gerade sehr stark gewesen sein mag. Rechts über der Stadt befand sich der „Lorbeerbaumstollen“, und ein kleines Stück unter der alten Halde ist die ungefähre Lage des Mundloches eingezeichnet. Auf dem Marktplatz ist der Standplatz der ehemaligen „St. Josephskirche“ ersichtlich, von der es im alten Ladenbuche der „Berg- und Knapp-Brüderschaft“ heißt, daß diese am 17. Juni 1838 entweiht (d. h. außer Betrieb gesetzt) wurde und „die Kirche solle beynahe 600 Jahre gestanden haben“. Wenn dieser Angabe Glauben zu schenken wäre, könnte man daraus folgern, daß die Anfänge des Ortes bis in das Ende des 12. Jahrhunderts reichen, obwohl keine Urkunde uns von jener frühen Zeit zu erzählen vermag. Ueber der Kirche auf dem Marktplatz ist auch noch das „Laborantenhaus“ eingezeichnet, das bei dem großen Brande 1848 mit eingeäschert wurde. Jöhstadt hat mit zu den Orten des Erzgebirges gehört, das einstmals einen großen Arzneihandel trieb. Ein aus dem Jahre 1752 stammendes Kaufbuch zählt nicht weniger als 69 Arzneihändler auf. Von ihnen werden eine Anzahl Bergleute gewesen sein, denn in einer Steuerurkunde von Steuereinnehmer Rebentrost aus dem Jahre 1752 heißt es, daß hier viele Bergleute vorhanden sind, die „im Gedinge ohne Lohn und nur mit der Hoffnung auf einen Bergsegen arbeiten und zuweilen mit etwas „Berg-öhl“ aufs Land gehen“.
Etwas oberhalb der heutigen Jugendherberge findet sich auf der Karte der „Küllner-Stollen“, und seitlich unterhalb derselben ist der „Johannis-Stollen“ eingezeichnet. In der ungefähren Lage unserer Gasanstalt war die Grube „Hülfe Gottes“ und linksseitig darüber der „Friedrich-August-Schacht“. An der Stelle des heutigen Bahnhofes dürfte der „Segen-Gottes“-Schacht gewesen sein, während am Fuße der heutigen „Sorge“, ziemlich am Anfang vom „Dürrenberg“, die Grube „Frisches Glück“ war. Eine weitere Zeche am Fuße der „Sorge“ war die oberhalb des Dürrenberges gelegene „Huthaus-Zeche“.
Wenn man den ehemaligen Grenzweg nach Christophhammer geht, der am „Dickmädelbrunnen“ und am „deutschen Felsen“ vorüber führt, kommt man an das „Schatzloch“, wie es im Volksmunde heißt. Die Karte gibt auch hier Aufschluß, denn wir haben es bei dem „Schatzloch“ mit der „Barthel-Hannes-Zeche“ zu tun.
Am Schwarzwasser entlang finden wir bei dem heutigen Seifertschen Drechslereibetrieb die Grube „Erzengel“, und weiter oberhalb des Schwarzwassers, neben dem Mühlgraben des Salzerschen Sägewerkes, den Eingang zum „Steigerhaus-Stollen“.
An der Stelle der Fladerschen Feuerlöschgerätefabrik ist „Bottendorf“ zu finden, das in alten Kirchen- und Stadtbüchern, sowie im Volksmunde meist „Buttendorf“ genannt wird. Als letzte Schachtanlage ist noch der „Wilde Mann“ eingezeichnet, der sich dort befunden hat, wo heute der Weg von der Preßnitzer Straße nach der Fladerschen Fabrik hinunter führt.
Nicht eingezeichnet sind in der Karte aber die „S. Barbara am Berg“, „Gnad-Gottes-allda“, „S. Peter und Paul alldort“, „Fundgrube am Grumbstiger“, „Terzelter“, „S. Wolffgang“, „Alte Roesliger“, „Weiße-Zeche“, „Heilige Dreifaltigkeit am Stollwald“ und „Auffm Kreuziger“, so daß es sich dabei vielleicht um recht unbedeutende Gruben gehandelt haben mag. Im Jahre 1706 sind von diesen Gewerken aus 67 Bergleute auf die Preßnitzer Reviere gegangen und haben dort Arbeit gesucht, wie aus einer alten Urkunde ersichtlich ist.
Der Name des Ortsteiles „Dürrenberg“ ist, wie aus der Karte hervorgeht, sehr alt. Die Rodung um Jöhstadt ist verhältnismäßig klein und der Ertrag der gerodeten Fläche sehr gering, wie aus der Steuerurkunde des schon erwähnten Steuereinnehmers Rebentrost vom 4. Februar 1752 hervorgeht, der u. a. sagt: „die bey einigen dobey habenden Stückchen Feld aber von schlechter Beschaffenheit sind, und sie zuweilen darauf nur etwas weniges an Hafer erbauen, die meisten aber blos mit Gräsung nutzen“. Der Name „Dürrenberg“ hat sich demnach nicht auf die „Sorge“ bezogen, die noch gar keinen besonderen Namen trägt, sondern auf die schlechte Ertragsfähigkeit der dortigen Zechen und die Dürftigkeit des gerodeten Bodens.
So erzählt uns eine alte Karte, aus der noch manches andere ersichtlich ist, von den Tagen, die lange vor unserer Zeit liegen und die wieder sichtbar werden, wenn man auf den grasverwachsenen Halden und vor den verfallenen Stolleneingängen steht, deren Namen nun wieder aufleben und uns die alte Heimat nur noch vertrauter machen.