Kurzer Buchholzer Bummel …

Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt 133. Jahrgang Nr. 30 vom 4. August 1940. S. 1 – 2.

Kurz vor Mittag komme ich auf der Karlsbader Straße von Cunersdorf her in die interessante Terrassenstadt herein. Recht behäbig und breit baut sich ihr Bahnhof ins Sehmatal. Neben der kleinen Friedhofskapelle steigen Stufen hoch und der Gottesacker muß sich der charakteristischen Hangbauart anpassen. Die Kurze Straße steigt an kompakter Mauer vorbei lehnan. Ein Höhenbolzen an einem Grundstück der Karlsbader Straße sagts uns ganz genau: 586,125 m … Rechts schieben sich die Dächer talwärts zusammen. Alles schaut wie ein Durcheinander aus, ist aber als Ausschnitt des Stadtbildes von ungemein einprägsamer Wirkung ob seiner eigenartigen Formung. Ebenso eigentümlich berühren die tiefen Höfe unterhalb der Fischerstraße. Vom anderen Sehmahang herüber leuchtet das junge Grün in den verschiedensten Farbenstimmungen. Sinnend stehe ich vor der Schultreppe.

Kopie
Buchholzer Schultreppe. (Aufnahme: Bilderdienst vom Annaberger Tageblatt.)

Das ist eine typische Buchholzer Gasse, kurz, schmal und in ihrer Art nicht in zu vielen deutschen Städten anzutreffen. Die terrassenartige Bauart der ganzen Stadt Buchholz macht den Gang durch ihre Gemarkung sehr abwechslungsreich und fesselnd. Die Goldbuchstaben der Fröbel-Schule blicken nach dem gegenüberstehenden Mischwalde. Am Eingang der Pfarrgasse treffe ich ein anheimelnd niedriges Häuschen mit braunen Fensterläden. Es schaut mich so lieb und traut an. Ich fühle, daß die hübsche Anpassung dieses Stiles der Kleinheit an den Berg gerade in dieser Stadt recht anziehend wirkt. Wie ein wenig unvermittelt bin ich zur Kirche gekommen, die eine Turmzier trägt, die ihr als Gotteshaus in solcher Bergstadt sehr gut steht. Das hochsäulige Innere ist düster. Epitaphe lehnen an der Kirche zwischen den strebenden Mauerstützen. Sie tragen teilweise verwitterte Beschriftung, die man kaum entziffern kann. Es gibt aber auch einige guterhaltene, die aus dem ereignisreichen Leben der Buchholzer manches offenbaren. Selbstverständlich sprechen die alten grauen Steine mit ihren Schnörkelverzierungen von einem „Stadt Richter und Posamentenhändler allhier, geboren 4. August 1672“. Seine treue Ehe-Consortin ist von ihm auf dieser obererzgebirgischen Welt zurückgelassen worden. Die Steinschrift spricht weiter: „… mit welcher er durch göttlichen Segen 8 Kinder erzeugte, davon vier bereits in der Seligkeit“. Sie werden sogar allesamt namentlich aufgeführt. Darunter befindet sich „Susanna Rosina und ein todtgebohrenes Töchterlein“. Die am Leben gebliebenen „aber betrauern ihren liebreichen Vater“. Es waren ein Pfarrer in Sehma, eine verehelichte Tochter, ein Schichtmeister und Posamentenhändler und ein Bürger und Posamentier. Man sieht, daß die Grabsteine jener Zeit ganze Teile aus dem Leben der Toten und ihrer Angehörigen enthüllen. Man vermerkte mit Genauigkeit sogar noch folgendes: „Er wandelte gerecht, handelte redlich, litt geduldig und starb seelig am 19. Februar 1731 seines Alters 58 Jahre 5 Monate 4½ Tage …“

In allen Buchholzer Gassen riechts nach Mittag. Die Betriebe entlassen Scharen von Menschen zu Tisch. Da und dort vermag ich ganz genau festzustellen, was es heute zu essen gibt. Es ist plötzlich aufgeregt und aufgestöbert auf den Straßen. Radfahrer haben es eiliger, als es eigentlich sein darf. Aber alle freuen sich darauf, was Muttern auf die Teller legen wird …

Vor der Säule mit dem bekrönenden Eisernen Kreuz für die Gebliebenen früherer Kriege liegt der granitene ruhende Löwe für die von 1914 bis 1918: „Denkt der Taten, denkt der Pflicht!“ Buchholz tut sie … Der Blick von der Brücke in das Sehmatal enthüllt herrliches Grün und im Teichspiegel sehen sich Bäume und Sträucher wieder. Die Mittagsstunde ist vorüber. Nun gehen die gesättigten Buchholzer zufrieden wieder an ihre Arbeitsstätten. In manchen Gassen, vor allem aber auf der Hauptstraße durch den Ort ists fast wie eine Völkerwanderung dieses fleißigen obererzgebirgischen Völkchens anzuschauen. Nach einem innigen Blick in die Mühl-Straße, die sich steil zur Sehma hinunterbegibt, streife ich zum Marktplatz. Da weiß ich denn bald ganz genau, daß die Stadt nicht nur hübsch und interessant ist, sondern auch alt. Am Sockel des Denkmals für Friedrich den Weisen, des Gründers von Buchholz, bemerke ich die Jahreszahlen 1501 und 1901 …

Nun bin ich am Postamt. Ein KVG-Bus bremst vor ihm. Dann ein roter der Kraftpost. Buchholz kann sich über Mangel an Verkehrsverbindungen nicht beklagen. Buchholz baut sich in Grün und Geschäftigkeit so an den Sehmahang, daß man sein Bild leicht behält und sich jede Stunde gern an die freundliche Stadt erinnert!

J. B.