Die Jagd im oberen Erzgebirge im 16. und 17. Jahrhundert.

Nach alten Quellen bearbeitet von Kelterborn.

Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt. Nr. 33, 15. August 1937, S. 1 – 2.

Die Jagd war in jenen Jahrhunderten – nach der durch das römische Recht vollzogenen Entrechtung der Bauern – das ausschließliche Privileg der kleineren und größeren Landesherren, die es eifersüchtig hüteten und Jagdfrevel an Leib und Leben straften. Wehe dem Bauern, der ein Stück Wild, das seine Felder schädigte oder gar in seinem umhegten Kohlgarten eingedrungen war, erlegt oder gar gefangen hätte. Wehe dem Wildschützen, der bei Ausübung der Freijagd ertappt wurde! Will man die Jagd im oberen Erzgebirge im 16. und 17. Jahrhundert behandeln, so kann deshalb auch für dieses Gebiet nur von der Jagd des kurfürstlichen Hauses, der Wettiner, gesprochen werden. Und die Wettiner waren ein jagdfrohes Geschlecht. Jedoch so bescheiden wie die Strecken der letzten Wettiner waren die ihrer Vorfahren nicht. So wird von Herzog Heinrich dem Frommen, dem Erbauer von Marienberg, berichtet, daß er im Jahre 1516 anläßlich der Taufe seiner Tochter Sibilla in einer einzigen „Stallung“ – wir würden es heute „Jagen“ nennen – 43 Hirsche erjagte, eine Beute, die allerdings auch für damalige Zeiten erheblich war. Ein großer Jäger war auch Herzog Moritz, der später die Kurfürstenwürde den Ernestinern in der Schlacht bei Mühlberg abgewann. Von ihm weiß die Chronik zu berichten, daß er einmal in einer Stunde 7 Hirsche erlegte. Aber auch der starke Bär kam damals in den Wäldern des oberen Erzgebirges noch nicht gar zu selten vor.

Herzog Moritz erlegte einmal im Jahre 1542 in den Wäldern um Grumbach bei Jöhstadt gleich drei starke Bären. Nach der Bärenhatz ließ er den Bauern und Bergleuten, die ihm die Tiere zugetrieben hatten, 3 Faß Bier geben, weil sie „das Beste dabei getan hätten“. Das war jedenfalls ein ehrliches Geständnis, denn die Jagd war damals – auch auf den Bären! – für die fürstlichen Jäger keine gefährliche Sache, ja nicht einmal ein anstrengendes Vergnügen. Das bezeugt schon der Umstand, daß bei jener oben erwähnten Hirschjagd die Herzogin mit 14 Damen ihres Gefolges der Jagd beiwohnten, bei der die geängstigten Tiere am Stand des fürstlichen Jägers vorbeigetrieben und von diesen abgeschossen wurden.

Ein noch leidenschaftlicherer Jäger scheint der Kurfürst August gewesen zu sein. Er erwarb 1559, vor allem der Jagd wegen, von den Herren von Hartenstein das Amt Crottendorf mit seinen ausgedehnten Waldungen. Die Herren von Hartenstein scheinen am ersten noch in jener Zeit weidgerechte Jäger gewesen zu sein. Als sie sich nämlich weigerten, dem Kurfürsten ihren Waldbesitz, der bis Oberwiesenthal hinauf und bis an die Schwarzenberger Wälder reichte, zu verkaufen, und als sie aus dem Wunsche heraus, ihre Wälder zu behalten, einen sehr hohen Kaufpreis angesetzt hatten, „remonstriert“ der Kurfürst, sie hätten die Jagd doch einmal nicht ausgenützt, sondern sie nur zu ihrem Vergnügen gehabt, da sie doch jährlich kaum 40 Stück Wild in ihrem Revier erlegt hätten. Im Jahre 1565 grenzte der Kurfürst sein Jagdgebiet durch einen Wildzaun nach Böhmen hin und gegen die Reviere der Nachbarherrschaften ab, damit ihm sein Wild nicht überlief. Bei einer Jagd im Schlettauer Wald im Jahre 1567 schoß der Kurfürst 65 Stück Wild ab, zumeist Hirsche.

Dann hören wir fast ein Menschenalter lang nichts mehr von großen Jagden im oberen Erzgebirge. Erst aus den Jahren 1595 und 1599 berichtet uns die Chronik des alten Pfarrers Lehmann von Scheibenberg wieder von großen Hofjagden, bei denen Herzog Friedrich Wilhelm von Weimar, der für die beiden noch unmündigen Prinzen Christian und Johann Georg die Regentschaft führte, daß er alles Wild, jung und alt, ohne Unterschied abgeschossen habe. Wenn der alte Jägermeister von Rabenstein damals nicht seinen Jägern einen Wink gegeben hätte, „etliches Wild abspringen zu lassen, damit die jungen Herren doch auch etwas behielten“, so hätte der fürstliche Oheim wohl den gesamten Wildbestand in den Wäldern seiner Mündel abgeschossen. Viele Jahre lang habe es darnach keiner Wildzäune mehr bedurft, so berichtet der Chronist. Die Bauern waren jedenfalls über diese Erleichterung nicht unzufrieden! Als aber nach dem frühen Tode seines Bruders Christians II. Johann Georg, der unter seines Bruders Regierung Landjägermeister gewesen war, 1611 selbst Kurfürst geworden war, jagte er 8 Wochen lang im Gebirge um Grumbach, Marienberg und Steinbach bis in die Gegend von Schöneck und erlegte dabei 400 Stück Wild. Umfangreiche Vorbereitungen waren zu diesen Jagden nötig, von denen weiter unten noch die Rede sein soll. Als diese Vorbereitungen im Jahre 1616 vom Amtsschösser nach Meinung des Kurfürsten nicht ordentlich getroffen waren, wurde der gnädige Herr recht ungnädig und schlug dem alten Herrn einen Stecken auf dem Kopf entzwei und hieb ihm eine Schramme in die Stirn. Nicht genug damit, ließ er ihm einen Sturmhut aufsetzen, ihn mit der Hand an den Wagen schließen und so neben dem Wagen her bis nach Stollberg laufen.

Was es für kapitales Wild war, das damals erlegt wurde, als man sich noch gar nicht mit dem Hasen und solchem Kleinzeug abgab, sondern dieses einfach laufen ließ, davon mag die Aufzählung einer fürstlichen Jagdstrecke aus dem Jahre 1624 eine Vorstellung geben. Da zählte man: 1 Vierzehnender, 10 12-Ender, 13 8-Ender, 24 6-Ender, 2 4-Ender. Von anderem Wild: 9 Füchse, 2 Dachse, und endlich: 1 Elentier oder Elch. Daß dieses Wild damals noch in unseren Wäldern vorgekommen ist, überrascht besonders. Im gleichen Jahre hatte der Kurfürst bei einer anderen Jagd am Wolfsstein eine ähnliche Jagdbeute, nur daß da auch noch eine starke Bärin mit dabei war, die über 2 Zentner wog. Ihren Kopf heftete man am Jagdhause in Marienberg an.

Im gleichen Jahre 1625 am 17. August wurden als ziemlich seltene Jagdbeute auch zwei Wölfe mit umstellt, von denen es heißt, daß an ihnen „die Hunde ihre Lust hatten, bis die „englischen Hunde“ kamen und sie erwürgten“.

Aber auch von Mißgeschick und Mißerfolgen wissen die alten Nachrichten zu künden. Nicht nur, daß man im Jahre 1624, als es vier Wochen lang ununterbrochen regnete, mit den Zeugwagen nicht mehr fortkonnte und 10 Pferde verreckten. Das war gewiß ärgerlich. Aergerlich aber war es noch, als im folgenden Jahre der kurfürstliche Jägermeister mit 2200 Mann, die im Frondienst die Treiberarbeit zu leisten hatten, die Grenzwälder von der Schönburgischen Grenze herauf durch die Moosheide abgetrieben hatte, und daß nach den tage-, ja wochenlangen Mühen ein einziger Rehbock sich vor dem Stande des Kurfürsten zeigte, den der ärgerliche Kurfürst dann auch noch laufen ließ! Und als ein andermal der Zeugwagen im Morast stecken bleibt, greift der Kurfürst selbst mit zu, hilft beim Heben, obwohl er nur Halbschuhe und keine Stiefel trägt, und sieht darnach, ganz von Schlamm bespritzt, alles andere als kurfürstlich aus! Der Rat von Scheibenberg versuchte dann dem gnädigen Kurfürsten durch Wein und „guten Kuchen“ die gehabte Anstrengung vergessen zu machen, aber er trank nur drei Schlucke von dem Wein und nahm nur drei Bissen von dem ihm gereichten Kuchen! Wenigstens hatte er aber nach dem Aerger und der Anstrengung dieses Tages noch die Freude, daß er auf den Scheibenberger Wiesen 17 Hirsche und 5 Wildkälber erlegte!

Jagdliche Grenzstreitigkeiten und Foppereien kamen auch vor. Jagdneid gab es also damals schon! So haben dem Kurfürsten einmal 250 Reiter des Fürsten zu Schlackenwerda jenseits der Grenze die Lappen zerschnitten, daß alles Wild über die Grenze entkam.

(Schluß folgt.)