Die Jagd im oberen Erzgebirge im 16. und 17. Jahrhundert.

Nach alten Quellen bearbeitet von Kelterborn.

Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt. Nr. 34, 22. August 1937, S. 1 – 2.

(1. Fortsetzung und Schluß.)

Werfen wir von der Jagd einmal einen Seitenblick hinüber auf den Fischfang. Auch da gab es Beuten, die uns erstaunen lassen. Am 20. August des Jahres 1625 ließ sich der Kurfürst bei dem reichen Hammerherrn Heinrich von Elterlein auf Löwental anmelden, von dem er gehört hatte, daß er in seinen Teichen besonders schöne „Foren“, d. h. Forellen, habe. Unter den 3 Mandel Forellen, die der Hammerherr dem gnädigen Kurfürsten verehrte, war eine 8pfündige Forelle! Das Festmahl selbst hatte an 2 Tafeln unter grünen Birken in des Hammerherrn Stube stattgefunden, während die Gattin des Hammerherrn in der Küche für den hohen Gast die Speisen zurichtete. Er hatte sie beim Abschied in der Küche besucht. „Ei“, hatte er sie dabei angeredet, „habt Ihr eine rauchige Küche! Doch die Küchen sind nicht anders!“ Die folgenden Tage, so fährt der Bericht, wieder zum Jagdlichen übergehend, fort, „schoß er auf Stockholt 3 große Hirsche, zwischen Crottendorf und Waltersdorf 2 wilde und 2 starke Hirsche, davon ein Hirsch woge 7 Zentner und 20 Pfund“. Zuschauer bei der Jagd liebte der Kurfürst nicht. Als er im Jahre 1627 um Grünhain an der Moosheide ein „Abschießen“ hielt, d. h. eben seinen Stand eingenommen hatte, an dem ihm das Wild zugetrieben wurde, waren die Leute auf die Bäume gestiegen, um den Landesherrn zu sehen. Da rief er ihnen zu: „Herunter, ihr Leute, denn dahier wird geschossen!“ Die Frauensleute aus den benachbarten Orten fragte er, was sie hier wollten. Eine Kecke darunter antwortete: „Wir wollten gern unsern gnädigen Herrn sehn“. Aber er schüttelte den Kopf und sagte: „Weiber und Katzen sollen daheim und hinterm Ofen bleiben!“

Besonders reiche Jagdbeute gab‘s im Jahre 1628, als der Kurfürst im Juli und August um Marienberg jagte. Am 9. August erlegte er dort 403 Stück, um Stein und Grumbach aber gar 570 Stück Wild.

Noch einmal im Jahre 1630 ist der Kurfürst in seinen geliebten Wäldern des oberen Erzgebirges um Gottesgab und Schönheide und erlegt 300 Tiere „auf dem Zuckmantel“. In Eibenstock hat er gar 7 Bären auf einmal in dem umstellten Gehege. Aber mit dieser Jagd nimmt er Abschied dort oben: „Geseg‘n euch Gott, ihr Hölzer, ich sehe euch nicht mehr!“ Wenn er auch sonst noch im Niederlande gejagt hat, in diese Wälder am Kamm des Gebirges ist er nicht wieder zurückgekehrt. Sein Sohn Johann Georg II. hat im Grenzwalde oben 2 große Hauptjagden abgehalten. Bei diesen Jagden geben uns die Quellen auch ein deutliches Bild von den Vorbereitungen, die zu einer solchen Hauptjagd nötig waren. Das Treiben begann bei Gottesgab, Breitenbrunn, Schwarzenberg und Lauter am 16. Juli 1665. 12 Tage später hielt der Kurfürst das 1. Schießen dicht bei Gottesgab.

Die Jagdbeute war 117 Stück Wild. Das 2. Treiben – sagen wir „der 2. Kessel“ – wurde bis zum 7. August getrieben. Jagdbeute: 264 Stück. Das dritte Treiben endete am 21. August mit dem kurfürstlichen Abschießen bei Schwarzenberg und einer Strecke von 292 Stück, das 4. und letzte Treiben am 28. August nach bei Pucke, d. i. Bockau. Es ergab nur eine Beute von 48 Stück. Zusammen mit den von den Förstern noch erlegten „abgesprungenen“ Stücken betrug die Jagdbeute dieser Hauptjagd 763 Stück Wild. Bei dem 2. Hauptjagen im Jahre 1678 waren unter den 1220 geschossenen Stück Wild 200 Hirsche, von denen der schwerste 6 Zentner und 33 Pfund, eine ganze Reihe anderer gegen 5½ Zentner wogen. Die Zahl der erlegten Füchse war verhältnismäßig gering. Nur 29 blieben auf der Strecke. Aber auch ein Wolf taucht diesmal wieder unter der Jagdbeute auf. Zweierlei erregt unsere Verwunderung, wenn man solche alten Jagdberichte liest. Einmal der ungeheure Wildreichtum, besonders auch die gewaltige Menge an Rotwild, die damals die erzgebirgischen Wälder beherbergten. Dabei muß man in Betracht ziehen, daß das Gebirge damals noch bei weitem nicht so dicht wie heute bevölkert und auch noch lange nicht im heutigen Maßstab landwirtschaftlich ausgenutzt war. Die heutige Landwirtschaft würde einen derart hohen Wildbestand einfach nicht ertragen können. Auch damals schon waren die berechtigten Klagen der Bauern an der Tagesordnung, und der Kurfürst suchte durch Errichtung von Wildzäunen ihnen wenigstens einigermaßen entgegenzukommen.

Was uns aber vielleicht noch mehr verwundert als die Menge des erlegten Edelwildes, ist die Art der Jagd in jenen Tagen. Wie konnten die Fürstlichkeiten an solcher Jagd Gefallen finden? so fragt man sich. Und doch war dieses mechanische Niederknallen von Wild noch gar nichts gegen die Massenschlächtereien, die als öffentliche Schauspiele unter den Nachfolgern Johann Georgs II. abgehalten wurden. War man zu bequem geworden, dem Wild in seine Wälder zu folgen und dort zu jagen, oder war es die Unmöglichkeit, dorthin den höfischen Prunk zu verlegen, kurzum, man „jagte“ im beginnenden 18. Jahrhundert auf dem Dresdener Altmarkt, und von den Fenstern und Balkonen sahen die höchsten und allerhöchsten Herrschaften dem widerlichen Schauspiel zu, wie die gehetzten und geängstigten Hirsche und Rehe, Füchse und Dachse, und wohl auch einige Bären darunter, vor dem Büchsenlauf des Kurfürsten, der inzwischen König von Polen geworden war, vorbeigetrieben und totgeschossen wurden. Die Dresdener Gemäldegalerie zeigt solche – für unser Empfinden einfach Scheußlichkeiten – im Bilde. Am meisten aber empfindet wohl der Jäger von heute als Gefolgsmann eines Hermann Göring den ungeheuren Abstand, der unser jagdliches Empfinden von dem Empfinden jener Tage trennt. Denn nicht das Wild mühelos zusammenschießen, das ihm vor die Büchse getrieben wird, will der moderne, weidgerechte Jäger, sondern er will in erster Linie Heger und Pfleger eines ihm von der Allgemeinheit anvertrauten Gutes der Volksgemeinschaft, des Waldes und des Wildes, sein. Und er erlegt das Wild nur dann und nur in so viel Stücken, als es nach der bedauerlichen Ausrottung der größeren Räuber im Haarkleid zur Aufrechterhaltung des Gleichgewichtes im Haushalte der Natur nötig ist.