Die Entdeckung der Erzgebirgslandschaft.

Von W. Ludewig.

Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt. Nr. 34, 22. August 1937, S. 5 – 6.

(1. Fortsetzung und Schluß.)

Von dem „Waldgebürge“, das von den Greifensteinen gekrönt wird, weiß er zu berichten: „Dieses Gebürge ist der höchste Punkt in dasiger Gegend, und vorzüglich wegen des ehemals hier getriebenen Bergbaues berühmt, wovon man noch Spuren an den großen Halden, Pingenzügen und Schächten findet. Die Gesteinart ist Gneuß, bis man auf die größte Höhe des Waldgebürges kommt, auf der lauter Granit, und zwar in verschiedenen steilen Felsen, anzutreffen ist. Unter diesen Felsen werden neun bis zehn gezählet, die ganz senkrecht und frey aus lauter übereinander liegenden Granitlagern, von einem, auch etlichen Fuß Stärke, da stehen, und 100 und mehr Fuß hoch sind. Sie sind unter dem Namen des Greifensteins bekannt. Man hat von ihrer Höhe eine sehr schöne Aussicht in die niedrigeren Gegenden gegen Norden, bis in das eben Land.“

In Geyer fesselt natürlich die Binge die Aufmerksamkeit des Besuchers. Seine Beschreibung ist vor allem deshalb interessant, weil sie uns ein Bild vom Zustand des großen Einsturztrichters vor dem zweiten katastrophalen Bruch im Jahre 1803 gibt. „Man siehet eine große Binge oder von der Oberfläche des Gebürges ausgebrochene Weite, deren steil abfallende Seiten am höchsten Punkt des Gebürges 20 bis 25 Lachter Höhe haben. Die Länge und Breite kann ohngefähr bis an 100 Lachter kommen, da sie keine völlige Rundung ausmacht. Fast aus der Mitten dieser Weitung ragen einige freystehende Felsen hervor, worunter der eine von gleicher Höhe mit den Seiten ist, in welchen man noch verschiedene Höhlen und Ueberreste des Bergbaues der Alten trifft, die ehemals von ihnen, wegen der Festigkeit des Gesteins, mit Feuer ausgebrannt worden sind. Eine Menge Schächte, die in das unter dieser Weitung liegende Gebürge abgesunken sind; ein Feldgestänge, das aus dem Thale erst an dem Abhange des Gebürges hinauf, und alsdann in diese Binge hinein, bis an den daselbst angelegten Kunstschacht schiebet, nebst den hier und da erbauten Kauen und andern zu diesem Bergbau notwendigen kleinen Gebäuden, geben dem Ganzen ein Ansehen, das der Aufmerksamkeit auf alle Weise würdig ist.“

Geradezu begeistert ist Charpentier von der Annaberger Gegend, die er als eine der reizvollsten im ganzen Erzgebirge bezeichnet. „Das äußere Ansehen von diesem Thale unseres Gebürges“, läßt er sich vernehmen, „ist von verschiedenen Punkten betrachtet, sehr abwechselnd. Aus dem Thale des Tanneberger Wassers bey Wiesenbad, Wiesa und weiter hin, steigen sie anfänglich ziemlich steil an; doch dauert dieses nicht lange, so kommt man auf die schönsten gewölbten Gebürge in die Gegend von Annaberg, die auf beyden Seiten gegen Osten nach dem Pöhlfluß, und gegen Westen in das Thal der Sehma, nach und nach sanft herabfallen und breite Thäler machen.

Die Gegend um Annaberg glaube ich mit allem Rechte unter die schönsten Gegenden unseres Erzgebirges setzen zu können. Die hohe Lage des Orts, die weiten Aussichten in das gegen Süden zu sich immer mehr erhebende Gebürge, die endlich am Horizonte, durch den sich über alles erhebenden Fichtelberg begrenzt wird, giebt der Gegend ein so schönes und amphitheatermäßiges Ansehen, daß das Auge eines Freundes der Natur nie ermüdet. Was aber diese Gegend, und die weiter in das Gebürge gehenden Aussichten, theils vorzüglich malerisch macht, theils die Aufmerksamkeit eines Naturforschers besonders erregt, sind die wegen ihrer ganz eigenen Gestalt bekannten Basaltberge: der Pöhlberg, der gleich bey der Stadt Annaberg gegen Osten liegt, der Bärenstein, welcher in ziemlich gerader Richtung zwey Stunden von Annaberg gegen Süden, und der Scheibenberger Hügel, der in fast gleichmäßiger Entfernung von diesem Ort gegen Südwesten liegt.“

Die Pöhla aufwärts wandernd, gelangte Charpentier weiter an den Fuß des Fichtelberges. „Er steigt aus dem Thale des Grenzbaches gegen Westen, so unvermerkt und sanft, bis in die Gegend von Ober- und Unterwiesenthal, daß diese Orte, ob sie schon in einer beträchtlichen Höhe liegen, dennoch das Ansehen haben, als lägen sie in einer Ebene. Von jetzt genannten Orten wird das Ansteigen bis auf die größte Höhe etwas steiler, dem ohngeachtet doch nie so steil, daß man nicht bis auf den Rücken desselben ganz bequem reiten könnte. Der Rücken hat erstlich seine Richtung aus Süden gegen Norden, und wird durch eine Schlucht in zwey besondere Kuppen getrennt, davon die nördliche, etwas höhere, der vordere, die südliche aber der hintere Fichtelberg genannt wird. An diesen zwey Kuppen unterscheidet man ihn ganz vorzüglich von den umliegenden Gebürgen, auch kann man ihn, da er über die anderen Gebürge hervorragt, in großen Entfernungen von 6, 8 bis 10 Meilen erkennen.“ „Die Aussichten sind von diesem Berge“, schreibt unser Gewährsmann weiter, „wie leicht zu erachten, abwechselnd, und aus verschiedenen Punkten desselben vortrefflich. Man übersieht auf den Seiten gegen Norden und Westen das Erzgebirge und das Vogtland nach seinem allmählichen Abfall, bis in die Gegenden des ebenen Landes. Von der östlichen Seite öffnet sich eine weite Aussicht nach Böhmen, die aber doch gegen Süden durch den in Böhmen vorliegenden Berg, der Keilberg genannt, verschlossen wird. Da die Gebürge dieser Gegend, von einer beträchtlichen Entfernung her, nur nach und nach ansteigen: so ist die Aussicht, der großen Höhe ungeachtet, mit der von der Tafelfichte bey Meffersdorf in der Oberlausitz, in Ansehung der Weite, nicht zu vergleichen. Desto größer aber ist der Eindruck bey dem Anblick so großer Massen der umliegenden Gebürge, deren Ausdehnun man auf verschiedenen Seiten, zu 5, 6 und mehr Meilen übersehen kann.“

Charpentier schließt seine Betrachtung ab mit einigen kurzen Bemerkungen über die Pflanzendecke. „Der Fichtelberg ist auf der Süd- und Ostseite und auf seiner Kuppe kahl. Die Waldungen fangen erst auf seinem nörd- und westlichen Abhang an, und alle anliegenden Gebürge sind größtentheils damit besetzt. Da, wo die Gebürge von Waldungen entblößt sind, findet man, ohngeachtet des rauhen Climas und öfters wilden Ansehens, doch nicht selten in den Thälern und am Abhange der Berge, den schönsten Wiesewachs, und angebaute Felder geben rühmliche Beweise von dem ganz eigenen und unverdrossenen Fleiße der erzgebirgischen Einwohner.“

Anschließend beschäftigt sich der Schriftsteller mit dem westlichen Erzgebirge. Vom unteren Schwarzwassertal berichtet er: „Das Thal ist an den meisten Orten breit und die Gebürge steigen sehr sanft zu beiden Seiten desselben an, besonders bilden sie in der Nähe der Stadt Schwarzenberg eine vorzüglich schöne Gegend, worinnen man die angenehmsten Wiesen, Ackerbau und Laubholz findet: und da sie dieses Thal vor rauhen Winden decken, so bemerkt man um Schwarzenberg ein so gemäßigstes, und im Vergleich mit den übrigen Orten des Gebürges so sanftes Clima, daß sich dessen Einfluß in die Erzeugung der Pflanzen und Feldfrüchte, auf die vorteilhafteste Weise für die dasigen Einwohner spüren läßt.“

Weit weniger kann sich Charpentier für das obere Schwarzwassertal erwärmen, wie aus folgenden Bemerkungen hervorgeht: „Weiter gegen Süden ziehet sich das Thal an einigen Orten mehr zusammen. Die Gebürge werden mit ihrer zunehmenden Höhe steiler, die ganze Gegend rauher, und Wälder und Wiesen, nebst den nur sparsam angebauten Feldern, zeigen genugsam, daß man hier in solche Gegenden kommt, die dem Bewohner mehr Vortheil und Belohnung seines Fleißes aus ihrem Innern, als durch noch so fleißige Bearbeitung der Oberfläche, versprechen. Dieses dauert, ohne Abwechselung, bis gegen Johann-Georgenstadt, und obschon der Fleiß der Einwohner dieses Ortes vieles versucht, der Natur durch die Kunst zu helfen, so ist ihr Bemühen doch meist ohne glückliche Folgen gewesen. Ich muß gestehen, daß mir die ganze Gegend da herum, bis an die böhmische Grenze, als eine der traurigsten in unserm ganzen Gebürge vorkommt. Denn ob man sich hier gleich auf einem hohen Punkte desselben befindet, so ist man doch durch die gegen Osten nach und nach ansteigenden höheren Gebürge eingeschlossen, und durch die dem Auge überall entgegengesetzten Waldungen an dem Vergnügen, in entferntere Gegenden zu sehen, verhindert. Das Ansteigen der Gebürge erstreckt sich von Johann-Georgenstadt immer noch weiter nach allen Weltgegenden, erreichet aber vorzüglich seine größte Höhe auf dem, gegen Nordwest ohngefähr anderthalb Stunden von jetzt genanntem Orte, gelegenen Auersberge, der nach dem Fichtelberge der zweyte höchste Punkt unseres Erzgebirges ist.“

„Alle diese Gegenden sind größtenteils mit Waldungen bedeckt“, schließt Carpentier seine Schilderung ab. „Ackerbau ist hier nur wenig zu finden, und noch dazu vereitelt oft ein zeitiger Winter den Vortheil, den sich der dasige Einwohner durch seine mühsame Bearbeitung des Landes versprach. Hätte der schöpfer nicht so viel in das Innere dieser Gebürge gelegt, so zweifle ich, ob sie wohl jemals würden seyn bevölkert worden. Ganz gewiß würden sich nur wenige Einwohner in Gegenden niedergelassen haben, die für die Annehmlichkeit des menschlichen Lebens so wenig Anziehendes haben. Der Bergbau aber ist es, der seit mehreren Jahrhunderten hier eine so beträchtliche Anzahl von Menschen ernährt hat.“

Dem Herrn Bergrat wird erst wieder wohler, als er an der Mulde kommt. „Denn hier befindet man sich wieder einmal in den schönsten, sanft ausgedehnten, und mit unmerklichem Ansteigen verbreiteten Gebürgen, die sich bis in die Gegend von Neustädtel und der anschließenden Stadt Schneeberg fortziehen.“ Dort ist das Gebirge „mit fruchtbarem Ackerlande, Wiesen und abwechselnden Waldungen bedeckt. Eine schön erbaute Stadt, und die Aussichten gegen das nach Süden gelegene höhere Erzgebirge, bilden hier eine Menge malerischer, und das Auge nie ermüdender Prospekte: das Ganze aber macht im Zusammenhange wiederum eine der schönsten Gegenden unseres Erzgebirges.“