Von Gießkannen, Kotflügeln und Plaketten.

Bernsbach feiert sein 700jähriges Bestehen.

Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt. Nr. 35, 29. August 1937, S. 5 – 6.

Vom Klosterdorf zum neuzeitigen Industriedorf – das ist ein sehr langer Weg, daß man den Anfang nicht mehr ahnt, wenn man am Ende steht. Eine 700jährige Vergangenheit. Wer könnte diesem von Jugendfrische strotzenden Ort sein ehrwürdiges Alter ansehen? Alles Alte ist vergangen, teils durch Feuersmacht, teils durch Menschenhand. Wer nach Bernsbach kommt, wird überrascht durch die vielen neuen, schmucken Häuser und Siedlungen.

Die Löffelmacherei legte den Grundstein zur industriellen Hebung des Ortes. Zinn- und Blechlöffel wurden bald in Riesenmengen verkauft, besonders am Ende des 7jährigen Krieges. Später kam die Petschaftstecherei hinzu und lieferte fleißigen Frauenhänden die Schablonen für die Monogramme, die sie kunstvoll und sauber in ihre Wäsche stickten. Das Klempnergewerbe begann mit der Herstellung von Rüböllampen und Gießkannen und fertigte schließlich alle nur erdenklichen Haus- und Küchengeräte aus Blech.

Anfangs wurde das Blech mit dem Hammer getrieben, Bügel und Griffe aber wurden geschweift. Alles mühsame Arbeit, die die Hand gut, aber langsam verrichtete, bis dann die Maschine kam und zu großer Verbilligung der Hausgeräte führte. Wieviele Stunden langwieriger Arbeit kann sich eine Hausfrau ersparen durch den billigen Kauf sinnreicher Erfindungen von praktischen Küchengeräten. Die Gießkanne, deren Herstellung immer mehr zunahm, ist zum Symbol dieses Industriezweiges geworden, und jedem Besucher der Heimatschau wurde zum Andenken eine kleine Gießkanne als Abzeichen geschenkt. Eine riesige Gießkanne grüßte vom Eingang der Ausstellung aus. So unerwartet zu hohen Ehren gelangt, sind die kleinen und großen Blechkannen übermütig geworden und haben sich verschworen, den ganzen, schönen Festzug mit Wasser zu begießen! Die Bernsbacher aber haben sich nicht aus der Fassung bringen lassen. Rokokodamen und Waldfrauen, Beerenkinder und Einsiedler spannten mit erhabener Ruhe ihre Regenschirme auf. Das Gleiche taten auch die Zuschauer und ließen sich ihre Freude nicht schmälern. Was hat es genützt, daß Bernsbach seit fast 100 Jahren Meßgeräte herstellt, um jedem sein Maß genau zuzumessen! Der Regen floß maßlos herab, denn Gießkannen kennen kein Maß. Den Bernsbachern aber hat die Herstellung von Maßen, von denen über die Hälfte im eigenen Eichamt geeicht wurde, viel Segen und Brot gebracht. Darum hat der Eichmeister Nestler keine Ruhe mehr gehabt, seitdem er Ende des Monats Mai erfuhr, daß er eine Ausstellung Bernsbacher Industrien für das Heimatfest einrichten sollte. Er konnte doch nicht einen großen Saal mit geeichten und ungeeichten Maaßen ausfüllen! Da war noch so manches würdige Gewerbe aus alter und neuer Zeit, das in Reih und Glied mit den Meß-, Haus- und Küchengeräten antreten wollte. So ist denn auch aus unzähligen Mühen ein gemeinsames Ausstellungswerk entstanden, das einen klaren Ueberblick über die vielfältige und rasche Entwicklung des Ortes bietet. Das erzgebirgische Herz konnte nicht umhin, auch dem Schnitzer und der Klöpplerin ein Plätzchen einzuräumen, und eine Hutznstube mußte auch da sein.

Kopie
Der Horndreher-Karl zeigte das Schweifen von Blechgerät.
(Aufnahme: B.-H. Heisterbergk.)

In der Ausstellung saß auch ein alter Handwerksmeister den ganzen Sonntag in seiner Werkstatt und klopfte und hämmerte, als wenn‘s der liebe Herrgott selbst bei ihm so bestellt hätte. Der Horndreher-Karl, wie ihn die Bernsbacher nennen, weil sein Vater aus Horn Pfeifenköpfe drehte, der war ganz selig, daß er den Leuten zeigen durfte, wie er einst alles mit der Hand geschweift hat. Er ist schon seit langer Zeit im Ruhestand, aber die alte Liebe zu seinem Hammer ist in diesen Tagen wieder entfacht, und ihm bedeutete es ein Fest, daß dieses Stück alter Zeit wieder aufleben durfte. Da konnte man auf den Tischen manches Kunstwerk von seiner Hand finden. Wer die schöne Bernsbacher Festplakette erworben hatte, konnte hier auch ihre Entstehung verfolgen, und mancher stellte staunend fest, daß viele unserer schönsten Plaketten in Bernsbach geschnitten und geprägt werden. So sind die kunstvollen Maiplaketten von 1936 und 1937 und die diesjährige Parteitagsplakette auch Erzeugnisse einer Bernsbacher Prägerei. Die linke Hälfte des Ausstellungsraumes wurde von den verschiedensten Arten von Kotflügeln beherrscht, deren Herstellung zu einem der bedeutensten Erwerbszweige der Bernsbacher Industrie geworden ist. Nicht immer war die Gestalt der Kotflügel so elegant, daß sie dem Auto das rassige Aussehen von heute verlieh. Vor etwa 30 Jahren versah ein Holzbrettchen den Dienst. Dann tat es ein gewölbter Blechstreifen mit eingerolltem oder eingeklopftem Draht, aber ohne umgebogene Ränder. Eine höhere Stufe der Vervollkommnung stellten dann die Kotflügel mit umgebogenen Rändern dar, die mit dem Hammer getrieben wurden. Das bedeutete eine ungeheuere körperliche Leistung und lange Arbeitsdauer und wurde später durch angewalzte und angenietete Ränder ersetzt. Dieser mühsamen Entstehung der Flügel machte schließlich die Maschine ein Ende. Heute wird ein flacher Blechstreifen durch eine Maschine gezogen und nach mehrmaligem Durchziehen erhält der Flügel die gewünschte Wölbung und Veränderung genau nach dem vorgeschriebenen Maß. Die einzelnen Teile wurden dann zusammengeschweißt. Die letzte Vereinfachung der Herstellung der komplizierten Vorderflügel hat der kleine Riese unter den Maschinen, eine elektrische Luftpresse gebracht, die in Aue hergestellt wird. Dieser kleine Elefant von ca. 2400 Zentner Gewicht und 8 – 10 Meter Höhe preßt in gußeisernen Formen die Vorderflügel, Kühler u. a. aus einem einzigen Stück, so daß das Nieten oder Anschweißen erspart wird. So hat sich dieser Industriezweig, der in Beierfeld seinen Anfang nahm, nach Bernsbach verpflanzt und hat hier seine höchste Blütezeit erreicht.

Berta-Hildegard Heisterbergk.