Die Bahnhofstraße in Jöhstadt vor 40 Jahren.

Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt Nr. 5, 124. Jahrgang, 1. Februar 1931, S. 1 – 2.

Wenn man in Jöhstadt unten im Tale hinter dem Gasthaus „Sächsischer Hof“ die Eisenbahn überschreitet und den Dürrenberg-Weg aufwärts geht, so hat man von der Wiese oberhalb der Emil Nestler‘schen Tischlerei (Haus Nr. 83) einen umfassenden Ausblick auf das Bahnhofsviertel von Jöhstadt mit der Inneren und Aeußeren Bahnhofstraße bis hinauf zur Höhe der Stadt und der Preßnitzer Straße. Da sieht man heute hinter dem Bahnhof gegenüber dem Bismarckplatz die Häuserreihe der Eisenbahnerwohnungen usw. Nummer 123A, 123B, 123C und 124. Links davon herausragend die alte Gasanstalt mit den neuen Häusern an der Aeußeren Bahnhofstraße weiter oben.

Wie es wohl ehemals ausgesehen haben mag, als hier noch keine Häuser standen, als es also eine Aeußere und eine Innere Bahnhofstraße in Jöhstadt noch nicht gab. Unsere beigefügte Abbildung erfüllt diesen Wunsch. Sie gibt eine Photographie wieder, die im Mai des Jahres 1892 vom Dürrenberg aus aufgenommen wurde und uns vor Augen führt, wie es am und hinter dem damals neuerbauten Bahnhof von Jöhstadt aussah. Das Stationsgebäude mit der Bahnlinie Wolkenstein – Jöhstadt als Schmalspurbahn wurden am 1. Juni 1892 eröffnet.

Kopie
Innere und Aeußere Bahnhofstraße mit dem Bahnhof von Jöhstadt im Jahre 1892,
kurz vor Eröffnung der Bahnlinie Wolkenstein – Jöhstadt. Das Bahnhofsgebäude ist noch im Zustand des Ausbaues; der rechtsseitige Anbau erfolgte später. (Photo: Albin Meiche-Annaberg.)

Auf dem Bilde fällt links vom Bahnhofsgebäude, da, wo heute der „Sächsische Hof“ steht, gleichsam wie auf einer Insel ruhend, ein zweistöckiges, schindelgedecktes Haus auf, an das sich nach rechts ein weiteres kleines Häuschen anlehnt und das sein altertümliches Hintergebäude dem Bahnhofe zuwendet. Es ist dies das Restaurant von Paul Fritzsch, eine Altjöhstädter kleine Gastwirtschaft, die samt dem nebenan befindlichen Helbig-Haus im Jahre 1893 zum Abbruch kam. An Stelle dieser Restauration erbaute der Gastwirt und Fleischer Flader das neue Gasthaus „Sächsischer Hof“ (heute im Besitz von Walter Heyn), das im Oktober 1893 vollendet war. Durch den infolge der Eröffnung der Bahnlinie wachsenden Fremdenverkehr genügte die alte, kleine Kneipe nicht mehr, weshalb man den Neubau ausführte, der gleichsam das Jöhstädter Bahnhofs-Restaurant darstellt.

Links davon erblicken wir das Stammhaus der Möbelfabrik F. A. Anger & Sohn mit seinem Fabrikanbau. Es ist nahezu unverändert geblieben. Der große Schornstein, der heute hinter dem Gebäude steht, bestand zur Zeit unseres Bildes noch nicht. Das Haus dient jetzt größtenteils Wohnzwecken.

Rechts vom alten Fritzsch-Restaurant, wo der von der Flader‘schen Spritzenfabrik kommende Weg einmündet, bemerken wir ein langgestrecktes Wohnhaus mit Fachwerk und Schindeldach. Es ist dies das Hausgrundstück Innere Bahnhofstraße 122, im Jöhstädter Volksmund früher „Kloster“ geheißen, ehemals Morgenstern gehörig. Das Schindeldach ist durch ein Blechdach und das Fachwerk durch Bretterverschalung verdeckt worden. Auch hat das Haus durch einen Mansardenaufbau eine veränderte Gestalt bekommen.

Rechts vom „Kloster“ finden wir sodann das alte, kleine Schreyer-Häusel. Es fiel nach dem Brande vom 3. Juni 1896 insofern zum Opfer, als es bei dem Bau der Häuser an der Aeußeren Bahnhofstraße (123A, 123B, 123C und 124) anstelle der hinter dem Bahnhof nach der südlichen Marktseite zu abgebrannten Häuser mit zum Abbruch kam. An der Stelle des Gartens des alten Schreyer-Häusels steht jetzt das Transformatorenhaus der Kraftwerke Westsachsen mit der Gasanstalt dahinter. Das Häuschen, welches links an der Eisenbahn steht (über dem im Grase sitzenden Mann), ist das Hausgrundstück Dürrenberg 85 mit der Zigarrenhandlung von Karl Lönhardt. Ganz links ragt mit dem Dache das Grundstück Dürrenberg 86 heraus mit der Tischlerei von Emil Böttger. Zwischen dem Lönhardt‘schen und Böttger‘schen Hause an der anderen Seite der Straße müssen wir uns die später erbaute Klöppelspulfabrik hindenken.

Der Blick nach links aufwärts entlang der Zweigbahn nach der Fahrzeug- und Feuerwehrgerätefabrik von E. C. Flader ist heute nicht mehr, da in den verflossenen rund 4 Jahrzehnten der Wald so hoch und dicht geworden ist, daß der Ausblick behindert ist. Verschwunden sind ferner die Bäume am Ufer des Schwarzwassers im Vordergrund unseres Bildes.

So bietet also ein Vergleich der Gegenwart mit der Vergangenheit des alten Jöhstadt viel des lokalgeschichtlich Interessanten.

F. K.