Wieder einer aus der Reihe der „Buchholzer Originale“.
Von Max Rothe.
Erzgebirgische Heimatblätter. Beilage der Obererzgebirgischen Zeitung. Nr. 16 — Sonntag, den 14. April 1929. S. 1 – 2.

Nach Ludwig Richter.
Ein windstiller Sommerabend des Jahres 1868. Durch den Buchholzer Wald streift eine Schar lärmender Kinder. Plötzlich horcht alles auf. Süße Flötentöne schlagen an das Ohr. „Der Flöten-Preuß! Der Flöten-Preuß!“ jubelt das junge Volk. Schnell ist die Richtung, aus der die Töne kommen, festgestellt, und im Sturmschritt geht es über Stock und Stein dem Ziele zu. Bald haben sie den Gesuchten entdeckt. Auf der Ruhebank am Rande einer kleinen Waldblöße sitzt er, den Körper zurückgelehnt, die Beine weit von sich gestreckt, den Blick weltvergessen nach der sinkenden Sonne gerichtet. Andächtig lauschen die Kinder. Der Zauber der Musik hat ihr Ungestüm gezügelt. Sie schauen dem Spielmann unverwandt in das bärtige, gutmütige Gesicht und belustigen sich an dem anmutigen Spiel der Finger, die auf- und niederhüpfen. Er versteht sie aber auch zu meistern, die geliebte Flöte, sein einziges irdisches Gut. Die Kinder lohnen seine Kunst mit stürmischem Händeklatschen und bitten immer und immer wieder um eine Zugabe. Und weil sich nun auch Abendspaziergänger hinzugesellt haben, spielt er unermüdlich weiter. Was der wortkarge Sonderling den Tag über verschwiegen mit sich führte, das klingt jetzt in Tönen hinaus in den scheidenden Tag. Die Dunkelheit bricht herein. Das erste Sternlein leuchtet auf. Da macht er Schluß. Die Flöte verschwindet in einer der Taschen seiner langen Rockschöße. Dann wünscht er seinen dankbaren Zuhörern eine gute Nacht und flüchtet in den Wald, wo er am dunkelsten ist. Dort, wo er halt macht, steht, an einen Felsen gelehnt, ein halb verfallenes Lusthaus. Kein Mensch sucht es mehr auf. Die emporgeschossenen Bäume haben ihm Luft und Licht und alle Aussicht genommen. Der Flöten-Preuß aber hat es sich zum Nachtasyl erkoren. Eine Schütte Stroh ist die einzige Ausstattung seines dürftigen Schlafgemachs. Hier bettet er, mit Verzicht auf jede Annehmlichkeit, seinen müden Leib zur Ruhe. Unbeschwert mit irdischem Leid und Alltagssorgen befiehlt er Gott seine Seele und schlummert traumlos hinüber in den neuen Morgen. Mit dem ersten Amselschlag ist er wieder auf den Beinen. Nun begibt er sich zu Morgentrunk und Morgenwäsche an den nahen Quell. Er erledigt das letztere Geschäft nicht etwa im Handumdrehen nach Art eines verkommenen Landstreichers. O nein! Die abgelegten Kleidungsstücke werden sorgsam gesäubert, Kopf und Oberkörper gründlich gewaschen und Haar und Bart in Ordnung gebracht. Nun kann er sich wieder unter den Leuten sehen lassen. Wie er durch die Herrgottsfrühe in das Tal hinabsteigt, kann man seiner Erscheinung eine gewisse, wenn auch steife Würde nicht absprechen. Am Chausségeld-Einnehmerhäuschen, das dort stand, wo sich jetzt die große Straßenausbuchtung unterhalb des Friedhofes befindet, erwartet er die vierspännige Frühpost nach Schwarzenberg. Denke nicht etwa einer, daß ihn die Reiselust ergriffen habe. O nein, es geht an‘s Geldverdienen! Von der Stadt her hört man des Posthorns Ruf, und schon rollt das schwere Gefährt, gezogen von vier stämmigen Braunen, heran. Ein kurzer Halt. Das Chausségeld wird entrichtet, und zwar in einen offenen Beutel, der am vorderen Ende einer Stange hängt, die der Einnehmer aus seinem Fensterchen herausreicht. (Unsere Leser sehen dieses alte Chausséhaus heute auf unserem Bilde.) Die Pferde ziehen wieder an. Auf der ansteigenden Straße durch den Wald laufen sie im Schritt. Und unser Spielmann, der Flöten-Preuß? Der entfaltet jetzt seine Tätigkeit, die ihm zum Gelderwerb verhelfen soll. Neben der Postkutsche schreitet er einher, führt die Flöte zum Munde und spielt auf, Stücklein um Stücklein. Die Reisenden im Wagen erheitern sich am Gehaben des drolligen Kauzes, freuen sich aber dann seiner Kunstfertigkeit und empfinden das unerwartete Morgenkonzert als angenehme Kurzweil ihrer langen, eintönigen Fahrt. Ehe die Pferde auf der Höhe beim Gasthaus „Neu-Amerika“, wo die Straße eben wird, wieder in Trab fallen, reichen sie dem unermüdlichen Musikanten durch das geöffnete Wagenfenster ihr Scherflein. Artig zieht er den Hut und kehrt raschen Schrittes zurück nach dem Einnehmerhaus, um weitere Gelegenheiten, seine Kunst zu zeigen und den leeren Beutel zu füllen, abzuwarten.

Es kommt aber auch vor, daß die Reisenden seiner nicht achten und, oben angekommen, keine Miene machen, ihn zu entlohnen. Dann hält er mit den flott ausgreifenden Pferden Schritt und spielt unentwegt weiter. Wenn sie seine Kunst nicht schätzen, denkt er, so sollen sie ihn wenigstens in seiner Ausdauer beim Schnellauf mit Flötenspiel bewundern lernen. Und damit erreicht er in den meisten Fällen sein Ziel.
Reichtümer kann und will er sich auch nicht erwerben. Wenn nur die Ausübung seines eigenartigen Gewerbes soviel abwirft, daß er den knurrenden Magen besänftigen und der trockenen Kehle ausgiebig Feuchtigkeit zuführen kann. Deshalb hält er es auch mit der alten Spielmannsweise:
Was ich des Tags verdient mit meiner Leier,
das geht des Abends wieder in den Wind.
Einen Trunkenbold kann man ihn nicht schelten, wenn auch die Nase die verdächtige Neigung zeigt, einen rötlichen Schimmer anzunehmen.
Eines Abends loht eine Feuersäule im oberen Wald zum Himmel empor. Flinke Buben eilen nach der Brandstätte, finden aber nur noch einen Rest glimmenden Gebälkes vor und erzählen dann im Städtchen, daß die „Flöten-Preuß-Villa“ ihren Betrieb als Spielmannsherberge eingestellt habe.
Wer der Brandstifter gewesen war, blieb unaufgeklärt. Der Flöten-Preuß konnte nicht mehr zur Rede gestellt werden, denn er war verschwunden.
Woher er gekommen, wohin er gegangen, niemand wußte es.
Er war das Gegenstück zum Rattenfänger von Hameln: Dort ein Kinderräuber — hier ein Kinderfreund, der sich bei den Alten unter uns, die ihn kannten, ein freundliches Gedenken gesichert hat. Diese tragen die Erinnerung an das liebliche Idyll aus der guten alten Zeit noch immer im Herzen.
Nachschrift. Wie lange sich der Flöten-Preuß in Buchholz aufgehalten hat und wo er während des Winters hauste, konnte nicht ermittelt werden. Mit den hier wohnenden Trägern gleichen Namens stand er in keinerlei verwandtschaftlichen Beziehungen.
(Mitgeteilt von Herrn Emil Langer.)