Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt Nr. 6, 124. Jahrgang, 8. Februar 1931, S. 1 – 2.
Ehe am 20. Juni 1893 der neue Annaberger Schlachthof am Gärtnerweg eröffnet wurde, hatte die Stadt den alten Schlachthof am Mühltor (vordere Gerisch-Ruh), als „Kuttelhof“ bekannt, der 369 Jahre lang seinen Zwecken in anfangs recht primitiver Form gedient hatte.

In den ersten 28 Jahren des Bestehens der Stadt schlachteten die Annaberger Fleischer das Vieh in den bei ihren Behausungen zumeist befindlichen Schlachthäusern, doch bestand schon von 1506 an auch hier eine Art Kuttelhof. Da dieser sich als unzureichend und wegen der Wasserführung als zu unbequem erwies, so wurde im Jahre 1524 vom Rat der Stadt ein neuer Schlachthof vor dem Mühltore erbaut, gegenüber dem Kornhaus, dem späteren Malzhaus. Vordem befand sich an seiner Stelle das sogenannte Schusterhaus, das die Stadt für 24 fl. kaufte, abbrechen ließ und als Bauplatz für den Kuttelhof verwendete. Im April des Jahres 1525 wurde dieser in Benutzung genommen. Der erste im neuen Haus angestellte Kuttler hieß Georg. Ihm lag die ganze Verwaltung sowie die Fleischbeschau ob. Die von ihm zu erhebenden Gebühren und Abgaben waren in einer Kämmereiordnung genau festgelegt; 1547 trat alsdann eine besondere Rats-Kuttelhof-Ordnung in Kraft, worüber Näheres in Nr. 31 des „I. E. S.“ vom 7. August 1927 nachzulesen ist.
Die Fleischer hatten für ihr Schlachtvieh große Weideplätze nötig. Als sie wegen der allgemeinen Hutweide am Pöhlberg mit der Bürgerschaft in Streit gerieten, wies ihnen die Stadtverwaltung neben einem abgegrenzten Gebiet am Pöhlberg noch ein besonders großes Weidegebiet nach dem Sauwalde zu an, woher wohl die auf dem Wege dorthin befindliche „Fleischerleithe“ an der Straße nach Chemnitz, wo jetzt das Bezirkskrankenhaus steht, ihren Namen hat.
Es kostete dem Rat viele Mühen und Verordnungen, die Fleischer fortan vom Jahre 1525 an dazu anzuhalten, nur noch im offiziellen Schlachthof zu schlachten. Mitten durch den Kuttelhof floß der Stadtbach, der alle Abfälle mit fortschwemmte.
Im Laufe der Zeit ging der Schlachthof in den Besitz der Annaberger Fleischer-Innung über. Im Jahre 1890 war Kuttelhofverwalter der Fleischermeister Friedrich Ferdinand Louis Fröhner; er war der letzte, der sein Amt in dem jahrhundertealten, äußerst baufällig und unzureichend gewordenen Hause ausübte.
Nach dem Bau des neuen, modernen Schlachthofes wurde 1893 der alte abgerissen. Er ist vollständig vom Erdboden verschwunden, wie auch das in dichter Nähe befindlich gewesene Häuschen Schlachthofplatz Nr. 2, in dem bis zuletzt der Posamentiermeister Christian Friedrich Gottlieb Gehrisch und der Tischler Hermann Moritz Selbmann wohnten. An der Stelle des alten Schlachthofes finden wir jetzt die Anlagen der Gehrisch-Ruh zwischen der Wiesenstraße und der Ecke des Hausgrundstückes Fleischergasse 20.
Recht interessant und poesievoll gestaltete sich seinerzeit der Abschied vom alten Schlachthof und die Uebernahme des neuen, für die Fleischversorgung der Pöhlbergstadt so lebenswichtigen Institutes am 20. Juni 1893. Zur Beteiligung an dieser Feier waren Vertreter der Fleischer-Innungen erschienen aus Buchholz, Geyer, Chemnitz, Bärenstein, Ehrenfriedersdorf, Sehma, Scheibenberg, Schlettau, Oberwiesenthal, Thum, Wolkenstein, Schwarzenberg, Reichenbach, Lengefeld, Freiberg und Dresden. Ein imposanter Festzug, an dem sich die Spitzen der staatlichen Behörden, die städtischen Kollegien, die Mitglieder der hiesigen Bäcker-Innung, die genannten auswärtigen Bruder-Innungen und zahlreiche andere Gäste der festgebenden Annaberger Fleischer-Innung beteiligten, bewegte sich vom „Lindengarten“ aus durch die mit Flaggen und Girlanden geschmückte Wolkensteiner Straße die Fleischergasse hinab zum alten Schlachthof am Mühltor. Hier ergriff der seinerzeitige Obermeister Anton Horn das Wort, um nach einem kurzen Abriß über die Geschichte des 1524 erbauten Hauses von demselben Abschied zu nehmen. Am Gebäude hing über der Tür ein Kranz mit der Inschrift: „Nun lebe wohl, du altes Haus!“ Manche liebe Erinnerungen lebten noch einmal auf.
Dann bewegte sich der Festzug hinab zum reich geschmückten neuen Schlacht- und Viehhof. Ein dort angebrachtes Transparent enthielt den sinnigen Spruch: „Der Fleischer Schmuck und Ehrenkleid ist Ordnung, Fleiß und Reinlichkeit; im Handel treu, im Wandel drei, dann grünt und blüht die Fleischerei!“ Nach der Rede des damaligen Stadtoberhauptes, Bürgermeister Wilisch, und den Uebermittlungen von Glückwünschen seitens der Innungen etc. fand ein Rundgang durch den gesamten Gebäudekomplex statt. Eine Anzahl Schweine und vier Ochsen wurden geschlachtet, um die hervorragenden technischen Eigenschaften im Betrieb zu zeigen, die gegenüber denen im alten Schlachthof einen ganz gewaltigen Unterschied ausmachten und berechtigtes Erstaunen auslösten.
DK.
Aufnahmen aus dem Betrieb des Annaberger Schlachthofes in der Nachkriegszeit:

