Friedhof und Friedhofshalle in Annaberg / Kleinrückerswalde.

Von Paul Bach.

(Schluß.)

Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt Nr. 6, 124. Jahrgang, 8. Februar 1931, S. 2 – 3.

Das Bahrenhaus mag 1844 oder 1857 errichtet worden ein und diente zur Aufbewahrung der Grabgeräte. Es bestand aus Holz, ohne Fenster, dumpf und durch die Länge der Zeit recht baufällig und unbrauchbar geworden. Im Jahre 1875 wurde das Häuschen abgerissen und eine steinerne Totenhalle mit Blechbedachung und zwei Fenstern erbaut, die nur aus einem einzelnen Raum bestand, der zugleich zur Aufbewahrung der Leichen diente. Doch bald zeigte sich diese Halle als ungenügend. Sie wurde 1910 durch eine neue ersetzt, und zwar auf der Südseite des erweiterten Friedhofes. Das alte hölzerne Steigerhaus und das Leiterhaus der Feuerwehr mußten darum weichen.

Der erste Spatenstich erfolgte am 22. August 1910 und die Grundsteinlegung am 7. September in Gegenwart des Ortsgeistlichen, zweier Kirchenvorstandsmitglieder und des Bauleiters. In den Grundstein, der sich an der Nordseite unter einer Säule des Vorbaues befindet, wurde eine Blechkapsel mit verschiedenen kleinen Geldstücken und einer Urkunde mit folgendem Wortlaut beigelegt:

„Diese Leichenhalle ist erbaut von Julius Rebentisch aus Geyersdorf für den Preis von 4890 Mark. Sie steht auf neuerworbenem Areal, durch das der Kirchhof erweitert wurde. Das Erweiterungsgrundstück umfaßt ca. 5,5 Ar, davon wurden 2,86 Ar für 1000 Mark angekauft von Frau Gutsbesitzer verw. Emma Thiele, geb. Mann, und ca. 2,64 Ar überließ die politische Gemeinde schenkungsweise dem Kirchenlehen.

König von Sachsen ist z. Zt. Friedrich August III., Amtshauptmann in Annaberg Dr. Weißwange, Gemeindevorstand in Kleinrückerswalde Karl Siegel.

Der Kirchenvorstand setzt sich zusammen: Gemeindevorstand Siegel, stellv. Vorsitzender, 2. Gutsbesitzer Traugott Schiefer, 3. Hausbesitzer Emil Wild, 4. Ortsrichter Friedrich Nestler, 5. Kirchenrechnungsführer Ottomar Grund, 6. Privatus Fabrikbesitzer August Altmann, 7. der Unterzeichnete als Vorsitzender.

Der Kirchschullehrer heißt Paul Bach. An der Schule wirken neben ihm noch zwei ständige und ein Hilfslehrer.

Erwähnenswert ist im laufenden Jahre: Die Kirche wurde anläßlich des Anschlusses von Kleinrückerswalde an das Annaberger Elektrizitätswerk mit elektrischem Licht versehen. Die Kosten beliefen sich auf ca. 700 Mark. Zwischen der politischen Gemeinde Kleinrückerswalde und der Stadt Annaberg schweben z. Zt. intensive Verhandlungen über Einverleibung nach Annaberg. Buchholz erhebt dabei Anspruch auf das Gelände bis zur Bärensteiner Straße, und zwar auf Grund früherer mündlicher, nicht zu Protokoll genommener Abmachungen mit dem Gemeinderat zu Kleinrückerwalde, die Annaberg als nicht zu recht bestehend anerkennt. Es dürfte ein Rechtsstreit bevorstehen, der die obersten Instanzen beschäftigen wird.

Das Amt des Totengräbers liegt seit 30 Jahren in den Händen des Nachtschutzmanns Eduard Wagler. Die Gemeinde zählt z. Zt. 1662 evangelische Einwohner.

Kleinrückerswalde, 7.9.1910.

Pfarrer Dr. phil. Johannes Loth.“

Das Richtfest der Halle fand am 27. September in aller Stille und Einfachheit statt. Am 2. Januar 1911 wurde die Halle zum ersten Male benützt und an diesem Tage mit einer entsprechenden Feier von Pfarrer Dr. Loth geweiht. Am 22. Mai 1911 waren die Bauarbeiten einschließlich der der neuen Friedhofsmauer fertiggestellt.

Die neue Halle enthält im Erdgeschoß drei Räume: einen heizbaren Sezierraum, einen Abstellraum und einen vom Maler Freymann in Annaberg würdig und künstlerisch ausgemalten Aufbahrungsraum und im Dachgeschoß einen Boden für Bahre und Gottesackergeräte. Das bunte Fenster an der Rückseite des Aufbewahrungsraums zeigt Christus als den Fürsten über Leben und Tod, wandelnd zwischen den Gräbern. Auf dem Dache des Vorbaues befindet sich ein steinernes Kreuz und die Vorderseite trägt die Inschrift:

Ebräer 13, 14: Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.

Die neue Halle bildet sowohl durch ihre äußere Bauart, als auch durch ihre praktische innere Einrichtung einen Schmuck für den Friedhof und für die Kirchgemeinde.