Von Horst Henschel – Schwarzenberg.
Erzgebirgische Heimatblätter. Beilage der Obererzgebirgischen Zeitung. Nr. 31. ─ Sonntag, den 28. Juli 1929, S. 2.
Das Erzgebirgsdorf Bermsgrün, von dem Dr. W. Fröbe1 feststellt, daß es zur gleichen Zeit oder nicht viel später als die Stadt Schwarzenberg entstanden sei, war von altersher nach Schwarzenberg gepfarrt. Die Alt-Bermsgrüner Bevölkerung stammte aus dem Fichtelgebirge und bestand hauptsächlich aus Holzmachern, Köhlern und Bergleuten. Sie bildeten eine friedliche Gemeinde, die mit anderen ortsfremden Leuten so gut wie gar keinen Verkehr pflegten. Ein jeder kannte die anderen im Dorfe, und diese Bekanntschaft und der Verkehr genügten ihnen ─ selbst bei der Wahl der anderen Ehehälfte. Unter den Bermsgrünern herrschte Jahrhunderte lang eine Inzucht, die vielleicht weniger beabsichtigt, als vielmehr aus einer gewissen Weltfremdheit, Scheu und Bescheidenheit entsprungen war. Dieser Zustand äußerte sich in verschiedener Hinsicht, teilweise sogar noch bis in die heutige Zeit, wie das häufige Vorkommen bestimmter Familiennamen zeigt. So befanden sich beispielsweise in den 40er Jahren des vorigen Jahrhunderts in Bermsgrün unter 1140 Einwohnern allein 72 Familien mit Namen Blechschmid. Um alle diese Namensträger zu unterscheiden, machte sich’s nötig, die einzelnen Blechschmide noch mit einem Bei- oder Spitznamen zu belegen.2
In der Mitte des vorigen Jahrhunderts fand sich außer einigen Schmieden und Töpfern kaum noch ein anderer Handwerker im ganzen Dorfe, weder ein Kaufmann oder Handelsmann, noch ein Landreisender. „Hieraus läßt sich’s erklären,” (so schreibt Finanzprokurator Lindner aus Schwarzenberg), „daß die Einwohnerschaft ─ aus Mangel allen Verkehrs nach außen hin ─ auf einer flachen Stufe geselliger Konversation stehen geblieben ist und an der Herkömmlichkeit ihrer Altvordern festzuhalten strebt.” Es braucht uns nicht zu wundern, daß unter diesen Verhältnissen sich die alte Tracht der Bermsgrüner bis in die 50er Jahre des vorigen Jahrhunderts erhielt, die uns Lindner folgendermaßen beschreibt:3 „Die Tracht der Männer ist freilich in Form und Schnitt um 50 Jahre zurück; dagegen die der bejahrten Weiber mit ihren niedrigen, steifen und mit breiten, weißen Tressen besetzten Hauben noch viel weiter. Dieser Kopfputz scheint aus verzinntem Blech gefertigt und wie ein Hausgerät von Erbe zu Erbe übergegangen zu sein. Jetzt (d. i. anno 1844) fangen sie aber an, seltener zu werden. Mädchen und junge Frauen kleiden sich daneben auffallend bunt: brennend rot, hochblau, pommeranzengelb und grasgrün sind die Farben des Anzuges und Bänderwerkes vom Kopf bis zum Fuß, als hätte der Schneider den Regenbogen dazu verschnitten. Diese grelle Farbenpracht schmerzt das Auge beim Sonnenschein, wenn sich die Bermsgrüner Sonntags vor dem Gottesdienst auf dem Marktplatz in Schwarzenberg in Gruppen, wie sie es zu tun pflegen, aufstellen und sich beschauen lassen. ─ Die Bermsgrüner kennen die Genüsse nicht, womit sich der Großstädter so häufig dem Arzte und dem Totengräber in die Hände liefert, mithin auch die Sittenverfeinerung nicht, wodurch der Mann nach der Mode so oft die vernünftige Natürlichkeit verliert.”
Um diese Zeit gab es auch noch eine Bermsgrüner Mundart, die die Verwandtschaft mit dem Dialekt im bayerischen Fichtelgebirge deutlich erkennen ließ.
Im folgenden sei noch eine Nachricht aus dem Jahre 1795 aus Adolph Lobegott Peck: Geschichte und Beschreibung des Kreisamtes Schwarzenberg, S. 104 ff., wiedergegeben:
Bermsgrün, ein Dorf, das von Holzmachern, Köhlern und Bergleuten bewohnt wird, hat 100 Häuser und 751 Einwohner. Kinder bis 14 Jahren: 124 Knaben und 144 Mädchen; Personen bis 60 Jahre alt: 180 männliche und 208 weibliche; Personen über 60 Jahre alt: 35 männliche und 60 weibliche. Summe aller Personen: 339 männliche und 412 weibliche, gleich 751 Personen.
Man kann also rechnen, daß in zwei Häusern 15 Personen wohnen, eine Anzahl, die man in niederländischen Dörfern und in manchen Städten nicht findet. Bergmannsgrün ist ein mit Kindern gesegnetes Dorf, und das Klima ist sehr gesund, davon sind die 95 Personen über 60 Jahre ein Beweis. Doch muß der Bergbau einigen Einfluß auf die Sterblichkeit haben, weil wir noch einmal so viel Personen weiblichen Geschlechtes finden. Wenn nicht Blattern, Masern und andere Kinderkrankheiten, die man vielleicht noch nicht recht zu behandeln weiß, so viele Kinder töteten, so würde die Anzahl der Einwohner von Jahr zu Jahr ansehnlich wachsen. Leonhardi hat in seiner Erdbeschreibung von Sachsen nur 70 Häuser von Bergmannsgrün angegeben. Hätte dieser Ort 1790 wirklich nur 70 Häuser, so wäre die Anzahl derselben um 30, also jetzt fast um die Hälfte vermehrt. Die Weibspersonen klöppeln, und wenn ihre Männer im Winter zu Hause sind, so leisten diese ihnen Gesellschaft. Man darf sich daher nicht wundern, wenn man hier im Winter einen Kohlenbrenner feine Zwirnspitzen verfertigen sieht, die durch ihr bleibendes Weiß sich als das Gegenteil seiner Sommerarbeit merklich auszeichnen. Die vielen Kirschbäume, die man hier antrifft, geben ihren Besitzern in fruchtbaren Jahren reichliche Nahrung. Auch der Feldbau und die Viehzucht sind nicht unbedeutend. Ein Nahrungszweig verschiedener Einwohner ist auch das Abrichten der Gimpel oder Dompfaffen. Um reines Deutsch gut sprechen zu hören, darf man freilich nicht nach Bergmannsgrün kommen, denn die hiesige Mundart zeichnet sich durch das Singende und durch ganz eigene Ausdrücke4 von der Mundart mehrerer erzgebirgischer Ortschaften schon sehr aus. Es ist also leicht zu schließen, wie verschieden sie von der Leipziger und Dresdener Aussprache ist. Man kann überhaupt die erzgebirgische Mundart, die der pfälzischen und bayerischen sehr gleich kommt und über Zwickau anfängt, als einen Beweis annehmen, daß das Erzgebirge von pfälzischen und bayerischen Kolonisten angebaut worden ist. Und dies ist umso viel mehr zu glauben, da die Herrschaft Schwarzenberg bis zum Jahr 1156 zum Herzogtum Bayern gehörte.
Bergmannsgrün hat seinen Namen und seine Entstehung, so wie mehrere Ortschaften des Erzgebirges, den Bergleuten zu danken, die aus der Gegend des großen Fichtelberges, also von der pfälzischen und bayerischen Grenze kamen. Um dieses zu beweisen, will ich nur einige Benennungen von Dörfern und Bergen aus der Gegend um den Fichtelberg mit den Namen von Dörfern und Bergen in der Gegend um Schwarzenberg vergleichen.
| Gegend um den Fichtelberg. | Gegend um Schwarzenberg. |
|---|---|
| Schneeberg (ein Berg) | Schneeberg (ehemals auch ein Berg, wo jetzt die Stadt ist) |
| Ochsenkopf (das Haupt des Fichtelberges, drei Stunden von Schneeberg) | Ochsenkopf (ein Berg, unweit Bockau, drei Stunden von Schneeberg) |
| Pfannenstiel (ein Berg) | Pfannenstiehl (Dorf und Berg) |
| Platte (ein Berg) | Platte (ein Städtchen unweit Johanngeorgenstadts, das ehemals zu Sachsen gehörte) |
| Breitenbrunn (Dorf) | Breitenbrunn (zwei Stunden von Schwarzenberg) |
| Bermsgrün (Dorf) | Bermsgrün |
| Slopen oder Schlöm (Dorf) | Schlema (bei Schneeberg) |
| Wildenau (Dorf) | Wildenau (ein ins Amt Grünhain gehöriges Dorf) |
| Sooswald | Sosa (ein Dorf; wendisch ein Fichtenwald) |
- D. W. Fröbe: Geschichte der Stadt Schwarzenberg. Seite 26. ↩︎
- Joh. Trgt. Lindner: Wanderungen 1. Teil, Seite 30 ff. ↩︎
- Vergl. H. Henschel: Zur Geschichte Bermsgrüns. In der Heimatbeilage „Auf Erzgebirgs Höhen” Nr. 2, Jahrg. 1926. ↩︎
- Der Herr Pastor Hecht in Sosa hat in seiner Geschichte von Sosa verschiedene solche Redensarten angeführt. ↩︎