Friedrich Richard Küttner †
Erzgebirgische Heimatblätter. Beilage der Obererzgebirgischen Zeitung. Nr. 32. ─ Sonntag, den 4. August 1929, S. 1.

Wenn diese Worte zu der Bevölkerung des Erzgebirges reden werden, wird man in Sehma einen Mann zur letzten Ruhe gebettet haben, dessen Name immerdar mit der Industriegeschichte nicht nur des Erzgebirges, nein, der Welt, verbunden bleibt: Friedrich Richard Küttner. Gerade unsere Gebirgsheimat, die in zähem Fleiß die Erzeugnisse von Geist und Hand den Völkern der Erde darreicht, die ihre Hansawimpel über die Weltenmeere sieghaft zu tragen wußte, weiß Werke und Taten des Kaufmannes, des industriellen Unternehmers zu würdigen. Und so hat die Bevölkerung unserer Berge und Täler immerdar mit Stolz auf das geblickt, zu dem ein Friedrich Richard Küttner den Grundstein gelegt, das er mitschuf zu einem Weltunternehmen führender Art. Im zweiundachtzigsten Jahr schloß der Dahingegangene die Augen für immer. Gründer seiner Firma war der Großvater Christian Küttner, von dem der Sohn Friedrich Wilhelm, des Verblichenen Vater, einst das Unternehmen übernahm. Es war etwas recht Bescheidenes um die kleine Spulerei, die damals von den Küttners betrieben wurde. Und doch wuchs auch das Geschäft unter der Leitung von Männern, die kein Auf und Ab der Zeiten beugen konnte. 1870 rief der Tod des Vaters einen Friedrich Richard Küttner dann an die Spitze des Betriebes, der inzwischen bereits mannigfach Ausbau und Erweiterung erfahren hatte. Nun aber begann der Aufstieg zu Großem. Der neue Führer des Hauses war es, der die Kunstseide in das Unternehmen aufnahm. Das Geschäft mit roher Strangkunstseide, die Veredelung zu gezwirnten und gefärbten Garnen blühten schnell empor und trugen den Namen des Hauses weithin durch Länder. 1906 übergab der Verblichene alsdann seinem Sohne Hugo das Unternehmen und damit jene Mittel, mit denen der neue Chef des Unternehmens dasselbe weltumspannend aufzurichten verstand. An die Seite des Sehmaer Betriebes trat die neue große Spinnerei in Pirna mit ihren gewaltigen Ausmaßen, und der Name Küttner-Seide wurde tonangebend bis an die Gestade der fernsten Länder. Und alledem war Friedrich Richard Küttner der Grundsteinleger. Nachdem der Dahingegangene 1920 das Hundertjahr-Jubiläum der Firma F. R. Küttner erlebt hatte, feierte er 1927 unter lebhafter und freudiger Teilnahme sämtlicher Angestellten und Arbeiter des Unternehmens seinen 80. Geburtstag. Der Entschlafene hat am Feldzuge 1870/71 teilgenommen. Auch weilte er viel im Ausland, bevor er in das väterliche Geschäft eintrat. Was der nun Verblichene dann auch seiner gebirgischen Heimat, seiner Gemeinde Sehma in öffentlicher ehrenamtlicher Tätigkeit, was er ihr als Mensch warmen, opferwilligen Herzens gewesen ist, das alles, von uns am Tage seines Ablebens schon gewürdigt, wird fortleben in der Heimatgeschichte. Der Name Friedrich Richard Küttner wird leuchten in ihr immerdar.
