Zur „Kät“ vor siebzig Jahren.

Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt Nr. 22, 124. Jahrgang, 31. Mai 1931, S. 2 – 3.

Zeitgemäße Erinnerung zum Titelbilde dieser Ausgabe.

Während es am Pfingstfeste des Jahres 1861 – der erste Feiertag fiel auf den 19. Mai – in Annaberg geregnet und geschneit hatte und der ehrsame Wochenblattredakteur Carl Ludwig Schreiber unter schützendem Dache (seine Wohnung befand sich im heutigen Hause Kleine Kirchgasse 10) in warmer Stube der Ankunft des Frühlings durch die angelaufenen Fensterscheiben entgegen sah, zogen im Laufe der Woche die schwarzen Wolken allmählich auseinander, und das Wetter klärte auf. In reinstem Azurblau strahlte am Trinitatissonntag der unbewölkte Himmel, und von nah und fern zogen vom frühen Morgen an zu allen Toren Annabergs die Wallfahrer des Trinitatisfestes herein.

Wie wogten am 26. Mai 1861 in Annaberg allenthalben in buntem Gewühle die unzählbaren Volksmassen durcheinander – mit weiten, steifen Crinolinen, mit eleganten Fracks und stutzerhaften Nasenklammern, in hohen Karossen –, wir sahen sie still vergnügt und laut lärmend, gemütlich zehrend, freundlich scherzend, zechend, tanzend, beschauend. Und was gab es hier nicht alles zu sehen?

Viele sind schon am frühen Morgen nach Annaberg gekommen und nehmen die Sehenswürdigkeiten der Stadt in Augenschein. Da ist die schöne Hauptkirche mit ihren fünf kostbaren Altären, mit dem Gemälde des jüngeren Cranach (Die Ehebrecherin), mit ihrem kühnen gotischen Bogenschlag zu besehen; auch die neue katholische Kirche (seit 1844), der breite regelmäßige Marktplatz mit seinem Springbrunnen, die um die Stadt führenden schönen Promenaden, die nobel herausgeputzten Kaufläden, die sonstigen öffentlichen und privaten Gebäude werden besichtigt, bevor das Fest seinen eigentlichen Anfang nimm

Am Mittag ruft die Hospitalglocke zum Gottesdienst. Alles strömt dem weithin bekannten Gottesacker zu. Es ist ein herrlicher Frühlingstag. Von der Außenkanzel an der Hospitalkirche spricht der Prediger zu der auf den Gräbern und unter dem Schatten der berühmten Linde still zuhörenden Menschenmenge. Alles lauscht den Worten des beredten Sprechers. Ueber den Gräbern lieber Heimgegangener spricht er beim Anblick der aus dem Winterschlafe wiedererwachenden Natur von der stillen Hoffnung, von der untrüglichen Verheißung, daß auch unser sterblicher Leib auferstehen, wieder erwachen werde zu einem schöneren, ewigen Dasein. Aufmerksam hört die zahlreich versammelte Menge den überzeugenden, tröstenden Worten des geliebten Sprechers zu, und wenn dann unter der tönenden Begleitung der Instrumentalmusik aus vielen tausend Stimmen der Gesang der Menge erschallt, wenn so manche stille Träne schmerzlicher Trennung geweint wird; wer fühlt sich da nicht emporgetragen von himmlischer Andacht und Begeisterung?

Und welches Wogen und seltsame Menschengedränge beginnt nun erst auf und vor dem Gottesacker? Die Gräber und Schwibbögen sind schönstens geschmückt und viele geschmackvolle Denkmäler und sinnige Sprüche nehmen die Aufmerksamkeit des Wanderers aus der Ferne in Anspruch.

Und welches lebendige Getümmel, welch‘ reges Leben zeigt sich nun außerhalb des Gottesackers?

Der Stadtrat hat in diesem Jahr die Buden der Verkäufer von dem seitherigen Platze oberhalb des Gottesackers hinweg weiter zurück auf den großen und die diesem Zwecke ganz passenden Exerzierplatz verwiesen. Hier drängt sich nun alles zusammen. Hier gibt‘s zu kaufen, zu genießen. Es waren diesmal vorhanden: drei große Karusselle, mehrere Bolzenschießstände, viele Trinkbuden und Stände, die bekannten Fesselkuchen- und Bäckerbuden, Schuhmacher, Mützenmacher und Spielwarenhändler. Auch Schaubuden gab es mehr als sonst. Ein Wachsfigurenkabinett zeigte einige recht hübsche biblische und historische Stücke; daneben sahen wir Experimente aus der natürlichen Magie und weiter oben zeigte man ausgestopfte Vögel und schöne seltene Käfer. Am meisten nahm jedoch die große, oberhalb der Gottesackermauer aufgestellte Tierbude des Herrn K. Renz die Aufmerksamkeit des Publikums in Anspruch. „Wer sie gesehen hat, alle diese zahlreichen Bewohner der glühend heißen Tropen und der kalten Polargegenden – den gelehrigen Elefanten, die Löwen, Tiger, Puma, Leoparden, die Pantherkatze, den Jaguar, die Hyänen, Bären, Wölfe, den Eskimohund, das Lama, die Zibetkatze, die Antilope, die zahlreiche Familie der nimmerruhenden Affen, die Vögel und Schlangen, alle, welche hier zum großen Teile merkwürdig gezähmt und dem menschlichen Willen untertänig gemacht sind, er wird es nicht bereuen.“

So ist der Tag unter Scherzen und Genießen, unter Schauen und Bewundern für die meisten vergangen und mit fröhlichem Herzen, leer gewordenem Geldbeutel und müden Füßen tritt die zahlreiche Menschenmenge allmählich den Heimweg wieder an, bis es endlich still wird in den Straßen Annabergs.

—cj.