Hundert Jahre Besatzposamenterie im Sächsischen Erzgebirge.

Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt Nr. 20, 124. Jahrgang, 17. Mai 1931, S. 1 – 2.

Im Jahre 1895 erschien eines Tages im amerikanischen „New-World“ eine kleine interessante Reisebeschreibung, die eine amerikanische Posamenten-Einkäuferin des bekannten Hauses Marschall Field in Chicago als Verfasserin hatte. Die Fahrt von Dresden nach Annaberg, besonders die von der Abzweigstation Flöha nach Annaberg, entlang des immer in Bewegung und Farbe wechselnden freundlichen Wassers der Zschopau und Flöha, war recht romantisch beschrieben. Die ganze Schilderung der Fahrt atmete ebenso köstliche Naivität reinen Empfindens aus, wie andrerseits Verständnis, Freude und Bewunderung für die Trimmingstadt Annaberg-Buchholz darin beredt zum Ausdruck kam. Es war auch damals, vor etwa 35, 40 Jahren, eine große Zeit für diese in allen Kulturzentren bekannten Posamentenstädte des sächsischen Erzgebirges.

Einmal, auch zweimal im Jahre kamen englische, amerikanische und andere fremde Einkäufer nach Annaberg, bewohnten dort mehrere Tage, ja oft Wochen das „Museum“ und den „Wilden Mann“ und ließen sich in ihren Hotelzimmern von den Posamenten-Fabrikanten und Kaufleuten die neuesten Muster an Besätzen und anderen Posamenten vorlegen. Da gab es oft und wiederholt ganz überraschend große Aufträge und weit hinaus über die Stadt und Umgebung, selbst über die böhmische Grenze verteilte sich die Arbeit für jung und alt. In allen den niedrigen sauberen Häuschen von Stadt und Land herrschte die Emsigkeit segensreicher Arbeit. Reinseidene Agrements, Bordüren und Gimpen in schwarz und weiß und bunt und andere in schillernden Perlen, Goldsteinen und Flitter entstanden unter den eifrigen geschickten Händen der Frauen. Und die Muster, welche man so hundertfältig herstellte, waren von einigen fixen, nur autodidaktisch gebildeten Zeichnern entworfen worden, die wie Könige von den Verlegern und Kaufleuten umworben wurden; hing doch viel von der Schönheitslinie und Grazie ihrer Entwürfe ab. Manche der fremden Einkäufer brachten Anhaltspunkte für neue Muster mit; sie kamen vielfach aus Paris und schufen nach letzten Modeerscheinungen die Besätze für die neuen Kleider, Kostüme und Mäntel.

Es war damals wirklich eine interessante, gespannte, nervöse, aber im letzten Flusse doch frohe Zeit. Die Kaufleute bauten sich schöne Geschäftshäuser und Kontore nach englisch-amerikanischem System. Vor dicken schweren Büchern hockten die Buchhalter und schrieben in kalligraphischer Genauigkeit und Sauberkeit jedes Buchstabens alle Daten, Adressen, Nummern und Beschreibung der Muster ein. Und andere dicke umfangreiche Folianten enthielten Abschnitte und Farben der aufgegebenen Muster. In solch einem Handelshause ging es wie in einem Bienenkorb her; alles war in Bewegung. Manche Tage waren bis spät in die Nacht die Fenster erleuchtet, zumal wenn die ersten Chiffre-Telegramme eintrafen und nach Lieferung drängten.

Jene Zeit erregender, schöpferischer wie ökonomisch wertvoller Tätigkeit für das ganze Erzgebirge währte, mit einigen geringen Unterbrechungen, beginnend mit den Jahren 1830 bis weit in die ersten Jahre des 20. Jahrhunderts.

Verfolgt man daraufhin nur einigermaßen den Werdegang der Mode allein schon durch Einsicht in Modejournale und illustrierte Hefte, so wird selbst ein Laie die Beobachtung machen können, wie verhältnismäßig flüchtig doch der Wandel einer Mode dahinschreitet. Den besten Beweis dafür erbringt das 100jährige Blühen und Vergehen der sächsischen Besatzposamentenindustrie. Ausdrücklich muß bemerkt werden, daß hier von der Besatzposamenterie gesprochen wird, d. h. demjenigen Teil der vielfältigen Posamentenindustrie, welche sich ausschließlich dem Gewand der Frau durch schmückende Zutaten widmet. Aber wie ebensowenig heute die handgearbeitete, ehemals weltbekannte Klöppelspitze handelswertvolle Geltung besitzt (wird die Klöppelei ja nur noch von wenigen, meist älteren Müttern gepflegt) und durch die Maschinenspitze verdrängt wurde, so geschah auch der Besatzposamente in beinahe jeder Nüance ihrer Muster erbarmungsloser Abbruch. Die Ursache dieses langsamen Vergehens beruht freilich in der Hauptsache auf dem natürlichen Lebensprozeß des Auf und Nieder der Gewaltherrscherin Mode. Betrachtet man nur durch alle Phasen der langsam verschwindenden Posamentenbesätze die Kleidermode vor weniger als 10 Jahren bis zum heutigen Tage, so wird die Gewißheit deutlich, wie vernichtend die letztjährigen Moden für den Posamentenbesatz werden mußten.

Daß derartig eingreifende Wandlungen einer Moderichtung nicht spurlos vorüber gehen konnten, bekunden die verschiedensten Zusammenbrüche ehemals sehr stolzer Handelshäuser im sächsischen Erzgebirge. Die Beschleunigung der wirtschaftlichen Misere wurde noch dazu durch volkswirtschaftlich schlecht überlegtes Kalkül erreicht, daß viele sächsische Fabrikanten glaubten, durch niedrigste Arbeitserstellung den nachlassenden Bedarf wieder zu steigern. So errichteten sie Zweig- und Arbeitsverteilungsstellen in benachbarten böhmischen Ortschaften, die natürlich auf Grund der Valutaverhältnisse und der geringeren Besteuerung weit billigere Lohnbedingungen boten als das sächsische Erzgebirge. Freilich übersah man bei diesem Vorzug der billigeren Arbeit die nächstliegende Gefahr einer Verschleppung individueller Eigenart reinsächsischer Provenzienz. Keine deutsche Behörde legte dagegen, unverständlicherweise, Verwahrung ein. Heute natürlich ist die manuelle Posamenterie samt der mitfolgenden maschinellen Technik auf böhmischen Boden wohl ebenso heimisch und stark geworden als auf sächsischem Boden. Nur leidet, ein schwacher Trost für uns, die böhmische Posamentenindustrie mit der sächsischen gemeinsam an der schlechten Konjunktur.

Es entsteht nun die wichtige Frage, ob es gelingen dürfte, den Bedarf an Posamentenbesatz durch irgend welche besondere Maßnahmen einigermaßen wenigstens wieder zu steigern. Hierfür sind selbstverständlich von seiten der erzgebirgischen Industriellen, einzeln wie vereint, Bemühungen mancherlei Art unternommen worden. Was nützen jedoch der ehrlichste Wille und jede künstlerische Bestrebung zur Hebung schmückender Dinge, wenn die gesamte Weltwirtschaft jeder Aeußerung luxuriöser Gewandung untersagt?

Wenn letztens die gegenwärtige furchtbare Depression auf allen Linien der Lebensführung eine gute Prognose einer einzelnen Branche kaum möglich erscheinen läßt, so kann aus historischen Erfahrungen hergeleitet werden, daß der Glaube an einen Wiederaufstieg der sächsischen Besatzposamenterie dennoch vorhanden ist. Gesunden doch mit der Wiederauffrischung der kranken Wirtschaft auch alle mit ihr verbundenen Organe, womit wieder der Drang und das Streben nach Genuß und Luxus Belebung erhält.

Curt Schreiber-Dresden.