Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt Nr. 20, 124. Jahrgang, 17. Mai 1931, S. 5 – 6.
Aus der Geschichte von Mildenau.
Das aus den Dörfern des Erzgebirges kaum vertriebene Elend des 30jährigen Krieges lugte noch überall durch deie geborstenen Holz- und Lehmwände, fraß noch immer an den bemooßten Dachschindeln, und schon brach neues Ungemach durch die nie enden wollenden Fron- und Spanndienste über die gebirgischen Bauern herein und nahm ihnen Zeit und Kraft, um der Bestellung ihrer Felder und der Versorgung der Wirtschaften nachzugehen. Das Wenige, was sich die Generation nach der jahrzehntelangen Kriegs- und Krankheitszeit mühsam erarbeitet hatte, zerrann also wieder zu nichts. Urkunden, die die Not der Landwirtschaft, des seinerzeit wohl einzigen wirklich produktiven Wirtschaftszweiges, belegen könnten, sind in den meisten Fällen verloren gegangen, und so kam es, daß wir im Vergleich mit anderen geschichtlichen Ereignissen aus der Zeit Augusts des Starken und seiner Nachfolger über die bedrückenden Verhältnisse des Obererzgebirges im 18. Jahrhundert wenig erfahren haben. Von besonderem Interesse dürfte deshalb der Text einer zusammenhängenden Urkundenreihe sein, die uns einen umfassenden Blick in die Lage einer obererzgebirgischen Landgemeinde während dieses Säkulums gestattet. Die Gemeinde, von der in den Urkunden die Rede ist und deren damalige wirtschaftliche Bedrängnis wohl auf alle Landgemeinden des oberen Erzgebirges bezogen werden kann, ist Mildenau.

Wie mannigfach mögen wohl die Forderungen an den wohlehrwürdigen Erblehnrichter Johann Andreas Kreißig zunächst vonseiten des Kreiskommissariats während des ersten schlesischen Krieges von 1740 bis 42 gewesen sein, als Sachsen mit dem großen Preußenkönig im Bunde gegen Oesterreich stand. Der Friede von Breslau 1742, von dem man sich eine wesentliche Erleichterung der Lasten versprach, brachte gerade das Gegenteil. Monat für Monat verlangte der „Königlich Polnische und Churfürstlich Sächsische des Ertzgebürgischen Creyßes bestallter Commisarius Marschall von Bieberstein in Leubnitz“ durchschnittlich 120 Taler „currantfähiges“ Geld an Sondersteuern. Die übrigen Steuern waren natürlich außerdem noch zu bezahlen.
Dem ersten schlesischen Kriege folgte der zweite (1744/45) auf dem Fuße. Graf Brühl, der intrigante Günstling des Kurfürsten Friedrich August II., spielte Sachsen in die Hände der gegen Friedrich den Großen gerichteten Allianz und brachte dadurch neues Elend und große Not über das Land. Spanndienste nahmen die Kräfte der Bauern sehr in Anspruch und Quartier- und Verpfleggelderstattungen raubten den Geldbeutel so aus, daß man sich zu einem Bittgesuch um Ermäßigung der Gelder veranlaßt sah und unter andere schrieb:
„Bothschaften. Deren sind alleine bey der Maffeyischen und Römischen Postierung über 2000 verrichtet worden, zu geschweigen bey den letzten Troubben, da deren täglich vohl 5 – 6, auch manchen Tag 20 – 30 von nöthen gewesen, und wegen der Vielheit nicht haben können angemerket werden, und wenn man nur hiesiges Orts vor jede Bothschaft nur sollte 1 Groschen rechnen, würde bey dreyhundert Thaler nicht zugänglich seyn, die Ursache deßen ist, weil hiesiges Dorff in Mittel zwischen Marienberg und Annaberg lieget, allwo immer Generals und Stäbe gelegen, mithin die Ordinanzen beständig hin und wieder gegangen, und Bothen verlanget, zueben auch wegen der Straße alle Compagnien in Marsch meistens hierdurch pashieren mußten.
Beträgt also die Summa nur an Spannung und gegebener Contribution 1254 Thaler 20 Groschen.
Wobey zu gedenken, daß zwar bey denen Einquartierungen es wohl bey denen Etappen mäßigen Verpflegung bleiben, auch bey denen Postierung und Cantonierungen alles baar bezahlet werden soll, es doch nicht dabey bleibet, zu mahlen da es unsers allergnädigsten Herrn Leute seyn, nicht weniger auch von denen Soldaten selbsten heraus gepreßet wird, daß die Einwohner dennoch in Schaden und Unkosten kommen, welches wir hiesiges Orts sehr wohl erfahren haben, da kein Dorff in hiesigen Bezirk ein gleiches gelitten hat! Und ob wir wohl dahin getrachtet auch nach Möglichkeit einer dem andern geholfen, damit die Nations- und Portions-Gelder bis mit Schluß des 1745ten Jahres in Richtigkeit gebracht worden, zu mahlen wir diesfalls schwerer Exekution von dem ehemal. Creiß-Commisario Marschall von Bieberstein ertragen müßen! So will sich nunmehr die Unmöglichkeit hervor thun, fernerhin ein gleiches zu praestieren, und würde denen allhiesigen Einwohnern zum größten Soutagement gereichen, wenn ihnen in Aussicht obiger Beschwerden einige Linderung in Nations- und Portions-Geldern allergnädigst vergönnen würde, damit selbige sich in etwas wieder erholen, und die anderen Steuern in Richtigkeit bringen könnten, es würden solche es mit aller unterthänigster Danksagung erkennen und annehmen. – Gegeben von den Gerichten am 28. Februar 1746“.
Der zweite schlesische Krieg hatte Friedrich dem Großen des Besitz Schlesiens bestätigt, und ein Jahrzehnt des Friedens zog ein, in dem die Bauern wieder aufzuatmen begannen. Was bedeutete jedoch diese winzige Zeitspanne für ein niedergebrochenes und fast bis zum letzten Blutstropfen ausgesogenes Land? Nicht einmal dazu hat sie gereicht, die Schäden und Ausfälle auszugleichen, geschweige denn, Ueberschüsse zu erzielen.
Während nun der Bauer im Schweiße seines Angesichts arbeitete und um die Hebung der Erträgnisse aus Feldwirtschaft und Viehzucht bemüht war, blieb auch die geheime Diplomatie nicht untätig. Mit Oesterreich vereinigten sich nach dem noch nicht verschmerzten endgültigen Verlust Schlesiens Sachsen, Rußland, Frankreich und Schweden zu einem Bündnis, das einen regelrechten Angriff auf Preußen vorbereitete. Friedrich der Große, der jedoch die Absichten seiner Gegner rechtzeitig erkannte, kam ihnen zuvor, indem er den bekannten Einfall nach Sachsen ausführte, Dresden besetzte, die gesamte sächsische Armee gefangennahm und weiter nach Böhmen vorrückte. Das war der Beginn des Siebenjährigen (dritten schlesischen) Krieges von 1756 bis 1763.
Zunächst befand sich Sachsen in preußischen Händen, dann überschwemmten es die kaiserlichen Oesterreicher. In bunter Reihe folgten wiederum Preußen, Oesterreicher und Russen. Und dieses Treiben währte sieben Jahre. Unaufhörlich zogen Truppen durch das Erzgebirge, siegreich vorwärts, geschlagen rückwärts. Dem Freunde mußte man zu gutem Willen sein, der Feind nahm sich, was er brauchte. Mit welcher Pünktlichkeit und Exaktheit die gestellten Forderungen zu erfüllen waren, das beweist nachstehendes an die Gemeinde Mildenau gerichtetes Schreiben:
„Dem Dorff Müldenau wird Creyß-Commisariats wegen hierdurch aufgegeben
Eintausendzweihundertund einen Nationes
jedes á 3 Metzen Hafer,
á 8 Pfd. Heu,
á 5 Pfd. Stroh,an statt der Lieferung nach Freyberg an das löbl. Regiment von Schorlemer künftigen 4. April a. c. nach St. Michael bey Freyberg bey Vermeidung der schärfsten militärischen Exekution abzuliefern. Freyberg, den 1. April 1760.
(Sigl.) Ertzgebürgl. Creyß-Commisariats Expedition.
Diese Fourage muß mir den 4ten April abgeliefert werden, wo nicht, so laße ich den Richter durch ein Commando abholen und daß Dorff mit der schärfsten Exekution belegen.
St. Michael, den 1. April 1760.
Sr. Königlichen Majestät in Preußen bey obgedachten Regiment bestallter Major Freiherr v. Hirsch.“