Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt Nr. 10, 124. Jahrgang, 8. März 1931, S. 1 – 2.
Heute vor 435 Jahren, bis zum Jahre 1496, als man Annaberg gründete, war da, wo jetzt die Stadt steht, nichts wie dicker, finsterer Wald, voll von Basaltblöcken, überragt von dem Felsmassiv des Pöhlberges. Der Chronist sagt von dieser Gegend: „In den dichten Wäldern hauste mancherlei Getier in großer Zahl. Des Nachts erklang das gellende Geschrei des Uhus, und am Tage krächzten Raubvögel und Unglück verkündende Raben massenhaft in der Luft und horsteten auf den hohen Fichten. Bären brummten, Wölfe heulten und Wildkatzen schlichen nach Beute. Füchse und Dachse führten ihre Baue auf, und Wildschweine grunzten in den Waldungen. Scheuen Blickes und eilenden Fußes umgingen die bewaffneten Bewohner der benachbarten Häuerdörfer die „Wilde Ecke“, um nicht eine Beute der Raubtiere zu werden.“
Auf der Suche nach Erz drangen um 1300 Bergleute in diese unwirtliche Wildnis ein, die, aus anderen Bergwerksgebieten kommend, immer tiefer ins Gebirge einwanderten. Schon waren längst die Bergwerke von Thum, Ehrenfriedersdorf und Geyer, wie auch von Wolkenstein und im Preßnitztale bis nach Jöhstadt hinauf fündig, als diese erzschürfenden Pioniere auch am „Balberg“ im Miriquidiwalde anlangten. Wir können uns vorstellen, daß die Bergleute jener grauen Vorzeit, die auf gut Glück im Gebirge hier nach Erz suchten, der die Wildnis überragende Berg als Zielpunkt diente.
An der nach dem heutigen Geyersdorf zu gelegenen Seite des Pöhlberges begann gar bald ein eifriges Schürfen und im Jahre 1442 finden wir das Bergwerk „St. Briccius“ hier im vollen Gange, das reiche Ausbeute an silberhaltigem Kupfererz brachte. Dieses wurde in Geyer, dem alten Bergort für Zinnbau, weiter verarbeitet. Vom Jahre 1471 wird urkundlich schon ein Bergmeister „auf dem Balberge“ erwähnt, der dem Bergwesen der Herrschaft Balberg vorstand. Im gleichen Jahre hat der Sage nach ein Grünhainer Mönch namens Peter Rosenkranz auf reichen Bergsegen am Pöhlberge und auf die Gründung einer Stadt hierselbst hingewiesen. Durch die Einsetzung eines besonderen Bergmeisters für den St. Briccius-Stollen am Pöhlberg usw. ist erwiesen, daß reiche Schätze aus dem Berginnern gefördert wurden, die die Anstellung eines so hohen Bergbeamten lohnten.
Daß die Fundgrube „St. Briccius“ am Pöhlberg äußerst ergiebig war, geht u. a. daraus hervor, daß diese bis 1881 in Betrieb blieb. Die ersten Bergleute der Stollen „hinter dem Pöhlberge“ siedelten sich in der Nähe an, und man nannte das Dorf anfangs „Häuersdorf“, weil die Berghäuer dort wohnten. Im Jahre 1468 erhielt der Ort vom Kurfürsten Friedrich seine Privilegien. Aus dem „Häuersdorf“ wurde im Laufe der Zeit dann ein „Gäuersdorf“ und schließlich „Geyersdorf“.
Mit der von 1483 an erfolgten Auffindung der Silbergänge am jenseitigen Schreckenberg wurde nun etwa nicht dem Bergbau am Pöhlberg ein Ende bereitet. Im Gegenteil, die überaus großen Silberfunde bei Frohnau, die wegen ihrer Mächtigkeit zur Anlegung der Stadt Annaberg (21. September 1496) führten, spornten zu weiteren Versuchsbauen am Pöhlberghang an. Stollen auf Stollen wurde nun auf der Nord- sowie auf der Westseite in den Berg getrieben. So entstanden eine ganze Reihe von Bergstollen, wie sie auf unserem Bilde, das den Pöhlberg um 1866 zeigt, zu sehen sind.

mit seinen Stollen, Halden und Bergkauen aus der Zeit des Silberbergbaues (Becken-, Drusen- und Bären-Stollen), jetzt der Wasserversorgung dienend. Im Vordergrund alte Stadt-Ziegelei und am Flößgraben die „Cavillerei“. – (Reproduktion einer alten Zeichnung.)
Links unterhalb der „Wilden Ecke“, an der Wegegabel, haben wir das Mundloch vom „Becken-Stollen“ und weiter rechts davon, etwas höher gelegen, mit der Kaue den Einsteigeschacht dazu. Etwa fünft Meter geht es in die Tiefe; alsdann erstreckt sich in 35 bis 40 Meter Ziegel-Wölbbau südostwärts hinein in den Berg, durch die Gneislagerung, bis der Gang an der vulkanischen Basaltwand nach weiteren 50 Metern sein Ende findet. Die letzte Strecke ist jedoch nicht mehr gangbar, da die hölzerne Stollenversteifung teilweise zusammengestürzt ist. Unweit davon (vom Stollen-Mundloch nach links) sind die Häuser der Geyersdorfer Siedlung zu suchen, die ursprünglich aus dem Becken-Stollen mit Trinkwasser gespeist wurden. Jetzt erhalten sie ihr Wasser aus dem „Hoffnungs-Stollen“, der sich ganz links oben an der „Wilden Ecke“ befindet und dessen Halden bis an den Rundgang reichen. (Die Halden sind auf unserem Bilde bei den „Butterfässern“ zu erkennen). Links von der Sandgrube finden wir alsdann den Eingang vom „Drusen-Stollen“ (Berg-Wasser-Stollen), der sich nur auf eine kurze Strecke in den Berg erstreckt. An der zur Bergeshöhe führenden Straße, dicht unterhalb vom Flößgraben (links der Straße), zeigt unser Bild die Kaue (hölzernes Schachthäuschen in Dachform) des „Bären-Stollen“. Rund 60 Meter geht hier ein gemauerter, viereckiger Schacht (Einfahrschacht) in die Tiefe. Der Stollen selbst erstreckt sich sowohl nach Osten, als auch nach Südwesten unter dem Kätplatz hinweg nach dem Garten des „Schützenhauses“, wo sich der heute vom Wasserwerk benutzte zweite Einsteigschacht befindet. Noch bis kurz vor dem Weltkrieg war die Bärenstollen-Kaue zu sehen. Heute stehen dort auf dem geebneten Platz (gegenüber vom Wasserwerk) einige Ruhebänke. Die Kaue vom Becken-Stollen (s. Bild oben links) stand noch vor vier Jahren. Sie ist inzwischen auch abgetragen worden. Schade, daß diese letzten sichtbaren Ueberbleibsel des einstigen Silber- und Kupfer-Bergbaues am Pöhlberg nicht der Nachwelt als Erinnerungszeichen überlassen blieben.
Wohl mancher hat vielleicht schon im stillen einmal sich beim Betrachten des heute so prächtig aufgeforsteten Pöhlberges vorzustellen versucht, wie es hier ehemals ausgesehen haben mag, als noch das Vieh zwischen den Berghalden weidete. Hier kommt unser Bild zu Hilfe, eine Bleistiftzeichnung aus der Zeit der 60er Jahre des vorigen Jahrhunderts. Deutlich sehen wir die Kauen, Halden und Mundlöcher der bereits oben aufgezählten Bergstollen, die seit 1866 der Annaberger städtischen Wasserleitung nutzbar gemacht wurden. Aus diesen Stollen werden der Hochbehälter 1 im Stadtpark sowie der Hochbehälter 2 an der Röhrgasse gespeist, die weite Teile der Stadt (Zone 1 und 2) mit Trinkwasser versorgen. – Im Vordergrund sehen wir die alte Stadt-Ziegelei, die schon im Jahre 1508 vom Rat unterhalten wurde, im Volksmunde „Ziegelscheune“ genannt. Es waren ein Brennofen (später zwei Oefen, s. Bild), ein Trockenhaus, sowie ein Ziegelvorratsschuppen vorhanden. Lehm und Sand wurden in nächster Nähe genügend gefunden. Bei der Umwandlung des von 1861 an angepflanzten Waldstückes unterhalb des Floßgrabens verschwand die Ziegelei. Sie stand in der Gegend des heutigen Pavillons, bis zu dem großen Rundteil am neuen Waldwärterhaus Nr. 21/B im Stadtpark. Als Stadtparkwächter wohnten hier in den 80er und 90er Jahren (im alten Haus) Anton Schieser und Friedrich Weck, 1902 dann Heinrich Loos und gegenwärtig Fritz Roscher.
Am Schnittpunkt des nach dem mittleren Bergwasserstollen führenden Weges mit dem Flößgraben finden wir auf unserem Bilde die ehemalige Weiß‘sche „Cavillerei“, eine Pferdeschlächterei mit Restaurationsbetrieb, die man nach dem Französischen mit dem vornehmeren Namen „cavalerie“ belegte. Seit Ende cder 70er Jahre dient das Gebäude als Waldwärterhaus (20/B), in dem die Waldaufseher Petzold und Hänel in den 90er Jahren wohnten; gegenwärtig Emil Tröger.
Unter der Leitung des Ratsherrn Georg Oehder war von 1564 bis 1566 der Floßgraben gebaut worden. Am 6. Juni 1566 wurde das erste Grubenholz für den Bergbau aus dem Böhmischen herangeflößt. Im Jahre 1693 wurde das Flößhaus „an der Flöße“ erbaut, das dem Holzvermesser Vogtmann zur Wohnung diente. Aller Wahrscheinlichkeit nach stand dieses Haus an der Stelle, wo die Weiß‘sche „Cavillerei“ um 1856 errichtet wurde. Hier staute sich ehemals der Flößgraben zu einem Teiche, dem Floßteiche, der im Jahre 1844 bei der Einstellung des Flößgrabenbetriebes abgelassen und eingeebnet wurde.
Nach der Einstellung des Bergbaues am Pöhlberg bemühte man sich von 1844 bis 1853 mit dem Aufforsten der kahlen Wiesenflächen. Doch wurde der Anbau bald wieder eingestellt, weil durch das weidende Vieh, durch Frost und Brände die angepflanzten Kulturen immer wieder vernichtet wurden. Erst als man im Jahre 1861 die Hutungsrechte ablöste und alles Viehweiden am stadtseitigen Teil des Pöhlberges verboten wurde, konnte die Aufforstung wieder aufgenommen werden. Sie wurde bis 1881 beendet, so daß der Pöhlbergwald nun 50 Jahre alt ist. Der unterhalb des Rundganges bis heran an den Flößgraben gelegene Waldteil wurde von 1878 bis 1881, der herrliche, hohe Tannenbestand am Sonnenbad des Naturheilvereins oberhalb der Waldwärterwohnung (ehemal. Cavillerei) wurde 1890 und 1891 angepflanzt. Der eigentliche Stadtpark (die Waldteile unterhalb des Flößgrabens) ist in den Jahren 1861 erstmalig und dann 1881, sowie 1891 bepflanzt worden. Die Pöhlbergstraße (Chaussee) wurde 1849 als Notstandsarbeit gebaut.
Nun sind durch die Waldungen alle Stollen und Halden vom einstigen Bergbau am Pöhlberg den Blicken entzogen worden, und nur der Kundige weiß, wo die Zugänge sind. Längst erklingen nicht mehr Hammer und Schlägel im Gestein. In den verlassenen Stollen plätschert silberklares Quellwasser und fließt, in Röhren gefaßt, nach den Sammelschroten. In den Wipfeln der Fichten, Tannen und Kiefern aber rauscht es von alter, alter Zeit – „Glück auf!“
K.