Die Entdeckung der Erzgebirgslandschaft.

Von W. Ludewig.

Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt. Nr. 33, 15. August 1937, S. 7.

Die Landschaft des Erzgebirges ist erst verhältnismäßig spät entdeckt worden. Unsere Heimat war als rauh und unwirtlich verrufen, ihre Landschaft bot nach der Ansicht früherer Generationen auch dem Auge kaum bemerkenswerte Anziehungspunkte. Dieses Vorurteil hielt auch noch an, nachdem benachbarte Gebiete einem, wenn zunächst auch nur bescheidenem Reiseverkehr eröffnet waren. Trotzdem hat es einzelne Beobachter gegeben, die sich von Augenschein eines Besseren belehren ließen und der Schönheit des Erzgebirges Anerkennung zollten. Zu diesen Predigern in der Wüste gehört u. a. der Bergrat Friedrich Wilhelm von Charpentier, weiland Professor der Mathematik an der Freiberger Bergakademie. 1771 erhielt er von der Regierung den Auftrag, „eine mineralogische Karte der churfürstlichen Lande zu verfertigen“. Planmäßig bereiste er den Kurstaat und „nahm jährlich nur einige Districte vor, um nach und nach mit dem Ganzen bekannt zu werden“. Manche Gegenden besuchte er wiederholt, um ein möglichst umfassendes und klares Bild der geologischen und mineralogischen Verhältnisse zu bekommen. Naturgemäß standen dabei die Bergbaugebiete im Vordergrund. Die Frucht dieser jahrelangen Vorarbeiten war seine „Mineralogische Geographie der chursächsischen Lande“, die 1778 in Leipzig erschien. Dieses umfängliche Werk enthält eine Reihe knappe, anschauliche Schilderungen der Gebirgsgliederung in der Umgebung namentlich der Bergstädte, aber auch anderer Orte. Diese geben dem Verfasser Gelegenheit, hier und da mit wenigen charakteristischen Strichen ein Bild von Land und Leuten zu zeichnen, ein Beginnen, das Charpentier alle Ehre macht und zeigt, wie tief ihn die viel gescholtene Erzgebirgslandschaft beeindruckte.

Im Anschluß an eine sehr eingehende Schilderung des Gebirges zwischen der Flöha und der Zschopau berichtet er: „Dieser ganze Theil des Gebürges ist durchgängig mit Ackerland, Wiesen und Waldungen bedeckt. Ersteres findet man vorzüglich in den niederen Gegenden um Augustusburg, auf den schönen Fluren zwischen der Flöha und der Tzschopau; und obgleich das in der Gegend von Längefeld und Marienberg höher liegende Gebürge, auch die mehreren Waldungen den Ackerbau einschränken, so findet man doch genug angebaute Felder, die den Fleiß der gebürgischen Einwohner, und ihre Unverdrossenheit, die Härte des Climas zu vermindern, auf die rühmlichste Art zeigen. Hinter Marienberg gegen Süd und Südost, ist größtentheils das Gebürge mit Wäldern bedeckt, und der dasige, bis an die böhmische Grenze sich erstreckende Buchwald macht eine nicht geringe Zierde desselben aus. Wiesewachs und Viehzucht übertreffen hier freylich den Ackerbau; doch werden die Gehänge an den Hauptthälern, und andere durch ihre Lage geschickte Gegenden, auch an diesen hohen Punkten mit Vortheil hierzu benutzet.“

Vom Tal der oberen schwarzen Pockau schreibt Charpentier begeistert: „In diesen Gebürgen zeichnet sich das südöstliche Gehänge eines Theiles des dasigen, unter dem Namen des Wildberges bekannten Gebürges, vorzüglich malerisch aus. Ganz steile, 80, 100 bis 200 Fuß hervorragende Felsen, begrenzen hier die Ufer der schwarzen Bocke und ziehen sich an selbigen einige 100 Lachter bogenweise fort. Der Katzenstein und die so genannte Rindsmauer, welche das ohnehin enge Thal zu verschließen scheint, sind darunter die höchsten: und die kahlen Felsen, das steil ansteigende und noch höher entgegenliegende Ochsenköpfer Gebürge, auch das Rauschen des im Thale fließenden Baches, machen hier eine der wildesten Aussichten, dergleichen in unserm Erzgebirge angetroffen werden.“ Ebenso zählt das Zschopautal bei Wolkenstein, dessen Schloß „an einigen Orten, auf prallenden und fast senkrechten Felsen steht“, zu den „vortrefflichen malerischen Gegenden“. – Von der nächsten Umgebung Ehrenfriedersdorfs entwirft Charpentier folgendes Bild: „Sie ist meist mit Waldung und Wiesen bedeckt, die der Gegend ein rauhes Aussehen geben; auch ist hier weniger Ackerbau, als in den umliegenden Orten. Dem allen ohngeachtet hat der schon seit verschiedenen Jahrhunderten getriebene Silber- und Zinnbergbau, dem die Geschichte ein fast gleiches Alter giebt mit dem Freyberger, die Gegend um Ehrenfriedersdorf ziemlich volkreich gemacht, da deren Einwohner durch Fleiß und Gewerbe dasjenige ersetzen, was ihnen die Natur versagt hat. Für die Naturgeschichte aber finden sich hier so viele Merkwürdigkeiten, daß gewiß jeder Freund derselben diesen Ort besuchen wird, um sich mit selben näher bekannt zu machen.“ Nach diesem bescheidenen Versuch auf dem Gebiet der Verkehrswerbung wendet sich Charpentier dem Sauberg zu, mit dem er sich dem Zweck seines Werkes gemäß sehr eingehend beschäftigt. Ueber seine Stellung im Landschaftsbild äußert er: „Man siehet den Rücken eines von allen Seiten sanft ansteigenden Berges in einer Länge von 700 Lachter mit lauter aneinander liegenden Halden bedeckt, die zusammen 100 und mehrere Lachter in ihrer Breite haben, und also dessen Oberfläche ganz bedecken. Dieses sind denn die Ueberreste des ehemals in diesem Berge so wichtigen Zinn- und Silberbergbaues, von dessen Größe der Anblick dieser Halden den lebhaftesten Eindruck hinterläßt. Er nimmt sich auch so viel mehr aus, da sein Abhang auf allen Seiten mit Wäldern und Wiesen bedeckt ist, die Steine auf den Halden aber, ungeachtet sie verschiedene Jahrhunderte gelegen haben, dennoch wenig verwittert oder mit Erde und Gras bedeckt sind, sondern nur theils nach der Natur ihrer Bestandtheile, theils von der Witterung, eine ganz dunkelgraue und fast schwarze Farbe angenommen haben.“

(Schluß folgt.)