Erzgebirgische Heimatblätter. Beilage der Obererzgebirgischen Zeitung. Nr. 22. – Sonntag, den 26. Mai 1929, S. 1 – 2.
´s Köhler-Mäusel aus Annaberg. – Die Boten-Gustel aus Scheibenberg.
An Originalen ist das Erzgebirge zu allen Zeiten reich gewesen. Schon oft hat die „O. Z.“ in ihren Spalten und besonders auch in ihren „Heimatblättern“ über solche Volkstypen in Bild und Wort berichtet. Es sind keineswegs etwa, wie man vielleicht hier und da annimmt oder behauptet, durchweg Erscheinungen, die nun lediglich zu Spott und Lachen herausfordern, sondern es handelt sich bei jenen zumeist um originelle Menschenkinder, die oft von großer Herzensgüte sind, vor allen Dingen aber von schlichtem, geradem Wesen, die dem Leben das Erforderliche in fleißigster Weise abringen. Mit ihrem Schicksal zufrieden, bescheiden, unverdrossen, gläubig und meist stets heiter, zu allerhand Spaß immer aufgelegt, ziehen sie ihre Pfade, betreiben irgendeinen kleinen Handel, sammeln Kräuter, Beeren, Pilze, gehen als Botenleute oder Gelegenheitsarbeiter durchs Leben, kurzum, sie schlagen sich redlich und fidel alleweil durch’s Dasein. –

Viele, und wohl jeder Annaberger kennt den braven, immer freundlichen und höflichen „Köhler-Mäusel“. Seit Jahrzehnten begrüßt man ihn als den Kräutermann. An unserem Fenster leuchtet das frische Grün der Maienzweige, und als es noch frostig war, da brachte Emil Köhler schon als Frühjahrsgruß die ersten Blättchen der Brunnenkresse. Auch geplaudert hat er mit mir, der freundliche Alte. So kann ich erzählen, daß der nunmehr Vierundsiebzigjährige am 6. Mai Anno 55 zu Annaberg geboren wurde. Schon als Kind hat er durch kleine Dienste sich Pfennige erwerben müssen, etwa als er noch „Bolzenjunge“ bei den Schnepperschützen war. Aus jener Zeit höre ich von ihm dann wohl auch ein Histörchen vom Großen Gesitz oder sonst Alt-Annabergisches. Später hat er die Färberkunst bei Hermann Theodor Köselitz, dem verdienten Stadtrat, erlernt und ist, wie früher jeder rechte Handwerker, „auf der Walz“ gewesen. In Thüringen, Weimar und Eisenach, in Nordbayern, bis hinaus nach Frankfurt hat er um Arbeit vorgesprochen. Und nach seiner Rückkehr in die Heimat ist er in seinem Fache hier, in Freiberg und in Dresden tätig gewesen. Seit Jahren bringt nun der bescheidene Mann – er konnte die Goldhochzeit schon feiern und muß sich jetzt sorgend um seine kränkelnde Frau bemühen – Zweige, Blüten und Blätter, die die Natur zur Freude und zum Heile spendet. Erinnerungen an eine vergangene, beschauliche Zeit wandeln mit ihm, und wir wünschen, daß uns der volkstümliche, ursprüngliche Waldvertraute noch lange erhalten bleiben möge; denn „su aaner stieht nett wieder auf“. Zu allen Jahreszeiten trifft man Köhler-Mäusel. In Hotels, Gastwirtschaften, Kaffees tritt er plötzlich ein und bietet mit artiger Verbeugung und unwiderstehlichem Lächeln seine Sträußchen oder seine Kräuter an. Im Winter geht er auch mit künstlichen oder getrockneten Blumen herum, sowie mit Räucherkerzeln und niemand gibt ihm einen Korb, jeder hat seinen Obolus für ihn und niemals ist Köhler-Mäusel aufdringlich oder fällt einem auf die Nerven. Immer sieht man ihn gern und gibt ihm gern, denn man weiß ja, wie er sich redlich und ehrlich herumplagt. Unsere Bilder oben zeigen den braven Alten „in Zivil“, sowie mit seinem Tragkorb. –
Eine Persönlichkeit, die ebenfalls weit und breit bekannt und die in ihren täglichen Funktionen viel begehrt wird, ist Auguste Weißflog, „de Scheibenbarcher But’nfraa“. Ueber vier Jahrzehnte waltet sie ihres Amtes schlicht und recht und ist besonders in der Industrie viel verlangt. Fabrikbesitzer, Verleger, Materialienhändler, alle kennen sie, für fast alle hat sie Gänge besorgt.

Sie wurde am 16. Dezember 1854 in Scheibenberg geboren, zählt also nun 75 Lenze. Es war im Jahre 1889, als sie zu einer Zeit, wo es hier oben auf der Linie Scheibenberg – Annaberg weder Eisenbahn noch Automobile gab, zur Zeit der seligen Postkutsche also, ihre Tätigkeit aufnahm. Alles tippelte Gustel monatelang auf Schusters Rappen ab, hin über den „Heiteren Blick“ und die „Windmühle“, während ihr Lebensgefährte mit Handwagen und Pferdegeschirr die Botenmannsgeschäfte versorgte. Eas war oft schwere Last, die das Gustel zu schleppen hatte, denn Fransen, Perlen usw. sind keineswegs leicht. Aber ein eigenes Schicksal wollte es, daß das Botengustel ihren Mann, der es mit seinen Gäulen doch erheblich leichter hatte, überlebte. Gustav Weißflog starb bereits 1910. Die Frau war so beliebt und bekannt, daß man u. a. zur 400-Jahrfeier der Stadt Scheibenberg im Festzuge durch eine Sondergruppe ihrer gedacht. Den Tragkorb hoch bepackt, schritt sie selbst rüstig und aufrecht im Zuge. Erst als die Eisenbahnlinie Annaberg – Schwarzenberg im Dezember 1889 eröffnet wurde, bekam es Auguste Weißflog besser; denn von nun ab benutzte sie fleißig die Bahn. Ihr Hauptquartier in Annaberg war lange Zeit der Meyersche Kaffeeschank am Markt, wo mancher Kollege und manche Kollegin von ihr aus- und einging. Hier wurden Aufträge nach Scheibenberg abgegeben, die dann von Gustel zuverlässig besorgt wurden. Die Post konnte nicht vertrauenswürdiger sein, als diese Frau es war und ist. Sie war aber auch höchst diskret in der Erledigung ihrer Aufträge, und auch Amor bediente sich wohl bisweilen der lieben Alten. Ihr Wahlspruch ist: „Besser geleiert als gefeiert!“, ein Wort, das sich heute recht viele zu eigen machen können. – Unser Bild zeigt das Botengustel, die wir heute ebenso wie den wackeren Köhlermäusel mit herzlichem, erzgebirgischen „Glückauf“ begrüßen.