Wandlungen im Annaberger Stadtbild.

Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt 133. Jahrgang Nr. 50 vom 10. Dezember 1939. S. 3.

Die alte „Annaberger Hauptwache“ ist heute nicht mehr wiederzuerkennen. Sie war, als man 1936 ihr baufälliges Dach abriß, fast 200 Jahre alt. Sie wurde am 4. September 1746 erbaut und diente der Bürgerwehr als Wachlokal. Ausgangs des 19. Jahrhunderts wurde sie als Sturm- und Gewitterwache von der Feuerwehr benutzt. Um die Mitte des 19. Jahrhunderts stand im rechten Teil des Gebäudes die große Landfeuerspritze. Anfang der 80er Jahre wurde der Anbau ausgeführt, um weitere Spritzen und Gerätewagen der Feuerwehr aufzunehmen. Lange Zeit hatten die Annaberger Dienstmänner in der linken Stube ihren Aufenthaltsort, die dann als Rettungs- und Samariterwache eingerichtet wurde. Jetzt ist sie ein Abstellraum und die übigen Teile der alten Wache und des Anbaues werden als Garagen verwendet.

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Die Annaberger Hauptwache um 1900. (Archivbild.)

Auf dem alten Bild aus den Jahren um 1900 sehen wir noch die Steinsäulen für die Sperrketten aus der Zeit der Kommunalgarde und das alte Schilderhaus, für das sich die Annaberger Jugend immer lebhaft interessierte. Auch einen Laternenwärter, wie man ihn damals noch kannte, hat der Photograph festgehalten. Rechts steht noch die alte gußeiserne Pumpe, die längst auch verschwunden ist.

Ortsgeschichtlich bedeutsam ist der Grund und Boden, auf dem die alte Hauptwache steht, denn hier befand sich ehedem das Annaberger Kauf- und Gewandhaus, dessen Grundstein 1517 gelegt worden war und das 1604 abbrannte. Es bildete einen Mittelpunkt Alt-Annabergs. 1523 wurde hier zum ersten Male Tuch verschnitten. Nächst den Tuchscherern gehörten die Tuchmacher, die 1553 ihre Zunftsatzungen erhielten, zu den ältesten Innungen der Stadt. Tuchmachergäßchen und Scherbank halten als Straßenzüge die Erinnerung an diese alten Zünfte wach. Ihre Erzeugnisse vertrieben sie im Kaufhaus. Im Erdgeschoß befanden sich die Fleischbänke, die später nach dem Rathaus verlegt wurden und sich dort bis 1865 erhielten. Im Kaufhaus war an allen Donnerstagen die Ledermesse für die Annaberger Schuhmacher. Die Gerber wohnten mit den Fleischern im „Fleischerviertel“ zwischen Wolkensteiner- und Klostergasse, durch das der Stadtbach offen floß. Auch ein wichtiger geselliger Mittelpunkt war das alte Kaufhaus. Bei Hochzeiten der ärmeren Bevölkerung wurde im Erdgeschoß der Hochzeitstanz abgehalten.

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Die Annaberger Hauptwache 1939. (Aufnahme: Bilderdienst des Annaberger Tageblattes.)

Wer Annabergs Geschichte kennt, dem erzählen die alten Bauten mancherlei aus vergangener Zeit. Wenn wir ab und zu darüber plaudern, so wollen wir unserer Jugend damit Anregungen geben, denn die Heimat ist Herzraum des Vaterlandes.

(Fortsetzung.)