Julius Wildenhahn zum 100. Geburtstag.

Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt 133. Jahrgang Nr. 40 vom 1. Oktober 1939. S. 2 – 3.

Es gibt Menschen, die allein durch ihr Dasein im Umkreis ihrer Pflichten unvergängliche Kräfte ausstrahlen. Auch wenn sie keine weithin sichtbaren Denkmäler ihres Schaffens in Bau oder Bild, Wort oder Ton hinterließen, das eine Bild, an dem sie unablässig im Dienst für andere schufen, das Bild ihrer Persönlichkeit „leuchtet lange noch zurück“ und wirkt mit seiner strahlenden Kraft unmittelbar und mittelbar weiter in den Seelen der Nachlebenden.

Ein solcher Mensch war Julius Wildenhahn, der erste Konrektor des Annaberger Realgymnasiums. Aus reichen Anlagen, aus sicher wählendem Willen und aus freundlichem Schicksal erwuchs ihm seine Berufung zum Erzieher. Berufung ist mehr als Beruf, und wie er die Pflichten seines Berufes erfüllte, wie er durch Arbeit an sich und an der Jugend selbst wuchs und anderen Wachstum schuf, läßt erkennen, daß er seine Aufgabe als Berufung empfand. Davon zeugen noch heute Blick und Wort reifer, zum Teil schon hochbetagter Männer, die einst zu seinen Füßen saßen, und deren Augen leuchten, wenn man ihnen den Namen Wildenhahn nennt.

Kopie
Prof. Dr. Wildenhahn, der erste Konrektor des Annaberger Realgymnasiums.
(Geboren 30. September 1839.)
(Aufnahme: Albin Meiche, Annaberg.)

Vor 100 Jahren, am 30. September 1839, ist Wildenhahn in Schönefeld bei Leipzig als erstes Kind des dortigen Pfarrers geboren. Vater und Mutter gaben ihm reiches Erbgut mit, das Schicksalsfügung schon in frühen Jahren mehrte. Der Vater war als Schulfreund Robert Schumanns, dessen Ehe er in Schönefeld einsegnete, als gelegentlicher Teilnehmer an Ludwig Tiecks berühmtem Lesekreis während seiner Hauslehrerzeit bei einer italienischen Familie in Dresden in Kunst und Wissenschaft vielbewandert und schriftstellerisch tätig. Er schrieb als geborener Zwickauer u. a. auch „Erzgebirgische Dorfgeschichten“. Seine spätere Bautzener Tätigkeit als Vorstand des gesamten Kirchen- und Schulwesens der Oberlausitz hat früher schon Erziehungsfragen in den Gesichtskreis des heranwachsenden Julius gerückt. Die Mutter stammte aus der französischen Schweiz und schenkte so ihrem Erstgeborenen die Grundlagen für seine spätere vollkommene Beherrschung des Französischen. Wenn man hört, daß der Vater das Italienische auch in der Familie weiter pflegte, daß die Kinder gelegentlich mit den Dienstboten wendisch schwatzten, daß für Julius dann bald das Bautzener Gymnasium die ernste Arbeit im Lateinischen und Griechischen brachte, so wird man leicht gute Anlagen und frühe Uebung des künftigen Sprachlehrers erkennen.

Nicht minder früh kündet sich auch der Erzieher an, besonders als dem 9jährigen Julius und seinen 3 Geschwistern die Mutter starb und er, in ungetrübter Kindesliebe einer zweiten Mutter verbunden, dieser in der Erziehung der verwaisten Kleinen und der 5 nachgeborenen Geschwister half. Viele kleine Züge, die die Erinnerung der Familie bewahrte, lassen schon im Knaben die Kraft ahnen, die später den Mann zum vollendeten Erzieher machte: schweigendes Vorbild und eben dadurch ungesuchte, niemals betonte Autorität.

Mußte der aus so reichem Kindheitserleben Erwachsene, durch die strenge Schulung des Gymnasiums und der Universität mit bestem Erfolg Schreitende es nicht als einen Ruf des Schicksals empfinden, wenn dem 24jährigen sogleich nach seiner ersten theologischen Prüfung eine Anstellung als Lehrer an der im ersten Aufblühen begriffenen, nunmehr schon Königlichen Realschule zu Annaberg geboten wurde? Es war wie eine Heimkehr in die Erzgebirgsheimat des Vaters, und wie dieser über sein geistliches Amt hinaus mit der Feder Volkserziehung erstrebte, so konnte der Sohn hier durch das lebendige Wort Seelsorge im Alltag üben und die reichen Schätze seines Wissens und Könnens jugendlichen Geistern vermitteln. Er griff mit Freuden zu und blieb seinem Amte und der Stätte, an die ihn das Schicksal gestellt hatte, 41 Jahre lang bis zum Ende treu.

Einem so lebhaften Geiste war es nur natürlich, daß er sich auch in gemeinnützigen Bestrebungen eifrig betätigte. Die Akten des Geschichtsvereins und der Volksbücherei erzählen davon. 1889 bis 1899 war er Mitglied und Schriftführer des Stadtverordnetenkollegiums. In führender Stellung des politischen Lebens erstrebte er nationale Ziele.

Wie er auch rückschauend in der Kultur und Geschichte des deutschen Volkes suchte, davon zeugen nicht nur die starken vaterländischen Anregungen, die er seinen Schülern gab, sondern auch eine gehaltvolle Studie über „Die Schulen der Brüder vom Gemeinsamen Leben“: hier verweilt er mit besonderer Freude bei allen Ansätzen völkischen Lebens und ermahnt die Schule seiner Zeit eindringlich zur Beachtung dieses Vorbilds; manches führt in die Nähe von Gegenwartsgedanken. – Unserem Chr. F. Weiße widmete er eine eingehende und feinsinnige Arbeit. –

Wildenhahn blieb gern im Verborgenen und diente auch mit seiner gewandten Verskunst nur dem Familien- und Freundeskreise. Daß eine im Stadttheater aufgeführte Uebersetzung der altfranzösischen Urkomödie vom Advokaten Pathelin von ihm stammte, war nur wenigen bekannt.

Doch alles das ist Nebenwerk. Wildenhahns Hauptkraft gehörte seiner Schule und seinen Schülern. Mit den Daten seines Aufstiegs ist gewiß nur das Aeußere gesagt, aber immerhin sind – neben der selbsterworbenen Doktorwürde (1869) – die Ernennungen zum Professor (1877), zum Konrektor (1893), die Verleihung des Ritterkreuzes vom Albrechtsorden (1897) und des Titels und Ranges als „Studienrat“ (1904), des ersten in Sachsen, deutliche Zeichen der Wertschätzung seiner Arbeit. Auch daß er jahrelang fast regelmäßig zum Kgl. Kommissar für die Abschlußprüfung der Realschule zu Stollberg ernannt wurde, gehört mit dazu. Man müßte die Geschichte der Schule von Bach bis Meutzner erzählen, wollte man den Anteil Wildenhahns eingehend würdigen. Er wuchs dienend, gestaltend, führend mit Hingabe seiner ganzen Kraft in ihr Wachstum hinein und verhalf ihr zu höchstem Ansehen. Den wenigen, die das letzte Jahrzehnt seines Wirkens von 1893 bis 1904 noch miterlebt haben, bleibt die vorbildliche, von wahrer Freundschaft getragene Arbeitsgemeinschaft mit dem 10 Jahre jüngeren Rektor Meutzner unvergeßlich.

Ins innerste Herz seines Schaffens führt die Erinnerung an seinen Unterricht. Daß nach anfänglicher Arbeit in mehreren Fächern mit der Zeit das Französische sein Hauptfach wurde, erwuchs ihm organisch aus dem schon erwähnten sprachlichen Erbgut der Mutter. Er baute es zu einer reichen Kenntnis der Literatur aus. Bis zu wohlgelungenen Moliere-Aufführungen vermochte der kundige Lehrer die Fähigkeiten der Schüler zu steigern.

Noch höher ragte sein zweites Hauptarbeitsgebiet, der Deutschunterricht der Oberklassen, wo der im tiefsten deutschgesinnte Mann, der es wie selten einer verstand, „eine Sache um ihrer selbst willen zu treiben“, den jungen Menschen die großen Dichter und Denker ihres Volkes nahebrachte. In der Darbietung Goethes sah er, selbst eine Goethe verwandte Natur, Mitte und Gipfel seiner Aufgabe. Es stimmt andächtig, wenn man hört, daß wiederkehrende alte Schüler später mit Ehrfurcht seine Goethestunden als Weihestunden bezeichneten. Von diesem Gipfel aus aber wußte er gar wohl, die Blicke der Reifenden auch auf die nachgoethesche Zeit zu lenken. Und er fand einen vortrefflichen Weg dazu in der Begründung des „Literarischen Vereins“ (1895), der im kleinen Kreise Jugendlicher das bot, was einst der Vater in Tiecks Leseabenden erlebt hatte, und der, von Julius Wildenhahns Hauch belebt, 40 Jahre lang blühte und gedieh über Amts- und Lebenszeit des Begründers hinaus. Der „Deklamationsaktus“ und Aufführungen deutscher Dramen erwuchsen aus dem Unterricht.

Wildenhahns Unterricht war zu jeder Zeit zugleich Erziehung und Charakterbildung. Bei den Kleinen wußte er auch schwachen Geistern durch ein helfendes Wort Glauben an eigenes Können und Mut zum Weiterstreben einzuflößen. Die Großen spürten deutlich, wie ihr Lehrer mit ihnen nach neuen fesselnden Darstellungen rang und auch dem sprödesten Stoff Leben und Beziehung zum Leben abgewann. Durchblättert man die Jahresberichte seiner Zeit, so erwächst selbst aus knappster Andeutung etwa des Inhaltes seiner Schulreden, z. B. der Gedächtnisrede auf Berlet, das Bild des idealen Erziehers Wildenhahn. Besonders fesselnd sind in dieser Hinsicht die Themen seiner deutschen Aufsätze. Sie bestätigen allenthalben das Gesagte und würden in vielen Fällen auch den heutigen Erziehungsaufgaben gut dienen, sei es nun, daß sie – um nur einige Beispiele zu nennen – einen „Rückblick auf die Jahrhundertwende“ fordern, die Begriffe „Stadt-, Staats- und Weltbürger“, „Held und Heldentum“ erörtern, oder daß sie fragen, „ob Kenntnisse wirklich der beste Reichtum sind“ und „die wesentlichen Wurzeln der Vaterlandsliebe, der Heimatliebe“ aufsuchen lassen.

Auch auf körperliche Ertüchtigung war Wildenhahns Blick immer gerichtet von der Jugendarbeit über die Brüderschulen an bis zu seiner hochherzigen Metzner-Stiftung beim Abschied, die bedürftigen Schülern Beihilfe zu Ferienwanderungen gab. Er bestätigte sich selbst eifrig als Wanderführer bis in sein 60. Jahr, oft auf mehrtägigen Fahrten ins Böhmerland. –

So konnte der 65jährige bei seinem Scheiden vom Amt auf ein reiches, vielseitiges Wirken zurückblicken und sich der Dankbarkeit und Liebe seiner Schüler, seiner Mitarbeiter, seiner Mitbürger erfreuen, die in mannigfaltigen Ehrungen zum Ausdruck kam. Noch 3 Jahre blieb er in seiner Wahlheimat, dann übersiedelte er mit Gattin und Tochter nach Klotzsche bei Dresden. Hier waren ihm noch 5 Jahre geschäftiger Muße und anregenden Verkehrs mit alten und neuen Freunden vergönnt. Das Eckermannwort von Goethes Alter „Immer weiter …, immer lernen …!“ galt auch für diesen noch im Alter frischen Geist; mehr noch bedeutete das Spenden und Schenken aus dem Schatze seiner Lebenserfahrung bis in die letzten Tage. Das empfanden dankbar die in Annaberg Zurückgebliebenen ebenso wie die immer herzlich begrüßten Gäste seines Hauses. Als sie zum letzten Male kamen, da sich am 18. Oktober 1912 das Grab schloß über dem sterblichen Teile Julius Wildenhahns, als das Abendlied Goethes zu ihnen herüberwehte wie ein mahnender Scheidegruß, da trugen sie das Ewig-Lebendige ihres einstigen Führers zu Schönheit und Ehrfurcht mit heim und sahen ihre Stadt, ihre Schule, ihre Arbeit mit neugeöffnetem Auge der Liebe zur Heimat in seinem deutschen Geiste.

Möge diese Erinnerung an Julius Wildenhahns 100. Geburtstag die wenigen, die ihn noch von Angesicht zu Angesicht sahen, mit den Nachlebenden vereinen in dem Bewußtsein:

„Die Stätte, die ein guter Mensch betrat,
Ist eingeweiht; nach hundert Jahren klingt
Sein Wort und seine Tat dem Enkel wieder.“

Dr. Rudolf Kirsten.