Alte kursächsische Distanzsäulen und Meilensteine.

Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt 133. Jahrgang Nr. 47 vom 19. November 1939. S.1.

Kurfürst Friedrich August II., in der Geschichte als August der Starke bekannt, ist der Schöpfer der kursächsischen Postsäulen. Als er 1694 zur Herrschaft gelangte, fand er das Straßen- und Verkehrswesen seines Landes, zu dem damals noch Teile Preußens (Provinz Sachsen) und ganz Thüringen gehörten, in mittelalterlichem Tiefstand vor. Wohl standen auch in Sachsen alte Wegweiser, hölzerne Armen-Säulen, deren Inschriften aber recht verwittert waren. Nur die wichtige Poststraße Dresden – Leipzig, zu deren Bewältigung ein ganzer Tag gebraucht wurde, besaß als Markierung hohe vierkantige Pfosten aus Eichenholz.

Um die Uebermittlung von Regierungsbefehlen und Nachrichten flüssiger zu gestalten, ließ Friedrich August die Straßen seines Landes vermessen und mit zuverlässigen Richtungs- und Entfernungsangaben versehen. Er betraute mit dieser Aufgabe Magister Adam Friedrich Zürner, Pfarrer zu Skassa bei Großenhain, der die Post- und Landstraßen Sachsens in den ersten zwei Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts vermessen hat, die genaue Länge der Postkurse ermittelte und eine für den Postverkehr brauchbare Landkarte schuf.

Dann ging der Kurfürst daran, die Richtungs- und Entfernungsangaben von Ort zu Ort mit steinernen, wahrscheinlich vom Landesbaumeister Daniel Pöppelmann entworfenen Säulen festzulegen. Es wurden drei, sich schon äußerlich stark unterscheidende Marksteine gewählt: für die Viertelmeile eine rechtwinklige Steinplatte, für die halbe Meile eine schlanke Herme und für die ganze Meile eine hohe vierkantige Nadel. Diese Postmeilensäulen standen auf den „ordinären Poststraßen“ und erhielten den Namenszug des Fürsten, ein Posthorn, die Jahreszahl der Aufstellung und die Entfernung der nächsten Ortschaften eingemeiselt. – Für die sogenannten Distanzpunkte, den Beginn aller Post- und Landstraßen an Städten und wichtigen Siedlungen, wurden besonders prunkvoll ausgestattete Obelisken mit reich gegliedertem Unterbau geschaffen, die das mit einer vergoldeten Krone geschmückte Doppelwappen des Kurfürsten von Sachsen und Königs von Polen trugen, den Namenszug A R, Posthorn, Jahreszahl, Standortbezeichnung und die nacheinander folgenden Poststationen oder Städte bis an die Hauptorte oder die Grenze.

Nach dem von Dr. Kuhfahl im Jahre 1930 herausgegebenen Buch „Die kursächsischen Postmeilensäulen beim zweihundertjährigen Bestehen“ (Verlag Landesverein Sächs. Heimatschutz, Dresden) befanden sich in unserer engeren Heimat noch Distanzsäulen in Grünhain (1723), Zwönitz (1727), Marienberg (1727), Johanngeorgenstadt (1728), Elterlein (1729), Geyer (1730), Jöhstadt (1730) und Oberwiesenthal (1739); – die Jahreszahlen geben die Errichtung an – Meilenobeliske in Crandorf (1725) bei Grünhain und in Oberwiesenthal (ohne Sockel an der alten Straße zum Neuen Haus); Viertelmeilenplatten in Breitenbrunn (1724), Steinbach bei Johanngeorgenstadt (1725), Schönfeld (im Rittergutspark) und Reitzenhain.

Inzwischen ist in Schlettau eine weitere Distanzsäule aufgefunden worden. Sie dürfte ebenfalls im ersten Drittel des 18. Jahrhunderts gestellt worden sein und ist in den 1860er Jahren aus dem Stadtbild verschwunden. Heute weiß man nicht mehr, wo ihr ursprünglicher Standplatz gewesen ist. In den Jahren 1932/33 konnten Teile von ihr, z. T. als Flurschwellen in Schlettauer Häusern, wieder entdeckt und geborgen werden. Die Bruchstücke wurden im Schloß gelagert. Nach eifriger Suche gelang es, das zweihundertjährige Kulturwerk vollständig zusammenzusetzen.

Kopie
Die Schlettauer Distanzsäule. (Aufnahme von Postamtsvorsteher Johannes Wünschmann-Schlettau, Bilderd. des A. T.)

Die Inschriften haben durch die mißbräuchliche Verwendung der einzelnen Stücke leider sehr gelitten. Zwei Seiten sind vollständig unleserlich geworden. Die erhalten gebliebenen Ortswegweiser geben an: „Von Schlettau nach Scheibenberg, Schwarzenberg, Johanngeorgenstadt, Eibenstock, Auerbach“ und „Von Schlettau nach Preßnitz, Kaaden, Prag, Wiesenthal, Joachimsthal, Schlackenwerth, Karlsbad“.

Am 15. Mai 1939 wurde die erneuerte Distanzsäule am Schlettauer Schloßplatz wieder aufgestellt, als ein Wahrzeichen 200 Jahre alter Verkehrsplanung in unserem Sachsenland.