Erzgebirgische Volks-Sagen über die Oswaldskirche zu Haide.

Illustrierte Wochenbeilage der Obererzgebirgischen Zeitung. Nr. 33. – Sonntag, den 11. August 1929, S. 2.

Sage über die Erbauung der Oswaldskirche.

Die in dem stillen Tale zu Haide, gegenüber der freundlich bewirteten Schankwirtschaft „Zum Oswaldtal“ stehende Kirchruine soll nach dem Urteile von Altertumsforschern 1514 durch den Grünhainer Abt Georg Küttner gegründet und wegen Dazwischenkunft der Reformation nicht ausgebaut worden sein. Von anderer Seite dagegen erzählt man, daß diese Kirche, im Volksmunde Dudels-, auch Duselskirche genannt, von dem Abt Küttner und dem Elterleiner Pfarrer M. Wolf im Jahre 1514 erbaut worden sei, während in bezug der Sage von dem Hammer- und Bergherrn Klinger verlautet, daß derselbe zur Sühne des Mordes 12 silberne Schocke, 20 Harnische und Krebse, viele Büchsen und Bogen geben, Seelbäder stiften und nach Rom wallfahrten mußte. Auch habe er von dieser Wallfahrt die Erlaubnis für die Markersbacher Kirche, Ablaß erteilen zu dürfen, mitgebracht.

Das Auffinden von Bracteaten bei der Kirchruine.

Auf einem Felde in der Nähe der Kirchruine hat man 1759 einen Topf voll Bracteaten (altdeutsche vom 11. – 14. Jahrhundert gebräuchliche Münzen von dünnem Silberblech) ausgegraben, die wahrscheinlich aus dem Grünhainer Kloster stammten. Vielleicht hat auch der Fund Veranlassung zu der Sage von einem Schatz gegeben, welcher unter der Kirche vergraben liegen soll.

Die Sage von der Winzelmutter bei der Oswaldskirche.

Unweit Grünhain fließt der Oswaldsbach; an diesem sieht man zuweilen um Mitternacht einen Schatten auf- und abhuschen, welcher beständig Klagetöne ausstößt. Der Sage nach habe dort ein Jüngling, dem seine Braut die Treue gebrochen, in den Fluten des Baches seinem Leben ein Ende gemacht. Seine Mutter habe ihn 7 Tage lang vergeblich gesucht. Sie sei aber dann aus Erschöpfung gestorben. Weil sie gegen Gott gemurrt, müsse sie den Sohn unter stetem Klagen suchen. – Wer den Schatten sieht, in dessen Verwandtschaft gibt es innerhalb von 7 Monaten einen Todesfall.

Die Oswaldskirche erhebt sich in natürlicher Gestalt vor einer verirrten Frau und fordert deren Kind.

Vor etwa zweihundert Jahren verirrte sich eine Frau mit ihrem Töchterlein in der Nähe der Oswaldskirche. Als die Uhr in Grünhain die 12. Stunde verkündete, erhob sich plötzlich vor den Augen der Irrenden auf den Ruinen ein prächtiges, hellerleuchtetes Gotteshaus, in welches sie sich hineinbegaben. Ein wundervoller Geistergesang ertönte, doch sahen sie niemand. Als sie eine Weile an der Stätte geweilt, erblickten sie eine Menge mit Gold gefüllte Beutel, von welchen die Frau einige an sich nehmen wollte. Doch ehe sie einen solchen ergriffen, ertönte der Ruf: „Vergiß die Blume nicht!“, was ihr eine solche heillose Angst einflößte, daß sie ohne ihr Kind davonlief und die Tür hinter sich zuwarf. Als sie sie wieder öffnen wollte, vermochte sie es nicht mehr, worauf ihr aber die Stimme sagte: „Hättest Du auf mein Wort geachtet, so wäre Dein Kind noch bei Dir!“ Unter lufterschütterndem Gekrache verschwand sogleich die herrliche Kirche, und die Trümmer der Dudelskirche standen wieder vor ihr. Die unglückliche Mutter raufte sich aus Verzweiflung die Haare aus und starb kurz darauf.