Die Geschichte des Dorfes Königswalde-Ratsseite.

Von W. Ludewig.

Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt. Nr. 2, 9. Januar 1938, S. 6 – 7.

Die zwischen Pöhla und Preßnitz gelegenen Dörfer sind durchweg deutsche Bauernsiedlungen, die urkundlich etwa seit der Mitte des 13. Jahrhunderts erwähnt werden: 1241 u. 1245 Streckewalde, 1279 Mildenau und Reichenau, 1291 Mauersberg und Lichtenhain. Diese fünf Dörfer befanden sich damals im Besitz des Zisterzienserklosters Buch bei Leisnig (Bönhoff, Das Erzgebirge im 12. und 13. Jahrhundert, Glückauf 1917). In einer Urkunde des Edlen Dietrich von Leisnig vom 2. Mai 1291 werden sie in dieser Folge genannt: Streckewalde, Mauersberg, Mildenau, Reichenau und Lichtenhain. „Die Aufzählung erfolgt also von Norden nach Süden zu. Lichtenhain muß demnach im Süden des heutigen Mildenauer Oberdorfes, d. i. des alten Reichenau, gesucht werden. Wir gehen gewiß nicht fehl, wenn wir es mit der Ratsseite von Königswalde (d. h. der Dorfhälfte rechts der Pöhla) identifizieren. Ursprünglich eignete der heutige Name dieses gesamten Dorfes nur der links des Pöhlbaches gelegenen Amtsseite zu, d. h. dem in der Herrschaft Schlettau befindlichen Dorfe.“ (Bönhoff, Die Herrschaft Pöhlberg bis zu ihrem definitiven Anfall an das Haus Wettin, Mittl. d. Ver. f. Gesch. v. Annaberg u. Umg., 10. Jahrb. 1907, S. 307)

Die links der Pöhla gelegene sogenannte Amtsseite stellt demnach das eigentliche Königswalde dar und gehörte ursprünglich gemeinsam mit der eben erwähnten Herrschaft Schlettau zum Böhmischen Kronlehen Hassenstein, als dessen erste urkundlich bezeugte Inhaber das deutsche Dynastengeschlecht der Herren von Schönburg auftritt. Der Ort scheint auch von dort aus angelegt worden zu sein, wenigstens deutet der Name Königswalde darauf hin. In engere Verbindung mit Meißen-Sachsen kam es erst zu Beginn des 15. Jahrhunderts. Am 20. März 1413 erwarb das Kloster Grünhain von Fritz von Schönburg auf Hassenstein durch Tausch die Pflege Schlettau mit dem gleichnamigen Städtchen und den Dörfern Walthersdorf, Cranzahl, Sehma, Cunersdorf und halb Königswalde mit Kuhzahl, d. i. die Amtsseite von Königswalde mit Kühberg. Das Stift trat dafür Klosterbesitz in Böhmen unter Zuzahlung eines Aufgeldes von 800 Schock böhm. Groschen ab und räumte dem Schönburger das Recht der Bestattung in der Klosterkirche ein. (Enderlein, Das Kloster Grünhain im Westerzgebirge, Schwarzenberg 1934, S. 184.) Im Bereich dieser Pflege Schlettau lag übrigens auch das Allod, später Mannlehngut „yene halbin des wassirs bey dem wyprechte (d. i. Weipert) under dem bernstein (d. i. Bärenstein)“ und der Standort der nachmaligen Stadt Buchholz, den die Schlettauer bis 1501 als Viehtrift benutzten und für dessen Abtretung sie von ihrem Grundherrn, dem Abt von Grünhain, mit dem Schlettauer Burgwald, dem sogenannten Stockholz, entschädigt wurden. (Bönhoff, Die Burgen des sächs. Erzgebirges, Glückauf 1909, S. 9.)

Kehren wir zu unserm Lichtenhain zurück, so können wir festhalten, daß es ehedem eine selbständige Siedlung war, auf die im Lauf des 14. Jahrhunderts der Name der Schwesterniederlassung übertragen wurde und den älteren verdrängte. Wie mag das zugegangen sein? Auf diese Frage gibt uns Bönhoff (Herrschaft Pöhlberg, S. 308) folgende Antwort:

„Die Urkunde des Edlen Dietrich von Leisnig berichtet uns nicht nur, daß sich hier der Besitzstand des Klosters Buch über jene Orte erstreckte, sich also zwischen dem Konduppel- und dem Pöhlbache, dem Stücke der Zschopau von der Mündung des letzteren bis zu derjenigen der Preßnitz, dieser selbst, dem Rauschen- und dem Sandbach ausdehnte, sondern sie teilt uns auch mit, daß diese Orte durch eine böse Fehde heimgesucht wurden. Bei derselben scheint Lichtenhain derart mitgenommen worden zu sein, daß es eine Zeit lang wüste liegen blieb. Dasselbe Geschick scheint auch Reichenau betroffen zu haben. Als beide Dörfer dann wieder erstanden, empfing Reichenau den Namen des nördlichen Nachbarortes Mildenau, Lichtenhain dagegen denjenigen des gegenüberliegenden Königswalde.“

Der Ortsname Reichenau blieb indes mindestens bis zur Mitte des 16 Jahrhunderts lebendig. Das geht aus der am 27. Februar 1551 von Kurfürst Moritz dem Annaberger Rat erteilten Münzbestätigung hervor, die unter Bezugnahme auf eine im Jahre 1542 abgehaltene Berainung der Bergmeister-Reviere Annaberg und Marienberg sagt: „Desgleichen haben auch wir zw aufnehmung onnserer Bergkwerge ein richtige Reynung zwischenn vnnsern Bergkstedtenn Sanct Annaberg vnnd Marienberg im Zweivndviertzigisten ihare machen vnnd die Bergwerge entweitern lassenn, domit vnsere Bergmeister iedes orts sich mit dem verleihenn vnd anderm dem anhengig, habe gewislich zuuorhaltenn, Nemblich das die dörffer Goesdorf, Reichenaw, Mildenau, Streckenwalde vnnd Konigswalde, sambt derselben Ecker, flurenn vnnd haderwaldt, gegenn Sanct Annaberg gehören vnnd was doselbst vmb erregt, dem Bergmeister auff Sanc Annaberg zuuorleihenn zustendig sein soll.“ (Orig.-Perg. i. StA. Annaberg.) Wir sehen daraus, daß um diese Zeit das Oberdorf von Mildenau noch mit seinem alten Namen Reichenau bezeichnet wird, während die Ortsbezeichnung Lichtenhain mindestens in der Kanzleisprache zu jener Zeit bereits erloschen war.

Im 14. Jahrhundert fiel der Bucher Klosterbesitz an die Herren von Waldenburg, die bereits die Schlösser zu Wolkenstein und Scharfenstein innehatten, „deren Zubehör je nach den verschiedenen Erbteilungen und Verkäufen innerhalb dieser Dynastenfamilie wechselte. So zählten i. J. 1386 zu dem Besitzkomplex der Burg Scharfenstein u. a. Schönbrunn, Falkenbach, Mildenau, Grumbach, Goswinsdorf (d. i. das heutige Jöhstadt), während auf das Schloß Wolkenstein entfielen: Neundorf, Wiesa, Streckewalde, Mauersberg, Arnsfeld, Königswalde rechts der Pöhla (d. i. die nachmalige Ratsseite). Im Jahre 1439 entäußerte sich Heinrich von Waldenburg des Schlosses Scharfenstein, wozu damals aus unserer Gegend Königswalde rechts des Pöhlbaches gehörte, welches damals noch als ein Dorf für sich galt. Die Kurfürsten von Sachsen bildeten 1445 das Amt Scharfenstein, verkauften es jedoch 1472 an Heinrich von Schönberg; dieser wiederum überließ es 1475 an Friedrich Blanke; von diesem gelangte es 1482 an Heinrich von Starschedel, von ihm endlich an Heinrich von Einsiedel.“ (Bönhoff, Herrschaft Pöhlberg, S. 305/6.)

Diese Familie blieb Jahrhunderte im ungeschmälerten Besitz von Scharfenstein mit Zubehör. Von allen Pertinentien veräußerte sie lediglich Königswalde rechts der Pöhla. Am 14. Dezember 1510 verkaufte Haubold von Einsiedel dieses Besitztum samt allen Ein- und Zugehörungen für 3500 Gulden an den Annaberger Bergunternehmer Paul Thumshirn. Dieser behielt das halbe Dorf Königswalde indes nur kurze Zeit und veräußerte es bereits 1512 für 3035 Gulden (so Albinus, Jenisius gibt den Kaufpreis in der Handschrift seines Zeitbuchs mit 3085 Gulden an) an den Rat zu Annaberg. Ueber den Nutzen dieser Erwerbung für die Stadt Annaberg berichtet Jenisius: „Die Wälder liefern Bauholz, Bretter und Schindeln. Jene liegen oberhalb Königswalde, ausgezeichnet durch ihren Umfang und dichten Bestand. Den Teil des Dorfes jenseits des Wassers (d. i. rechts der Pöhla) samt dem zugehörigen Wald, was beides früher den Herren von Einsiedel, dann Paul Thumshirn gehörte, hat der Rat im Juli 1512 von letzterem gekauft, dagegen das Dorf Schönfeld, welches 2000 Gulden gekostet hatte, um demselben Preis wieder verkauft.“ (Nach der Uebersetzung von Spieß, Bl. 220.) Nach einer Notiz in Albinus‘ „Annabergischen Annales“ (Mitt. d. Ver. f. Gesch. v. Annaberg u. Umg. 11. Jahrb. 1910, S. 20/1) wurde „am Abent Jacobi (24. Juli) das Gelt erlegt und 14 Tage zuvor erkauft …“

(Schluß folgt.)