Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt Nr. 8, 124. Jahrgang, 22. Februar 1931, S. 2 – 3.
Fünf Tage nach der Gründung des Deutschen Reiches erließ der deutsche Kaiser am 23. Januar 1871 die Verordnung zur Vornahme der Wahlen für den ersten Deutschen Reichstag. Die Wahlen fanden daraufhin am 3. März vor 60 Jahren nach dem Reglement zur Ausführung des Wahlgesetzes für den Reichstag des Norddeutschen Bundes vom 28. Mai 1870 statt. Wie mag nun die Wahl in unserer Heimat, dem Obererzgebirge, vor sich gegangen sein? Darüber gibt uns das „Annaberger Wochenblatt“, das damals bereits im 64. Jahrgang und schon als Tageszeitung erschien, eingehend Aufschluß.
Zur Orientierung sei vorerst gesagt, daß das Obererzgebirge zum 21. Wahlkreis (Annaberg-Eibenstock) gehörte, in dem die Reichstagskandidaten Rechtsanwalt Dr. Carl Böhme aus Annaberg (Nationalliberal) und Amtshauptmann Freiherr von Hausen aus Zwickau (Bundesstaatlich) um die Stimmen der Wähler kämpften. Die Gerichtsämter Ehrenfriedersdorf, Wolkenstein, Marienberg, Zschopau etc. lagen dagegen im Bereich des 20. Wahlkreises, wo sich der Buchhändler Dr. Carl Brockhaus aus Leipzig und der Amtshauptmann von Einsiedel aus Annaberg gegenüberstanden.
Ende Januar 1871 finden wir entsprechende Bekanntmachungen im amtlichen Teil des T. A. W. Bereits wenige Tage darauf steht der Anzeigenteil schon ganz im Zeichen des Wahlkampfes. Zunächst wurde den „Herren Wählern“ Aufschluß über die Person der beiden Kandidaten gegeben und ihre Ziele näher umrissen. Kaum aber hatten die ersten Wahlversammlungen stattgefunden, begann auch das Meer der Meinungen zu wogen und der Sturm im „Annaberger Wochenblatt“ loszubrechen. In großen und kleinen Inseraten beschäftigte man sich eingehend mit den Gegnern, und zwar mitunter recht unsanft. Neben den Wahlvereinigungen nahmen ganz besonders einzelne Personen Gelegenheit, ihrer Meinung in der Zeitung Ausdruck zu geben. Vom „Höcker am Körper Deutschlands“ wurde geschrieben, für und wider „eine Kur von Dr. Eisenbarth“ zu dessen Beseitigung geworben. Einer unterzeichnete seine Aeußerungen mit „Kein Mucker!“, ein anderer setzte darunter „Einer, der Toleranz lieber am rechten Flecke sieht“. Aus irgendeinem unbekannten Grund machte sich ein Landwirt auf und sang der Presse ein Loblied, indem er u. a. Sagte: „Gegen ungesetzliche Beeinflussung gibt es ein Mittel, das Gesetz, gegen Ungehörigkeiten auch eins – die Presse!“ Spöttelnd bemerkte ein Angriffslustiger: „Verzeihen Sie nochmals meine Frechheit, aber wir hier in unserem rauhen Klima werden nun einmal nicht so leicht politisch reif, wie Sie in Ihrer milden südlichen Pflege.“ Natürlich fehlte es auch seinerzeit nicht a Stimmen, die den Nichtwählern zu Leibe rückten.
Kurz vor dem Abstimmungstag ging es hart auf hart. Die Parteien schnappten einander die Versammlungslokale vor der Nase weg und vollführten anderes mehr, was auch heute im Wahlkampf noch gang und gäbe ist. Einen besonders stürmischen Verlauf, aber ein glückliches Ende nahm eine Wahlversammlung in Sehma, über die im „Annaberger Wochenblatt“ berichtet wurde. Dort hatte sich der Kandidat eines Tricks bedient, der die Anwesenden zunächst für ihn einnahm. Während der Versammlung stellte sich jedoch der Reklamezweck des Wahlmanövers heraus. Stürmischer Protest und starke Bedrängung des Kandidaten waren die Folge. Man nötigte ihm schließlich das Wort ab, keinen Gebrauch mehr von dem Trick zu machen, der darin bestand, daß der Redner einen anonymen Brief, der grobe Beschimpfungen und Bedrohungen seiner Person enthielt, zur Verlesung brachte. Es hieß darin u. a.: „Wenn Du nicht machst, daß Du aus unserem Bezirke kommst, so werden wir Dir eins versetzen!“ Dieser Brief war aber nun vom Redner selbst bezw. in seinem eigenen politischen Lager verbrochen worden, was durchschaut wurde und zu stürmischen Protesten führte. Gegen das Ende erreichte die Versammlung aber eine sehr humoristische Färbung, indem man auf beide Kandidaten ein Hoch ausbrachte. Der Grund zu diesem toleranten Benehmen lag wahrscheinlich darin, daß sich im Laufe der Versammlung die Erkenntnis durchrang: Beide Redner würden mit ganz geringfügigen Abweichungen gleiche Bestrebungen verfechten. Diesen Moment nützte nun die Partei des einheimischen Kandidaten Dr. Carl Böhme geschickt aus, indem sie schrieb: „Wenn beide Programme fast gleich sind, so wollen wir doch den Annaberger wählen, da er unsere Verhältnisse und Bedürfnisse am besten kennt.“
Das Wahlergebnis zeigte, daß in den 67 Bezirken des 21. Wahlkreises von 15305 Stimmberechtigten nur 8747 gültige Stimmen abgegeben wurden, die sich mit 5610 auf den Advokaten Dr. Carl Böhme aus Annaberg, mit 3113 auf den Amtshauptmann Freiherrn von Hausen aus Zwickau und mit 24 Stimmen auf verschiedene Personen verteilten. Rechtsanwalt Dr. Carl Böhme war also mit absoluter Stimmenmehrheit zum Abgeordneten für den ersten Deutschen Reichstag gewählt worden.
Der Wahlkampf von damals und heute ist an sich grundsätzlich ganz derselbe geblieben. Aber die Schnelligkeit der Nachrichtenübermittlung durch das T. A. W. ist eine wesentlich andere geworden. Offizielle Mitteilung von dem Ergebnis erhielten die Wähler durch das „Annaberger Wochenblatt“ vom 5. März 1871, also zwei Tage nach der Wahl. Gerade hier tritt der ungeheure Fortschritt in Technik und Organisation der Nachrichtenübermittlung im Laufe der vergangenen 60 Jahre zutage. Was damals in zwei Tagen bei einer Wahlbeteiligung von 8747 Personen erledigt wurde, nimmt unter heutigen Verhältnissen bei einer fast zehnmal größeren Stimmenzahl allein in der Amtshauptmannschaft Annaberg nur drei Stunden in Anspruch. Das Wahlergebnis von Sachsen wurde damals gar erst nach sieben Tagen bekannt, während das Gesamtergebnis und die Mandatsverteilung bei der letzten Landtagswahl im Juni 1930 noch in der Nacht nach dem Wahlgang durch Extrablatt des T. A. W. verbreitet werden konnte. –d.