Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt Nr. 51, 134. Jahrgang, 29. Dezember 1940, S. 1, 4.
Wieder einmal erglänzen in diesen Tagen die Lichter an dem Baum, der uns Deutschen schönstes heimatliches Symbol ist. Doch das ist nicht immer so gewesen. Es hat mannigfacher Wandlungen der Zeiten wie der Volkssitten bedurft, bis der Weihnachtsbaum seinen Platz in den Herzen der Menschen für immer erobert hat.
Es lohnt sich daher wohl, einmal den Uranfängen des Weihnachtsbaumes nachzuspüren, die in der germanischen und keltischen Jubelfeier zu erblicken sind. In Jon Arnasons „Isländischen Volkssagen“ wird von einer heiligen Eberesche berichtet, die in der Julnacht auf allen Zweigen strahlende Lichter trägt, welche kein Wind zu löschen vermag. Die anscheinend noch aus altkeltischer Zeit stammende Sitte, das Haus zur Julzeit mit grünen Mistelbüschen zu schmücken und verschiedene Zeremonien, die sich ehemals im ganzen nördlichen Europa bis nach Frankreich und den slawischen Ländern an den brennenden Julbock knüpften, deuten darauf hin, daß der brennende Baum ursprünglich als ein Symbol der zu Weihnachten neugeborenen Sonne und Naturkraft galt. Durch das Christentum wurde dann die strahlende Tanne, nachdem die Geistlichkeit erst lange gegen den „heidnischen Unfug“ gewettert und ihn in Grund und Boden verdammt hatte, zum Symbol des neugeborenen Heils. Daher stammen auch die in der Weihnachtsnacht blühenden Apfelbäume im altdeutschen Märchen, die als eine Erinnerung an die durch den Apfelbaum bezw. Adam und Eva in die Welt gekommen und durch den neun geborenen Heiland getilgte Sünde anzusehen sind.
Als anfangs des 17. Jahrhunderts im Elsaß die ersten Weihnachtsbäume aufkamen, wetterte der Prediger Dannhauer noch gegen den sich immer mehr verbreitenden Brauch, eine Tanne mit Püppchen und Zuckerwerk zu behängen und darnach zu plündern. Es waren die letzten offiziellen Predigten, die gegen den Weihnachtsbaum gehalten wurden. Dieser prangte übrigens zunächst noch nicht im Lichterglanz, sondern war lediglich mit bunten Papierrosen geschmückt. Kerzen, Flittergold und Stern kamen erst später in Gebrauch.
Nicht immer singt man zu Weihnachten das alte Lied „O Tannenbaum“ zu Recht. Meist handelt es sich nämlich bei den auf den Weihnachtstisch kommenden Bäumen keineswegs um echte Tannen, sondern um Fichten. Edel-, Silber- und Weißtannen sind eigentlich nur in Süd- und Südwestdeutschland verbreitet. In Nord- und Mitteldeutschland tritt an die Stelle dieses Baumes vielfach die Fichte. Sie ist zum Weihnachtsbaum entschieden besser geeignet als die Tanne. Während diese gewöhnlich von gedrungener, mitunter auch struppigen Gestalt und unregelmäßigem Zweigansatz ist, fällt die Fichte durch ihren schlanken, ebenmäßigen Wuchs von Pyramidenform auf. Es ist daher vielleicht kein Zufall, daß heute allgemein in der Fichte vor der Tanne der Vorzug als Weihnachtsbaum gegeben wird.
Neben Pyramide, Leuchter und Krippe hat sich der Weihnachtsbaum längst auch Heimatrecht im Obererzgebirge erobert. Für den Erzgebirger von altem Schlag bleiben Pyramide und Leuchter die wichtigsten Symbole des Weihnachtsfestes, auch wenn daneben noch ein Weihnachtsbaum aufgestellt wird.