Aus der Vergangenheit von Schmalzgrube.

Von Otto Decker.

(Schluß.)

Erzgebirgisches Sonntagsblatt 122. Jahrgang Nr. 50 vom 9. Dezember 1928. S. 5 – 6.

Die Schule wurde 1838 erbaut. 1922 fand ein Um- und Erweiterungsbau statt. Vor 1838 wurde der Schulunterricht auf dem Hammerwerk, dann in dem alten Robert Fiedlerschen Hause abgehalten. In der neuerbauten Schule hielt cand. theol. Julius Graubner als erster Lehrer Unterricht.

Aus dieser Schule ist durch die bibelfeste Antwort eines Kindes einmal reicher Segen geflossen. Der Pfarrer von Grumbach, Karl Friedrich Seltmann, unterrichtete im Jahre 1859 die Kinder von Schmalzgrube, da der Lehrer versetzt und ein neuer noch nicht ernannt worden war. Am 7. Februar 1860 besprach er im Religionsunterricht das Gebet und fragte: „Aber hilft denn auch das Gebet etwas?“ Ein Knabe erwiderte fest und zuversichtlich: „Das Gebet des Gerechten vermag viel, wenn es ernstlich ist.“ (Jac. 5,16.)

Auf dem Rückwege nach Grumbach überdachte Pfarrer Seltmann die Antwort des Knaben, und wie eine Erleuchtung fiel es ihm ein, wie er nun dem Berginvaliden Karl August Müller in Grumbach und seiner Familie helfen könne. Das Elend, was er dort gesehen hatte, überstieg die Grenzen des menschlich Erträglichen. Müller hatte beim Sprengen im Schachte beide Augen verloren. Seine Frau litt durch den Stoß einer Kuh an einem unheilbaren Krebsschaden am Kopf, der sie am Sehen verhinderte und sie so entstellte, daß sie ihr Gesicht nicht offen zeigen konnte. Mit ihnen zusammen lebte die 99jährige Mutter der Ehefrau, die nur noch im Bett sitzend klöppeln konnte. Ein kränklicher Knabe half dem erblindeten Vater Zündhölzer ziehen, die nach Jöhstadt geliefert wurden, aber einen so schmalen Verdienst abgaben, daß die Familie froh war, trockenes Brot und Kartoffeln auf dem Tisch zu haben.

Zu Hause angekommen, verfaßte Pfarrer Seltmann einen Schriftsatz: „Menschenfreund, lies und hilf!“, in welchem er das Elend der Bergmannsleute schilderte, und sandte diesen Artikel an die Leipziger Zeitung. Bereits am 13. Februar gingen die ersten 3 Taler aus Leipzig und 1 Taler aus Annaberg ein und tags darauf in 92 Briefen so viel Geld, daß die arme Familie plötzlich schuldenfrei war.

Der Hilferuf des Pfarrers fand auch Aufnahme in anderen Zeitungen und es gingen in kurzer Zeit aus allen Teilen Deutschlands weitere 800 Taler ein. Bis zum 19. Februar waren in 700 Briefen über 1500 Taler eingegangen; die Summe wuchs auf 5000 Taler und wenn auch der Pfarrer schrieb: „Haltet ein! Erdrückt mich und meine Schützlinge nicht durch Eure Liebe!“, so kam immer noch weiter Geld, so daß der Bergmannsfamilie das für damalige Verhältnisse beträchtliche Vermögen von 7000 Talern in Grundstücken sichergestellt werden konnte.

Die Familie Müller konnte das Wunder nicht fassen und blieb ihren alten Gewohnheiten treu. Müller sagte zum Pfarrer: „Was soll ich tun? Lesen ka i net, faulenzen ka i net und was anderes machen ka i a net.“ Er ließ sich zwei Klafter Holz kaufen, um einen Vorrat zum Hölzchenziehen zu haben, eine Kuh konnte angeschafft werden und als Festgericht gab es Rindfleisch mit Reis.

Der Grumbacher Frauenverein erhielt 250 Taler geliehen, dessen Zinsen würdigen Ortsarmen zufließen sollten. Auch die Schule in Schmalzgrube wurde nicht vergessen und Müller stiftete ihr eine Glocke, damit die Schmalzgrüber auch beten konnten, wenn Abend geläutet würde. Die Glocke trägt die Inschrift: „Das Gebet des Gerechten vermag viel, wenn es ernstlich ist. Geschenk des blinden Bergmanns C. A. Müller in Grumbach.“ Auch der wackere Knabe Hermann Barthel, der mit seiner Antwort den Anstoß zum Handeln des Pfarrers gegeben hatte, wurde reich bedacht.

Am 10. November 1883 wurde hier der 400jähr. Geburtstag Dr. Martin Luthers festlich begangen. Ein Festzug schritt vom Heynhof zur Schule, wo eine Luther-Eiche gepflanzt wurde. Aus seiner Abgeschlossenheit wurde Schmalzgrube durch den Bau der Bahnlinie Wolkenstein – Jöhstadt, die das herrliche Preßnitztal erschlossen hat, erlöst. 1888 wurde das Projekt genehmigt und vom Mai 1890 bis Juni 1891 ausgeführt. Der Schienenstrang hat auch nach hier großen Segen getragen. Von dem Bau der Eisenbahn waren Wiesenbad oder Reitzenhain die nächsterreichbaren Stationen.

Die erste Feuerspritze beschaffte sich die Gemeinde am 24. April 1859 zum Preise von 440 Talern. Sie benötigte zu ihrer Bedienung 10 bis 12 Mann. Die Uniformierung der Feuerwehrleute bestand in numerierten Blechschildern, ie am linken Arm getragen wurden. Als 1894 das Haus Kat. Nr. 15 des Schieferdeckers Bernhard Hahn abbrannte, wurde die Spritze durch die bestimmte Mannschaft herzugeschafft. Bei deren Transport vom Achtenweg nach dem alten Satzunger Weg und von da bergabwärts nach dem Brandobjekt, drehte der als Bremser fungierende Wehrmann die Bremsvorrichtung falsch und löste die Bremse, wodurch die an sich sehr schwere Spritze mit Gewalt ins Rollen kam und der die Deichsel führende Mann sie nicht mehr zu erhalten vermochte. Die Spritze rollte führerlos weiter, stürzte um – – – in den bereits niedergebrannten Holzschuppen und verbrannte selbst!

Der Unfall führte dazu, das Feuerlöschwesen von Schmalzgrube zu reorganisieren. Es wurde eine Pflichtfeuerwehr gegründet und von Lehrer Dentler aus Steinbach geschult. Zur Beschaffung einer neuen Spritze im Werte von 935.– Mk. erhielt die Gemeinde von der Königl. Sächs. Brandversicherungskammer ein unverzinsliches Darlehn von 500.– Mk., das in Jahresraten zurückgezahlt werden mußte. Heute besteht im Ort wieder eine Freiwillige Wehr.

1906 erhielt Schmalzgrube die Genehmigung, einen eigenen Friedhof anzulegen. Die Kosten dieser Anlage beliefen sich auf rund 3650.– M. Am Himmelfahrtstage 1908 fand die feierliche Einweihung durch Pfarrer Grumbt aus Grumbach statt. Die Beerdigungen bis 1908 sind auf dem Friedhofe in Grumbach erfolgt.

Ein eigenes Standesamt besitzt Schmalzgrube seit dem 1. Oktober 1926.

Geschichtlich erwähnenswert ist noch das Hammerwerk.

Der Gründer ist nicht bekannt. Es soll ein gewisser Enderlein gewesen sein. Auf diesen Namen deuten die an dem leider immer mehr in Verfall kommenden Hochofen eingemeißelten Zeichen H A und E E 1819.

Um 1800 kaufte Benjamin Salzer, Chemiker in den Blaufarbenwerken Pfannenstiel, das Hammerwerk in Sankt Christophhammer in Böhmen. Da er das Geheimnis der Blaufarbenherstellung mit ins Ausland genommen hatte, wurde er landesverwiesen und durfte sich nicht länger als 24 Stunden in Sachsen aufhalten. Benjamin Salzer richtete in Christophhammer ein Blaufarbenwerk ein. Um zu dem dazu nötigen Material zu kommen, hat er bei den Annaberger Bergschächten nachgefragt, ob er nicht den da aufgeworfenen Schutt abfahren könnte, was ihm auch ohne weiteres erlaubt wurde, da die Annaberger nicht wußten, was Benjamin Salzer mit dem Schutt zu machen gedachte. Mit vielen Fuhrwerken wurde der Schutt nach Christophhammer gebracht. In den dazu eingerichteten Stampfereien und Wäschereien gewann Salzer seine Blaufarbe, welche ihm seine berühmten Reichtümer brachte. Als die Annaberger in Erfahrung brachten, welchem Zweck der Schutt diente, wurde Salzer die Abfuhr verboten.

Um das Jahr 1820 kaufte Benjamin Salzer das in Konkurs befindliche Hammerwerk Schmalzgrube und die Schmiedewerke Mittelschmiedeberg. Sein jüngster Bruder Ferdinand, welcher bei ihm im Dienst war, erhielt das Herrenhaus in Schmalzgrube als Wohnung zugewiesen.

Benjamin Salzer starb unverheiratet um das Jahr 1840 und sein jüngster Bruder Ferdinand brachte die ganze Hinterlassenschaft an sich. Er starb 1856. Der Besitz ging auf seine Tochter über. Das Hammerwerk war ein sehr umfänglicher Betrieb und beschäftigte Hochöfner, Grob- und Zainschmiede, Schlackenstampfer, Bergleute und Köhler, sowie Müller und Bäcker, Fuhrleute und Tagelöhner. Obwohl dieselben bei einem sehr niedrigen Lohn arbeiten mußten (wöchentlich 10 – 12 M.), so waren sie doch immer zufrieden.

Als die Eisenindustrie durch rationellen Maschinenbetrieb immer mehr zur Blüte kam und die Preise der Eisenprodukte erheblich fielen, konnten die alten Hammerwerke, trotz der niedrigen Löhne, nicht mehr mit diesen neuen Unternehmen konkurrieren. So ging auch das Hammerwerk Schmalzgrube immer mehr zurück, bis schließlich der Betrieb in den 1870er Jahren ganz eingestellt werden mußte. Die Mühle mit Bäckerei und Schankbetrieb bestand unter verschiedenen Pächtern noch bis Anfang der 90er Jahre. Als Kuriosum sei erwähnt, daß Backstube und Schanktische sich in einem Zimmer befanden. Während auf der einen Seite Brot gebacken wurde, aßen auf der anderen die Gäste, hauptsächlich Fuhrleute, ihr Frühstück und tranken ihren Schnaps oder Bier dazu.

Im Jahre 1918 erstand das Hammerwerk die Papierfabrik in Niederschmiedeberg, welche das Haus, in dem die Bäckerei mit Schankwirtschaft war, zu Wohnungen umbauen ließ. Auf dem unteren Grundstück wurde eine Holzschleiferei errichtet unter Benutzung der vorhandenen Wasserkraft. Das Anwesen in Mittelschmiedeberg erwarb die Firma Gebr. Bayer in Oberschmiedeberg käuflich.

Kopie
Das alte Hammerwerk von Schmalzgrube mit Hochofen.
(Nach einer Postkarte des Verlages Emil Kreher-Jöhstadt.)

Von den vielen Gebäuden, welche, wie das Bild zeigt, auf dem Grundstück des Hammerwerkes gestanden haben, ist bis heute nur noch das Herrenhaus mit Stallungen, das Wandervogelhaus, die zu Wohnungen umgebaute Bäckerei mit Schankwirtschaft und als historisches Schaustück der Hochofen stehen geblieben. Die Glocke vom Herrenhaus wurde 1908 der Schule zu Oberschmiedeberg geschenkt.

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Heute ist Schmalzgrube ein immer mehr aufblühender Luftkurort. Die herrlichen Wälder der engeren Umgebung, die würzige Bergluft führen jährlich eine stattliche Anzahl von erholungssuchenden Fremden nach hier. Zur Hebung des Fremdenverkehrs hat auch das 1925 veranstaltete Heimatfest wesentlich beigetragen. Möge dem schmucken Orte in den nächsten Jahrzehnten weiteres Aufblühen beschieden sein.