Erzgebirgisches Sonntagsblatt 122. Jahrgang, Nr. 49, 2. Dezember 1928, S. 1
Vor 500 Jahren. – Wie Adam Ries das Besitztum kauft.
Dicht vor den Toren der Stadt Annaberg an der nordöstlichen Flurgrenze, zum Gemeindegebiet des Dorfes Wiesa gehörend, liegt – rechts der Straße nach Wiesenbad – abgelegen die in letzter Zeit vielgenannte „Riesenburg“. Das gegenwärtig vorhandene Riesenburg-Gut mit seinem ausgedehnten Landbesitz und seinen interessanten Ruinen ist mehr als wie nur ein Vorwerk und Bauerngehöft – ist ein Zeuge obererzgebirgischer Geschichte. Es scheint, als ob man jetzt wichtigen Aufschlüssen auf die Spur gekommen ist, die hochinteressante Forschungsergebnisse versprechen.
Der Name „Riesenburg“ ist nicht ganz richtig; genauer muß es heißen „Ries-Burg“, da der berühmte Rechenmeister Adam Ries von 1539 an Besitzer des Anwesens war.
Vor Adam Ries hieß dieses Anwesen „Vorwerk bei der Wiesen“. Einwandfrei steht fest, daß dieses Wiesaer Gehöft bereits lange vor der Gründung der Stadt Annaberg bestanden hat. Man geht aber noch weiter und glaubt – da die Riesenburg im Volksmunde der Vorzeit soll als „Burg an der Wiesen“ bezeichnet worden sein soll – annehmen zu dürfen, daß das Anwesen der Riesenburg hervorgegangen ist aus jenem Kastell Borckwalde, das zu der gleichnamigen, vom Erdboden verschwundenen Siedlung gehörte, die sich einst am nördlichen Pöhlberghang befand. Doch hierüber werden wir später noch berichten, wenn die entsprechenden Nachforschungen abgeschlossen sind.

Im nachstehenden wollen wir unsern Lesern das mitteilen, was in der Chronik der Riesenburg über die letzten 500 Jahre verzeichnet ist:
Hiernach befand sich das „Vorwerck bey der wiesen“ um 1429 im Besitz des Adligen Endressen von der Strassen, dessen Enkel bei seinem Tode seiner Ehefrau Anna das Besitztum hinterließ.
Diese Anna Endressen von der Strassen war die Schwester der Ehefrau des Rechenmeisters Adam Ries, also dessen Schwägerin. Von dieser kaufte er 1539 das Anwesen mit allem, was dazu gehörte.
Die Kaufsurkunde, deren Kopie sich im Wiesaer Gerichtsbuch von 1478 bis 1590, Nr. 1 Fol. 100 befindet, lautet:
„Im Jahre 1539 kaufte Adam Ries, Gegenschreiber auf St. Annen, als Schwager von Anna, der nachgelassenen Wittfrau des seligen Endressen von der Strassen, das Gut mit Behausung, Äckern, Wiesen, Waldungen und Teichen für 1200 fl. Rheinischer Landeswährung, und so, daß er zu Michaelis 100 fl. und dann alle halbe Jahr 30 fl. zahlen soll, bis die ganze Kaufsumme entrichtet ist. Dieweil aber die Verkäuferin dem Käufer von wegen seines Eheweibes in Freundschaft so nahe mit ihm verwandt, so hofft sie, „daß beyde Teyle in Sondertrew einander ergeben etc. Geschehen und ergangen am Freitag nach Vincula petri nach Christi unseres Seligmachers gepurt 1539.“
Man ersieht hieraus, daß der 1492 zu Staffelstein in Franken geborene Adam Ries eine Erzgebirgerin zur Frau hatte. Als er dann am 30. März 1559 seine Augen für immer schloß – sein Grab ist bis auf den heutigen Tag unbekannt –, waren die Witwe und später seine Söhne Adam und Abraham Besitzer des Landsitzes.
Zu Lebzeiten Adam Ries‘ war Barbara Uttmann oft hier zu Gaste, wie die Überlieferung erzählt. Sie soll gern an dem nach Annaberg zu gelegenen Fenster des Obergeschosses gesessen und hinüber nach St. Annen geblickt haben.