Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt Nr. 22, 124. Jahrgang, 31. Mai 1931, S. 5.
Eines der erschütterndsten Zeugnisse und zugleich eines der ältesten aus den Tagen, da die Pest in unserm Gebirge hauste und ganze Häuser, ja selbst Ortschaften entvölkerte, birgt die alte Wehrkirche in Großrückerswalde. Im Innern der Kirche, allen leicht zugänglich, hängt an der dem Altar gegenüberliegenden Seite ein auf Holz gemaltes Bild. Der unbekannte Meister zeigt auf dem Gemälde, wie in das Dorf mit seiner Wehrkirche, dem schloßähnlichenRittergute Rückerswalde und dem Lehngericht durch schwarze Engelsgestalten die entsetzlichste aller Seuchen, die Pest, als Strafgericht Gottes einzieht. Weißgekleidete Engel bringen den vor ihren Türen knieenden Einwohnern das Abendmahl. Vom Volke werde letztere als die von der Pest verschont Bleibenden gedeutet.

Dieses ergreifende Bild, das nicht ohne kunstgeschichtlichen Wert ist und gleichzeitig eines der ältesten Geschichtsdenkmäler unseres Gebirges darstellt, wurde auf Anregung von Prof. Gurlitt, Dresden, von der Kgl. Kommission zur Erhaltung der Kunstdenkmäler durch Maler Jantsch einer Renovierung unterzogen und so der Nachwelt erhalten.
Der Text unter dem Pestbilde vom Jahre 1583 lautet wie folgt:
Anno Domini 1583: sturben abermal an der Flechtenden Pestilenz allhier zu Rvckerswalde 72 Personen. Als nemlichen des Lange Jorg Neubers Bavershoff sturb abermal wüste aus. Biß ein lamer Knab, Jakob Meyh genant. Es sturben aus disem Hoff neun Personen. Der junge Jorg Neuber, sein Weib, 2 Kinder, eine Magt, ein Knecht, 2 Kinder seiner Schwester, die alte Pichelin. Aus Bastian Reschen Bavernhof sturben 14 Personen: Ehr, Bastian Resch, sein Weib, 4 Kinder, eine Magt, 2 Knechte und die Metznerin und Jorg Reschen 2 Kinder, Caspar und Simon Resch, junge Gesellen; bleib nvr Jorg Resch und seine Frau. Aus Valtin Reschen Pavenhof sturben 7 Personen als 5 Techter, eine Magt, ein Knecht ehr und sein Weib bliben allein lebendig. Aus Hans Reschen Heuslein sturben 5 Personen. Sein Weib, 4 Kinder, Ehr blib alleine. Aus Joerg Scheitterlein Havse sturben 4 Personen, Ehr, 2 Töchter, ein Son, blib nur ein Son. Aus Caspar Nestlers Heuslein sturben 3 Personen, sein Weib, 2 Kinder, Ehr blib alleine. Aus Jorg Hetzalt Hause sturben 3 Personen, sein Weib, ein Sohn, eine Magt, blieb Ehr und ein Son. Aus dem Edelhoff stvrb eine Magt. Aus Bastian Nevbers Baverhof stvrben 8 Personen, 6 Kinder, ein Magt, die Antönelin Wertterin. Blieb ehr, die Frav und 2 Knecht. Aus Thomas Gertners Baverhof stvrben 4 Personen, sein Weib, seine Schwester, der Schwester Son und ein Knecht, blieb Ehr alleine. Aus Blasii Wincklers Baverhof stvrben 2 Personen, sein Töchterlein und die alte Fladin. Aus Hans Pregers Baverhof stvrben 7 Personen, ehr, sein Weib, 4 Kinder, seine Mvtter. Aus Christof Schmiders Baverhof stvrben 2 Personen, sein Weib und das kleinste Kind. Aus der —ns Richerin Heisli stvrben 3 Personen, si, die Alte — — und Hans Reichels Kindt. Solche Leichen sind alle auf diesen Acker Gottes Ein gesehet. — — — Ihnen Christus eine fröhliche Vffer Stehung vorleihen, Amen“.
Ein zweites Bild, welches die Bestattung der Pestopfer jener grauenerfüllten Tage darstellt, war nicht mehr zu retten.
Auch die aus jenen Tagen noch erhaltenen Kirchenbücher geben gleicherweise Kunde von dem Wüten der Pestilenz. Unvorstellbar groß war das Herzeleid, das Grauen und Entsetzen, das damals im Dorfe wie im ganzen Gebirge herrschte.
1568 schon ist ein Pestverstorbener an Ort und Stelle, d. h. im Garten seines Gehöftes, begraben worden, weil die Angst vor der Ansteckung ein ordnungsgemäßes Begräbnis unmöglich machte! Der weitere Lauf des Jahres fordert bereits 37 Opfer.
Die Sage ging, daß ein Salzfuhrmann aus Böhmen die Seuche eingeschleppt hatte.
1581 kehrt sie wieder. Bis weit über den 30jährigen Krieg hinaus hält sie unsere gebirgische Bevölkerung in Angst und Schrecken. Die Ortspfarrer bemerken im Sterberegister die Opfer der Seuche mit dem Wörtlein peste.
1640 forderte 129 Opfer in Großrückerswalde, fast ein Drittel des Dorfes! Kein Arzt, keine Medizin, keine Hilfe war da! Das unsagbare Entsetzen, das über die Gemeinde gekommen war, drohte alle menschliche Ordnung aufzulösen. Das Mitleid erstarb wie jede Nächstenliebe und Hilfsbereitschaft. Nur ein Beispiel: Dem Jörg Neuber hier starben vor seinen Augen Frau und Kinder. Er selbst lag krank im Zimmer, verlassen von allen, gemieden, als plötzlich das Haus Feuer fing. Selbst die Bettler mieden damals unser Gebirge, melden die Chronisten.
— ho