(Schluß.)
Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt Nr. 14, 124. Jahrgang, 5. April 1931, S. 2 – 3.
Trotz des furchtbaren Elends, das Pest und die Holk‘schen Scharen über das Sachsenland brachten, ganze Ortschaften entvölkerten und dem Erdboden gleich machten, ging der Kurfürst seiner Passion ungehindert nach und jagte. Was galten ihm auch die Bauern und armen Gebirgler, wenn nur sein Wild die richtige Pflege erhielt. So wäre einem alten Bauersmann aus Schlettau beinahe der Kopf vor die Füße gelegt worden, weil er auf einen Hirsch, der in seinen Garten eingedrungen war, mit dem Knüppel losschlug und ihn wieder verjagte. Einem anderen Bauern sprang ein großer Hirsch in den Kornspeicher. Das Tier konnte jedoch nicht mehr heraus. Anstatt daß es nun getötet wurde, mußte der Bauer die Scheuer zersägen, damit der Hirsch wieder in Freiheit kam. Anderenorts mußte der Backofen eingerissen werden, um einen Hirsch zu befreien, der sich in das alleinstehende Häuschen hineingezwängt hatte, Brothafer zu naschen.
Neben dem Rotwild richtete auch das Schwarzwild großen Schaden an. Die wilden Schweine überfielen Gärten und Felder in Rudeln bis zu 30 Stück und kehrten das Unterste nach oben. Die Besitzer durften die Tiere jedoch nur durch Lärm verscheuchen.
Wilde Katzen leerten die Hühnerställe und Taubenschläge. Auch den Raubvögeln gab der dichte Wald sichere Zuflucht. Um das 17. Jahrhundert nisteten noch Adler auf den Felsen des Erzgebirges. Geier räumten nicht minder unter dem Hühnervolk auf. Ein Wäldner in Crottendorf sandte z. B. im Jahre 1671 8 Paar Habichtsklauen, 5 Paar Reiherklauen, 34 Paar Eulenklauen und 9 Paar Grimmerklauen (Gabelweihe) an die hohe Forstbehörde ein.
Schadenersatz für die zerstörte Ernte und die getöteten Haustiere gab es nicht. Wenn nun der Bauer zum Selbstschutz griff, Schlingen legte oder das schädliche Wild abschoß, war ihm gleichfalls die Kugel gewiß, zum mindesten hatte er große Quälereien zu erdulden. Wildschützen waren gewissermaßen Freiwild, obgleich sie von den Bauern gern gesehen wurden. Traf ein kurfürstlicher Jäger einen Wilddieb an, so schoß er ihn ohne weiteres nieder und hing ihn zum abschreckenden Beispiel an den nächsten Baum. Der Jäger erhielt dafür eine Belohnung von 40 bis 80 Talern. Schoß er aber aus Versehen einem unschuldigen Bauern über den Haufen, so krähte kein Hahn darüber. Kein Wunder, daß auch mancher Förster von Wilddieben weggeputzt wurde.
Wenn wir allerdings lesen, daß wenige Jahre nach dem Tode Johann Georgs I. bei einer Jagd in der Nähe von Johanngeorgenstadt nur 3 Bären und ein Wolf zu der zur Strecke gebrachten Zahl von 1225 Stück Wild zählten, so ist das ein Zeichen, daß die Raubtiere schon sehr abgenommen hatten. Noch unter dem Nachfolger Johann Georgs I. wurden Bären und Wölfe in Sachsen gänzlich ausgerottet, so daß es später eine große Seltenheit war, wenn einmal ein derartiges Raubtier auftauchte.
Kurfürst Johann Georg I. starb am 8. Oktober 1656. Es war ein armes, von den Kriegshorden zu Tode gepeinigtes Land, das er verließ. Aber keiner seiner Nachkommen durfte sich rühmen, so viel Tiere erlegt zu haben als er.
Am Schluß dieses Ausschnittes aus der Jagdgeschichte unseres Erzgebirges sei eine Liste über den Gesamtertrag der Jagden angefügt, an denen Johann Georg I. persönlich teilnahm. Daraus mögen die Leser erkennen, von welchen Tieren und in welch ungeheurer Dichte die sächsischen Wälder im 17. Jahrhundert bevölkert waren. In dieser Aufstellung sind vertreten:
| Rotwild | Schwarzwild | ||
| 15.228 | Hirsche | 3.207 | hauende Schweine |
| 1.887 | Spießhirsche | 593 | angehende Schweine |
| 300 | Kolbhirsche | 2.850 | Keiler |
| 385 | Damhirsche | 9.478 | Bachen |
| 15.399 | Hirschkühe | 13.068 | Frischlinge |
| 379 | Damhirschkühe | 29.196 | Stück zusammen |
| 3.594 | Hirschkälber | ||
| 52 | Damhirschkälber | Wilde Tiere | |
| 1.869 | Rehböcke | 203 | Bären |
| 8.167 | Rehe | 3.543 | Wölfe |
| 788 | Rehkälber | 200 | Luchse |
| 48.048 | Stück zusammen | 3.946 | Stück zusammen |
Die Strecke des gemeinen Wildbrets, worunter Hasen, Füchse, Marder, Wiesel, Hamster, Biber, Fischottern u. a. zu verstehen sind, betrug 32.422 Stück. Ihr schien man, gemessen an den anderen Zahlen, eine nur geringe Bedeutung beizulegen; denn noch in späteren Jahren wies z. B. die Beute von 10 Jagdtagen neben mannigfachem Hochwild nur einen einzigen Hasen und vier Füchse auf. Die Gesamtsumme des im Beisein Johann Georgs I. erlegten Wildes erreichte die schier unmöglich anmutende Höhe von 113.612 Stück, in der allerdings Kaninchen und jagdbare Vögel aller Art, Auer-, Birk-, Wasser- und Rebhühner, nicht mit inbegriffen waren.
Etwa einhundert Jahre später veranstaltete Kurfürst Friedrich August, der spätere König Friedrich August I., vom 2. bis 11. September 1773 nahe bei Marienberg eine Jagd, über die ein Denkstein im Buchwald an der Staatsstraße von Marienberg nach Reitzenhain berichtet. Die Strecke betrug seinerzeit 112 Stück, steht also in gar keinem Verhältnis mehr zu den um ein Jahrhundert früher gemachten Jagdbeuten, die sich in der Höhe von 500 bis 1000 Stück bewegten. Der Wildreichtum der erzgebirgischen Wälder hatte also im Verlauf einer verhältnismäßig kurzen Zeitspanne bedeutend abgenommen. Trotzdem aber war die Strecke Kurfürst Friedrich Augusts noch immer recht ansehnlich.
Aus diesen Schilderungen ersieht man aber, daß die großen Jagden des Kurfürsten Johann Georg geradezu notwendig waren, um die Wildschäden, unter denen die Bauern so empfindlich zu leiden hatten, zu mildern. Wenn es dabei nicht immer glimpflich zuging, so muß der allgemeine Kulturzustand jener Jahrhunderte zurückliegender Zeit und die allgemeine Verrohung durch den 30jährigen Krieg mit berücksichtigt werden, um zu einer einigermaßen gerechten Beurteilung der Zeitverhältnisse zu gelangen.
—d.