Ein Stück Jagdgeschichte aus dem Erzgebirge.

Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt Nr. 13, 124. Jahrgang, 29. März 1931, S. 1 – 2.

Wir wissen, daß Kurfürst Vater August Zeit seines Lebens ein Mehrer des sächsischen Waldbesitzes war. Doch nicht nur das allein, er verstand es auch, die großen vielfach undurchdringlichen Forste einzuteilen, sie regelrecht schlagen zu lassen, also eine weitblickende Forstwirtschaft, verbunden mit kundiger Wildpflege zu betreiben. Die Verordnungen, die er hierzu in weiser Voraussicht erließ, nannte man seinerzeit Holzordnung. Die Hölzer hatten jedoch nur einen unglaublich geringen Wert, so daß sie meist dort, wo sie geschlagen wurden, liegen blieben und ungenützt verfaulten. Als August starb, ging man deshalb bald achtlos über die Holzordnung hinweg, bis sie Johann Georg I. wieder ins Leben rief. Anlaß zu dieser Maßnahme gab ihm sicherlich die große Unordnung in den Wäldern, die er bei seinen ausgedehnten Jagdausflügen insbesondere durch das Erzgebirge feststellte. Diese weidmännischen Expeditionen – und das waren sie nach dem langen Troß, den das fürstliche Gefolge darstellte, bestimmt – werden uns jetzt für kurze Zeit beschäftigen und uns mitteilen, wie sich das dunkle Erzgebirge im 17. Jahrhundert, also um die Zeit des Dreißigjährigen Krieges, in das Buch der Geschichte einzeichnete.

Kurfürst Johann Georg I., dessen Regierung in diese Epoche fiel, war am 5. März 1585 geboren und trat die Thronfolge 1611 an. Schon vorher nahm er an den Regierungsgeschäften regen Anteil. Am wohlsten schien er sich im Amte eines Landjägermeisters zu fühlen; denn seine Passion war ein für allemal die Jagd. Zu Anfang seiner Regierungszeit finden wir ihn zwei Monate im Lautersteiner Revier zur Jagd, da dieses Gebiet im Ruf vorzüglichen Waldreichtums stand. Während des Aufenthalts nahm er teils in Wolkenstein, teils in Marienberg Wohnung. In Marienberg ließ er sogar ein herrliches Jagdhaus erbauen. Für die Bürger der beiden Städte wird es ein lebensvolles Bild gewesen sein, wenn das große Gefolge in der bunten Jägertracht der damaligen Zeit unter Hörnerklang und freudigem Gekläff der Hundemeute zu weidmännischem Handwerk auszog. Welcher Eifer mag die Jäger erfüllt haben, aber auch welch hoher Mut mag ihnen eigen gewesen sein, wenn sie das Dickicht durchstreiften und plötzlich einem Bären gegenüber standen, mit dem sie den Kampf ums Leben aufnehmen mußten.

Der kurfürstliche Weidmann blieb ganze Tage im Gebirgswald, wo er auch mit seinem Gefolge die Mahlzeiten einnahm. Wohl kaum können wir uns die Vorstellung von einem Jagdlager machen, und wer kennt etwa die prasselnden Feuer über denen das erlegte Wild am Spieße briet? Derartiges Jägerleben ist uns heute nicht mehr geläufig. Für solche Lager hatte Kurfürst Johann Georg I. ein Lieblingsplätzchen, die Höhe des Katzensteins bei Zöblitz, wo noch jetzt ein großer Stein gezeigt wird, der den hohen Jägern als Tafel diente. Zum Andenken an die fröhlichen Gelage ließ der fürstliche Gastgeber eine Schrift in den steinernen Tisch eingraben, deren Konturen man heute noch wahrnehmen kann. – Die romantische Felsenpartie des Katzensteins entdeckte der Kurfürst, als er eines Morgens von Marienberg aus die Wälder durchstreifte. Sie gefiel ihm so ungemein, daß er diesen Ort später öfters besuchte. Die Bezeichnung Katzenstein erhielten die Felsen dadurch, daß die Begleiter des Kurfürsten in den Felsspalten mehrere wilde Katzen erlegten.

Ueber seiner großen Leidenschaft verlor Johann Georg allerdings das Interesse an allen anderen Staatsgeschäften mit Ausnahme des Kriegshandwerks, das ihm ebenso gefallen mochte wie die Jagd. Trotz des Elends, das der Dreißigjährige Krieg über sein Land brachte, jagte er in der Zeit vom 22. Juli bis 20. September 1624 wieder in der Gegend von Marienberg und Zöblitz, wo ihm das Jagdglück ganz besonders günstig war. Auf einem einzigen Zuge in der Nähe von Zöblitz erlegte er 286 Stück Wild, darunter 73 Hirsche, auf einem späteren bei Ansprung 226 Stück. Ueberhaupt kehrte er unter 70 bis 80 Stück geschossenen Wildes nie nach Marienberg heim. Der kolossale Wildreichtum des Erzgebirges um diese Zeit wird ferner besonders dadurch gekennzeichnet, daß der strenge Winter des Jahres 1624 ungefähr 1500 Waldtieren den Tod gab. Hirsche und Rehe kamen in die Dörfer und ließen sich von den Bewohnern mit der Hand fangen. Das gab natürlich den armen Gebirglern manchen guten, wenn auch geheimen Braten und half, die schwere Zeit zu überstehen.

Auf einer Jagdreise im Jahre 1625 kam der Kurfürst in Begleitung seiner Gemahlin und von vier Prinzen auch nach Annaberg. Hier hielten die Bürger – es war gerade Pfingsten – ein großes Vogelschießen ab. Der Landesherr versagte es sich nicht, daran teilzunehmen. Er hat überaus wacker mitgeschossen und auch die Königswürde errungen. Diese Leutseligkeit machte ihn trotz mancher Untugenden zu einem vielgepriesenen Herrscher.

Nach dem Annaberger Vogelschießen beteiligte er sich auch mit seinem Gefolge an dem Vogelschießen in Wiesenbad. Ueberall war man erfreut über den leutseligen Herrn, der einher ging wie einer aus dem Volke, der mit dem Volke um die Wette schoß und der auch im Biertrinken seinen Mann stellen konnte. Die biederen Gebirgsbewohner riefen den trinkfesten Fürsten dann, wie die Geschichte erzählt, zum Bierkönig aus, was ihm übrigens den Spitznamen „Biergörge“ eingetragen haben soll. Das sei aber nur nebenbei und zum Gegengewicht dessen erwähnt, das eigentlich ganz und gar nicht zu diesem leutseligen Gebaren paßt.

Es war ein Vorfall während einer Jagd bei Annaberg kurz nach dem Pfingstfeste 1625. Als die Jagd beginnen sollte, fehlte es an Hunden und mehr noch an Treibern, von denen etwa 700 Mann anwesend waren. Im Zorn rief der Kurfürst: „700 Mann?, Das ist gar nichts! 2200 Mann sollen auf den Beinen sein.“ Man brachte ihm den Amtmann von Grünhain, der die Treiber zu organisieren hatte. Dieser war jedoch nicht auf den Mund gefallen, weder bescheiden noch demütig. Er trat dem Kurfürsten frei gegenüber und wollte sich verteidigen. Johann Georg vertrug jedoch keinen Widerspruch und gebot ihm Schweigen; der Amtmann fuhr aber beherzt fort. Da färbte sich das Gesicht des Landesherrn vor Zorn schwarzrot. Er faßte nach dem Stock und schlug dem Widersprechenden über den Kopf, daß dieser zusammenbrach. Durch diesen Vorfall war sein Jähzorn noch immer nicht gestillt. Er veranlaßte zu alldem, daß der in Ungnade Gefallene an einen Wagen angeschlossen und so auch noch den rohen Jagdbedienten zum Spielball wurde.

Im August desselben Jahres jagte der Kurfürst bei Crottendorf und später bei Schlettau. 1627 hielt er ein großes Jagdlager in Schneeberg. Im folgenden Jahre weilte er wiederum wochenlang bei Annaberg, Zöblitz und Marienberg. Bei Grumbach wurden allein im Verlauf einer einzigen Jagd 570 Hirsche geschossen. Am 9. August jenes Jahres trug man auf dem Marktplatz in Marienberg 403 Stück Wild aus dem umliegenden Jagdgebiet zusammen.

Bei den großen und weitschweifenden Jagden wurden die Bauern und alle anderen Gebirgsbewohner sehr in Anspruch genommen. Sie mußten Dienste als Fuhrleute und Treiber leisten. Aber sie halfen gern, denn die Jagd machte ihnen Vergnügen, manch guter Bissen fiel dabei ab und, was die Hauptsache war, die Landleute wurden von gefräßigem Wild befreit, das die mühsam angebauten Flächen verwüstete. Auch die reißenden Tiere der erzgebirgischen Wildnis wurden abgedämmt. Als Folge des langandauernden Krieges hatte vor allem der Wolf eine große Seßhaftigkeit im Erzgebirge erlangt. Man sah ihn in Rudeln bis zu 25 Stück umherstreifen und Mensch und Tier bedrohen. Bis vor die Tore Annabergs verlegte er seine nächtlichen Ausflüge. Der Chronist erzählt von einem Frohnauer Bergmann, der in früher Morgenstunde nach Annaberg zur Arbeit ging und urplötzlich von neun Wölfen angefallen wurde. Der zu Tode erschrockene Mann fiel auf die Knie und flehte mit erhobenen Händen den Himmel um Hilfe an. Mit den Händen hatte er auch die Grubenleuchte emporgehoben, deren Licht die Wölfe so schreckte, daß sie sich eiligst entfernten und den armen Bergmann wieder friedlich seines Weges ziehen ließen. (Im I. E. S. Nr. 9/1931 behandelt Osw. Rathmann diesen Vorfall feuilletonistisch, verlegt ihn aber in das Jahr 1550.)

Ein nicht minder gefährlicher Geselle war der Bär, und gar mancher arme Gebirgsbewohner, der einsam seines Pfades ging, wurde von ihm überfallen und zerrissen. Es mußte jedoch schon ein bösartiges oder gereiztes Tier sein, das den Menschen annahm. Meist floh der Bär, oder er ließ sich füttern. So stolperte einmal ein Scheibenberger Bauer über einen großen Bären, der dann so erschrocken war, daß er eiligst das Weite suchte und das gleichfalls erschreckte und verängstigte Bäuerlein unberührt sitzen ließ. Beeren- und Pilzsuchern tat er nicht das Geringste, wenn sie ihm nur einen Tribut an süßen Waldbeeren zahlten. Hauptsächlich war Meister Petz dort zur Stelle, wo es wilde Bienen gab. Und diese mochten früher im Erzgebirge zu Hause gewesen sein; denn die Geschichte erzählt, daß ein Pfarrer von Königswalde um die Zeit des Dreißigjährigen Krieges in einem einzigen hohlen Baum 24 Kannen besten Honigs fand. Solche leckere Nester waren für den zottiges Bären natürlich willkommene Beute.

Zur Bekämpfung der gefährlichen Raubtiere bediente man sich in vielen Gegenden des Erzgebirges der Wolfsgruben und Bärenfänge. Auf einen solchen Bärenfang, der sich auf dem Platz befand, wo gegenwärtig die Kirche von Zöblitz steht, ist auch der Bärenkopf im Wappen der Stadt und im Kirchensiegel zurückzuführen.

Luchse, Tiere, die jetzt dem Aussterben nahe sind, sah damals der Landmann gern, da sie sehr zur Verminderung des Wildes beitrugen. Die Jäger stellten ihnen dagegen desto eifriger nach. Schon um das Jahr 1700 waren die Luchse in Sachsen vollkommen ausgerottet.

(Schluß folgt.)