Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt Nr. 12, 124. Jahrgang, 22. März 1931, S. 5 – 6.
Am 27. März d. J. gehen 50 Jahre zu Ende, seit die Stadt Annaberg ein neues Reichspostgebäude, das Postamt in der Klosterstraße, besitzt, das den Anforderungen eines modernen, stetig wachsenden Verkehrs gerecht wird. Dieses Heim der Reichspost war in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts unbedingtes Erfordernis geworden, denn das alte Postamt im Hause Buchholzer Straße 5, der ehemalige Gasthof „Zum weißen Roß“, bot nur beschränkten Raum, so daß Abteilungen des Postbetriebes, die nicht direkt mit dem Publikum in Berührung kamen, gar bald in anderen Häusern der Stadt, z. B. die Telegraphen-Zweigstelle im Hause Kleine Kirchgasse Nr. 79 untergebracht werden mußten. Rund 180 Jahre hindurch, von 1698 bis 1881, gewährte das „Weiße Roß“ der Post Unterkunft und genügend Platz, den Betrieb zu bewältigen. Allerdings widmete sie sich, bevor der rege Brief- und Paketverkehr, der doch jetzt die Hauptarbeit der Post darstellt, eintrat, hauptsächlich der Personenbeförderung. Für Annaberg war dieser Verkehr insofern von besonderer Bedeutung, als es an der Postroute nach Karlsbad lag und von vielen Posten und Extraposten des Pferdewechsels wegen berührt wurde. Für die Postmeister war dies ein recht einträgliches Geschäft, für das Publikum wiederum, das sich beim Eintreffen der Postwagen vor dem Gebäude ansammelte, ein Quell von Neuigkeiten.

Das neue Postgebäude in der Klosterstraße wurde am 27. März 1881 geweiht. Die Feier zur Eröffnung des Dienstbetriebs war nach den vorliegenden Berichten des „Annaberger Wochenblatt“ aus diesen Tagen eine erhebende. Am Freitag vormittag bewegte sich ein großer Festzug, gebildet von den Ehrengästen, den Vertretern sämtlicher städtischen und staatlichen Behörden, der Geistlichkeit und schließlich den Beamten der Reichspost, durch die festlich geschmückten Straßen. Unter den Klängen einer Musikkapelle erreichte der Zug, an dessen Spitze Postillone in Galauniform marschierten, das neue, geschmackvoll dekorierte Gebäude. Der eigentliche Weiheakt fand im Schalterraum statt, wo Postbaurat Zopff-Dresden der kulturhistorischen Bedeutung des errichteten Werkes gedachte und den Schlüssel an den Vertreter der obersten Postbehörde, Dr. Fischer-Berlin, übergab. Dr. Fischer ergriff sodann im Namen der Reichspost- und Telegraphenverwaltung und im Auftrag des Staatssekretärs Dr. Stephan vom Hause Besitz. Er überbrachte Grüße von Exzellenz Stephan, der verhindert war, an dem Weiheakt persönlich teilzunehmen. Er wünschte den Beamten vom Postdienst Glück und Segen zum Einzug und gab der Hoffnung Ausdruck, daß das neue Postgebäude ein Mittel zur Hebung des Handels, der Industrie und des Verkehrs werden möge. Oberpostdirektor Walter ließ daran anschließend durch Postdirektor Ruppel den Betrieb eröffnen und führte die Anwesenden durch die neuen Diensträume. Dem Weiheakt schloß sich ein Festmahl im Hotel „Museum“ an, das die Stadt zu Ehren des Tages und der erschienenen Gäste veranstaltete. Der, während des Festessens von Stadtrat Köselitz auf Staatssekretär Dr. Stephan ausgebrachte Trinkspruch, wurde dem Leiter der deutschen Reichspost telegraphisch übermittelt. Die treffliche Drahtantwort des Generalpostmeisters lautete:
„Ich danke Ihnen und allen Festgenossen, unter denen ich heute so gern geweilt hätte. Ich erwidere Ihren Gruß mit einem Hoch auf Seine Majestät den König von Sachsen und auf das fernere Gedeihen der blühenden Stadt Annaberg und deren treffliche Bürgerschaft. Möge keine Stunde ohne Brief, kein Tag ohne Telegramm, keine Woche ohne Verlobung sein. Generalpostmeister Dr. Stephan.“
An den damaligen Bürgermeister Voigt richtete er ein besonderes Schreiben, in dem u. a. hervorgehoben wird:
„Ew. Hochwohlgeboren haben die Güte gehabt, im Namen der städt. Behörden aus Anlaß der Einweihung des neuen Posthauses besondere Festlichkeiten zu veranstalten … Ich bitte, diesen Dank auch den Mitgliedern der städtischenBehörden und der Bürgerschaft gefälligst zu übermitteln zu wollen. Gleichwie von der hohen Blüthe, welche die dortige Stadt in der neueren Zeit erlangt hat, das jetzige Reichspostgebäude gewissermaßen eine Urkunde in Stein darstellt, so möge die darin sich vollziehende Arbeit zur Erhaltung und Steigerung dieser Blüthe an ihrem Theile wirksam beitragen.“

Die Wünsche des Generalpostmeisters sind in Erfüllung gegangen. Die Reichspost hat den Anforderungen einer neuen Zeit stets entsprochen, sie ist für alle technischen Neuerungen empfänglich gewesen und hat dieses Streben auch in der heutigen schweren Zeit beibehalten. Der Telegraphenverkehr der hiesigen Post zog bereits mit in das neue Gebäude ein. Ihm folgte 1888 der Fernsprechverkehr, der damals mit 30 Teilnehmern eröffnet wurde und sich binnen kurzer Zeit so vergrößerte, daß ein Um- und Erweiterungsbau des Postamtes vorgenommen werden mußte. In den Jahren 1892, 1902 und 1907 machten sich infolge der wachsenden Inanspruchnahme des Postbetriebes auf allen Gebieten weitere Umbauten erforderlich. Am 15. Oktober 1927 erfolgte die Indienststellung des Fernsprech-Selbstanschlußamtes, der heute zwischen Annaberg-Buchholz rund 2000 Teilnehmern den Fernsprechverkehr vermittelt. Nicht unerwähnt darf hier die erst kürzlich vorgenommene Errichtung von öffentlichen Fernsprechstellen und Briefmarkenautomaten an verschiedenen Punkten der Stadt bleiben.

50 Jahre hindurch hat im Reichspostgebäude in der Klosterstraße der Geist des ersten Generalpostmeisters von Stephan gewaltet. Möge er in alle Zukunft hinein die Triebkraft und der Ursprung weiteren Vorwärtsschreitens auf dem begangenen Wege sein und Handel, Industrie und Verkehr des Obererzgebirges auch weiterhin fördern helfen.
—d.