Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt Nr. 3, 124. Jahrgang, 18. Januar 1931, S. 2 – 3.
Solange Menschen bauen und ihre Wohnstätten schmücken, solange ist der Marmor bekannt und gern verwendet. Wir bewundern ihn in den Bau- und Kunstwerken der Griechen und Römer, wir finden ihn in den Palästen des Morgenlandes, und wir können uns von seiner Schönheit in zahllosen Schlössern und Kirchen Deutschlands überzeugen. Noch weit größer ist aber das Verwendungsgebiet zu allen erdenklichen Zwecken der Jetztzeit geworden.
Entstanden aus den Ablagerungen auf dem Meeresboden, hat der Marmor eine Entwicklung von Millionen von Jahren durchmachen müssen, bevor sich dieser herrliche Naturstein bildete, den die Geologie als Kalkstein bezeichnet. In dieser natürlichen Entwicklungsgeschichte liegen die Wesensmerkmale des Marmors als Baustoff begründet. Der gewaltige Erddruck hat die Gesteinsmasse fest zusammengepreßt, so daß der Stein durch die enge Verbindung seiner einzelnen Teilchen die notwendige Härte und Haltbarkeit aufweist. Hinzu tritt außerdem die mannigfaltige und wirkungsvolle Farbenbildung durch Zersetzung tierischer und pflanzlicher Stoffe. Durch Erdbewegungen wurden diese Farbenspiele durcheinander gemengt, und so entstanden die Marmore, deren Farbenwirkungen in den vorhandenen Schönheiten von keiner Menschenhand nachgebildet werden können.
Sehr wichtig für Deutschland ist das Vorhandensein fast aller Spielarten im eigenen Lande, wodurch wir nicht auf das Ausland angewiesen sind. In großen Umrissen können wir sagen, daß Ober-Bayern, Hessen-Nassau, Teile von Westfalen und Thüringen die bunten Sorten, Oberfranken, Westfalen die schwarzen, Mittelfranken und das Land bei Kehlheim die gelben und Schlesien die hellen, kristallinen Sorten liefern. Die Vorkommen liegen in Ober-Bayern bei Bad Aibling in der Nähe des Tegernsees, in Hessen-Nassau im Lahntal bei Weilburg, in Westfalen in den Kreisen Brilon, Meschede und Olpe, in Thüringen bei Saalburg, in Hof selbst und in seiner nächsten Umgebung, in Franken in der Gegend von Weißenburg und Treuchtlingen, sowie in Kehlheim an der Donau und schließlich in Schlesien in Groß-Kunzendorf bei Neiße O/S. Insgesamt sind etwa 90 deutsche Marmorsorten festzustellen, die in ihren Arten gänzlich verschieden voneinander sind.
Auch unser Obererzgebirge hatte bis vor 100 Jahren einen Marmorbruch, dessen Geschichte in nachstehender Abhandlung geschildert werden soll.
Wenn man vom Bahnhof Ober-Crottendorf aus nach der Neudorf – Scheibenberger Staatsstraße zu geht, beim Gasthaus „Glashütte“ in die Oberwiesenthaler Straße einbiegt und sodann beim Wasserwerk dem rechts ab führenden Waldweg folgt, gelangt man an den alten „Kalkofen“, dem im 16. Jahrhundert einst hochberühmten Marmorbruch zu Crottendorf, dessen Blütezeit durch Versiegen der Marmoradern mit dem Jahre 1805 als beendet anzusehen ist.
Die Mutung und Auffindung dieser wertvollen Gesteinslagerung geschah im Jahre 1587 (nicht 1575) unter Kurfürst Christian I., der 1586 seine Regierungszeit angetreten hatte.
Bei der Entdeckung des Crottendorfer Marmors soll der Zufall eine große Rolle gespielt haben. Bekanntlich fanden doch im Crottendorfer Waldgebiet ständig die großen Jagden des Kurfürsten statt, und bei Gelegenheit einer solchen sei durch das Aufscharren des Bodens durch die Pferde ein weißer Stein zum Vorschein gekommen, den der kurfürstliche Baumeister Johann Maria Nosseni als Marmor erkannte. Der Ausbau wurde sofort in die Wege geleitet, und bald verbreitete sich der Ruf des schönen Steines weit über die Grenzen des Wettiner Landes hinaus. Von weither kamen Baumeister und Bildhauer, um sich von der Güte und Vortrefflichkeit des Steines zu überzeugen, so daß nicht schnell und viel genug gebrochen werden konnte. Das Brechen des Marmors geschah mit Hammer und Fäustel. Dies wird uns in einer sehr alten geologischen Abhandlung wie folgt beschrieben: „Der Marmor zu Crottendorf ist voller heller, glänzender Sternchen und gibt an Schwere und Härte keinem anderen Marmor etwas nach. Er läßt sich in große Stücke spalten, abreiben und bearbeiten, daß er hell und glänzend wird und man sich darin spiegeln kann. Der Stein an sich selbst bricht in einer Krumme unter sich und läßt sich mit eisernen Keilen spalten. Wenn er gewonnen werden soll, so hauen die Steinbrecher um das Stück, welches sie herauszunehmen willens sind, eine Spur; in dieselbe setzen sie erstlich kleine und schwache, hernach dicke und große Keile, von dem besten Eisen gefertigt, und geben genau Achtung, daß sie mit den Fäusteln alle zugleich mit einem Male auf die Keile schlagen und treffen. Nachdem diese Manipulation öfters wiederholt ist, löst sich das Stück in den ihm vorgezeichneten Grenzen ab und zerspringt aber nicht. Es wird hernach mit Vorsicht auf Walzen aus dem Bruche entfernt und nach dem Orte seiner Bestimmung gebracht.“
Wie Plinius, so hat sich auch der Bildhauer Oeser in Leipzig, ein Freund Johann Wolfgang von Goethe‘s, sich lobend über den Crottendorfer wie auch Grünhainer Marmor ausgesprochen, was wir hier wörtlich anführen:
„Unser Gebirge (gemeint ist das Erzgebirge. D. Red.) könnte, sobald nur erst der Geschmack der griechischen Kunst unsere bildenden Künstler beseelte, in Ansehung des zu Statuen brauchbaren weißen Marmors für Deutschland ein zweytes Paros seyn. Coudry schätzte den Grünhayn‘schen Marmor, wenn er anders in großen Stücken so gut wie in kleinen ausfiel, dem von Carrara wenigstens gleich. Die großen Stücke liefert jetzt das jenem Ort benachbarte Crottendorf, und, vermöge einer der Beforderung der Kunst beytretenden höchst rühmlichen Verfügung, ist auch der Preis dieses Marmors, wo er gebrochen wird, auf die Hälfte herunter gesetzt worden.“
Hören wir nun, was alles aus Crottendorfer Marmor gebaut worden ist: 1. Das kurfürstliche Mausoleum im Dom zu Freiberg, das 1587 Christian I. seinem Vater errichten ließ. – 2. Eine Riesen-Marmorschüssel in Dresden, die Kurfürst Johann Georg II. im Jahre 1662 auf einem Schlitten vom Bruch in die Residenz bringen ließ. Diese marmorne Schüssel war 36 Zentner schwer und hatte 9 Ellen Umfang. – 3. Das Rathaus zu Amsterdam. Es wurden hierzu von Crottendorf aus 6000 Zentner Marmor an die Elbe gebracht und dann zu Schiff nach Nordholland gefahren. – 4. Das Denkmal Königs Friedrich August I. (1694 – 1733) vor dem Peterstor in Leipzig. – 5. Das Denkmal für die zu Celle verstorbene Königin Mathilde von Dänemark. – 6. Das Denkmal des Dichters Fürchtegott Gellert auf dem Schneckenberg bei Leipzig; 1774 von Kreuchauff errichtet. – 7. Der Plattenbelag in der Hofkirche zu Dresden. – 8. Die Pflasterung des Platzes vor dem Reichstagsgebäude in Kopenhagen. – 9. Teilkonstruktionen beim Reichstagsgebäude in Berlin. – 10. Der Taufstein in der Kirche zu Crottendorf.
Hier sind nur die wichtigsten Bauten genannt, mit denen der Name Crottendorf verbunden ist. Es wäre noch vieles aufzuzählen, was an Crottendorfer Marmor in die näher gelegenen Bergstädte zu mancherlei prächtigen Gebäuden der Silberbergbauzeit gewandert ist, und auch bei vielen Kirchen des Erzgebirges, die in jener Zeit gebaut wurden, dürfte Crottendorfer Marmor zu Stufen usw. Verwendung gefunden haben.
Die Herrlichkeit und der Reichtum des Marmorbruchs zu Crottendorf ist längst dahin. Von etwa 1824 an ging man hier zur Gewinnung von Kalkstein über, weshalb auch ein großer Brennofen, der „Kalkofen“, errichtet wurde. Da der Wald näher lag als die Kohlenlager von Zwickau, so wurde mit mächtigen Mengen von Stockholz das Feuer im Brennofen unterhalten. 1906 starb der letzte Faktor des Crottendorfer Kalkwerkes, Friedrich Groß, nachdem es, ebenso wie dasjenige im Heidelbachtale bei Wolkenstein, von der Staatsverwaltung stillgelegt worden war.
Jeder, der dem Crottendorfer „Kallich-Ufen“ einen Besuch abstattet, mag sich bewußt sein, daß der Crottendorfer „Kalkofen“ als ehemaliger Marmorbruch eine denkwürdig-historische Stätte des Obererzgebirges, und nicht – nur ein „eingegangenes Kalkwerk ist.