Über 1 Million Kilometer Jahresstrecke der obererzgebirgischen KVG-Linien.

Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt 129. Jahrgang Nr. 14 vom 5. April 1936. S. 1 – 3.

Mit 320 PS durch das Erzgebirge.

Die Kraftverkehr-A.-G. Sachsen ist in hervorragender Weise an der Entwicklung der Verkehrsverhältnisse beteiligt und die KVG-Linien sind heute aus dem Verkehrsleben unserer Heimat nicht mehr wegzudenken, sowohl die wichtigen Querverbindungen nach Ost und West, als auch der Stundenverkehr nach Chemnitz mit Fernanschlüssen und die Linien zur Grenze bis nach Oberwiesenthal.

Lassen wir zunächst einmal einige trockene Zahlen sprechen. Unser Annaberger Marktplatz — wir wollen ihn ruhig als „Zentralbahnhof der KVG“ bezeichnen — sieht täglich 65 Fahrten mit über 3000 km Strecke, die in alle Richtungen des Gebirges führen, abgehen. Es sind nicht weniger als 10 Linien, die von Annaberg aus sich strahlenförmig hinauf auf den Kamm und hinunter ins Niederland verteilen. Ein stattlicher Wagenpark sorgt für eine reibungslose und einwandfreie Durchführung des Betriebes. Für die Linien und Fahrten von der Annaberger Betriebsstelle stehen täglich 25 Kraftomnibusse einschließlich der Reparaturwagen zur Verfügung. Mit 320 PS prasseln die modernen Dreiachser durch das Obererzgebirge (wir erinnern an die Linie Annaberg – Dresden), wie überhaupt die Mehrzahl der neuzeitlichen Fahrzeuge aus Dreiachsern besteht.

Die im Vordergrund stehende und meistbefahrene Strecke ist die Linie Annaberg – Chemnitz, auf der täglich 18 Doppelfahrten zur Durchführung kommen, die im Monat über 50000 km „fressen“. Besonders vorteilhaft erweist sich diese Strecke für Reisende, denn zu jeder vollen Stunde verläßt ein Omnibus den Marktplatz, der täglich rund von 70 Fahrzeugen passiert wird. Das einfache Rechenexempel ergibt, daß die 25 zum Einsatz kommenden Wagen im Durchschnitt zweieinhalb mal pro Tag zum Markt fahren müssen.

Das Herz und Hirn der KVG-Betriebsstelle Annaberg ist die Betriebsleitung. Hier herrscht immer geschäftiges Leben. Hier kommt man mit allen bei der KVG tätigen Personen zusammen, mit dem Betriebsleiter, der seine Arbeitskraft aufteilen muß zwischen Personalwünschen, Schreibtisch, Fernsprecher, Außendienst und Einteilung des Fahrdienstes, mit den Betriebskontrolleuren, mit den Schaffnern, die abrechnen, mit dem Büropersonal usw. Rund 100 Mann umfassen Fahrpersonal und Leute für den Innendienst.

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Die KVG-Betriebsstelle mit der großen Wagenhalle in Annaberg. (T. A. W.-Photodienst.)

Betriebsleiter Schneider, in dessen Händen all die feingesponnenen Fäden für das weitverzweigte Verkehrsnetz der KVG im Obererzgebirge zusammenlaufen, hat Schwung in seiner Betriebsstelle. Die große Wagenhalle, die genügend Raum für die KVG-Omnibusse bietet, sowie das Verwaltungs- und Nebengebäude stehen seit den Jahren 1927/28.

Im Verwaltungsgebäude haben die Büroräume sowie sechs Wohnungen für Betriebsangehörige Unterkunft gefunden. Saubere Wasch- und Baderäume, schöne Aufenthaltsräume für die Belegschaft usw. lassen erkennen, daß hier Sinn für Schönheit der Arbeit herrscht. Jeder einzelne Mann vom Fahr- als auch Werkstattpersonal hat sein eigenes Spind, worauf Namen, Wohnung und Telephonnummer verzeichnet sind, so daß ein jeder auf schnellstem Wege zu erreichen ist.

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Tagesraum für die Belegschaft. (T. A. W.-Photodienst.)

Im Ersatzteillager herrscht peinlichste Ordnung und in der an das Verwaltungsgebäude angegliederten, mit neuzeitlichen Hebekränen, Laufkatzen und modernen Maschinen ausgestatteten großen Werkstatt, die ebenfalls unter sachkundiger Leitung steht, können 6 große Dreiachser gleichzeitig repariert werden. Über 20 Meter lange Montagegruben, unten beleuchtet, wecken Bewunderung. Da ist an einem großen Dreiachser gerade eine neue Vorderfeder einzubauen, an einem anderen ist der Motor auseinandergenommen, dort wird ein Wagen überholt, und so greift in der Reparaturwerkstatt eine Hand in die andere. In der Schmiede sprühen Schweißapparate ihre Funken. Bohrmaschinen und Drehbänke lassen an einer anderen Stelle ihr Arbeitslied ertönen. Die Kompressorstation versorgt die großen Luftbereifungen, und wirft man dann einen Blick in die große Wagenhalle, so kann man getrost die Gewißheit mit nach Hause nehmen, daß bei der KVG Betriebssicherheit oberstes Gebot ist, denn hier werden nicht nur die Wagen gewaschen und gereinigt, sondern jeden Tag auf ihre Betriebssicherheit hin überprüft.

Auf zwei großen übersichtlich gehaltenen Tafeln ist genau zu ersehen, wie sich der Dienst auf die einzelnen Linien verteilt und ein Dienstplan für den ganzen Monat läßt den Fahrer oder Schaffner schon am ersten Tag wissen, welchen Dienst er am letzten Tag des laufenden Monats zu verrichten hat. Daß für ausreichenden Feuerschutz Vorsorge getragen ist, bedarf keiner besonderen Heraushebung.

Verläßt man die große Halle, die durch Dampfheizung erwärmt wird, läßt man auf ein zweites Nebengebäude, in dem neben einer kleineren elektrischen Werkstatt, wo Batterien geladen oder Lichtmaschinen instand gesetzt werden, neben einer Telephonzentrale, die zu jeder Stelle hin Verbindung hat, ein zweiter Aufenthaltsraum etwa 65 Mann vom Fahrpersonal beherbergt.

Da läuft mir gerade ein Schaffner mit dem Fahrscheindrucker in die Hände. Durch diese Neueinführung hat die Abrechnung mit den Bürostellen wesentliche Vereinfachung und Erleichterung erfahren. Ein paar einfache Hebelstellungen versehen den zu lösenden Fahrschein mit allen erforderlichen Daten: mit Stunde, Tag und Monat der Ausgabe, mit Preis usw. Weiter zeigt der Fahrscheindruckapparat die Zahl der zurückgelegten Kilometer an. Die vereinnahmte Summe kann genauestens kontrolliert werden. Die Zahl der ausgegebenen Fahrscheine ist abzulesen, kurz, das neue System bewährt sich ausgezeichnet, die Abrechnung „flutscht“.

Wer einmal in einem vollbesetzten KVG-Omnibus gefahren ist, wird sicher auch daran gedacht haben, welch‘ große Verantwortung auf den Schultern eines Fahrers lastet. Die geschulten Fahrer kennen sich überall aus, wissen über jede enge Straßenstelle Bescheid, kennen die befahrene Strecke mit den mitunter gefährlichen Kurven wie ihre eigene Westentasche, fahren über verschneite und vereiste Straßen mit derselben Sicherheit wie über regennassen Asphalt. Ein Fahrer, der schon seit 10 Jahren in Diensten der KVG steht, antwortet, über die Gefahren seiner verantwortungsschweren Tätigkeit befragt, in schlichten, aber bestimmten Worten: „Die Strecke ist mir in Fleisch und Blut übergegangen. Durch jahrelange Praxis werden wir alle auf die Strecke geeicht.“

Ich habe es selbst einmal mit erlebt, Reifenpannen werden in kürzester Frist behoben, bei plötzlich eintretendem Witterungswechsel (im Winter) sind schnell die Schneeketten zur Hand und alles ist so eingespielt, daß Verspätungen nur selten entstehen. Es versteht sich von selbst, daß die große Schaffnergilde engste Fühlung mit den Fahrgästen hat. Dienst am Kunden läßt sich in jeder Beziehung feststellen.

Zu Winterszeiten fällt der KVG bei uns im Erzgebirge eine besondere Aufgabe zu. Der motorisierte Schneepflug der KVG hat namentlich auf dem Kamm des Erzgebirges über so manche schwere Stunde hinweggeholfen und dem unterbrochenen Verkehr wertvolle Dienste geleistet. Eine wichtige Aufgabe erfüllt nicht zuletzt die Auskunftsstelle der KVG auf dem Markt, das „Mädchen für alles“, denn hier erfolgt nicht nur die Ausgabe von Fahrscheinen, sondern der Expreßgutverkehr will bewältigt sein. Handgepäck ist aufzubewahren, Auskünfte über sämtliche Fahrten mit Anschlüssen für jede andere Beförderungsmöglichkeit werden freundlichst erteilt. Ferienreisen und Sonderfahrten sind stark gefragt. Von frühzeitig bis zum späten Abend kommt genau wie in der Betriebsleitung der Betrieb nie zum Stillstand. Und er wird sicher noch lebhafter, wenn erst die neue KVG-Warte den Marktplatz ziert, deren Errichtung ins Auge gefaßt ist.

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Die Auskunftsstelle und Fahrscheinausgabe der Staatlichen Kraftwagenlinien auf dem Markt. (T. A. W.-Photodienst.)

Das sind so kleine Eindrücke, die man als Beobachter von dem Linienbetrieb der KVG gewinnt. Die schönen Omnibusse sind Inbegriff des bequemen Verkehrs geworden, die schon so manches schöne Stückchen Heimaterde erschlossen haben.