Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt 129. Jahrgang Nr. 15 vom 12. April 1936. S. 1 – 2.
Ein Osterbrauchtum hat sich in unserer Heimat nicht erhalten. Das Fest des Erzgebirges ist Weihnachten, dem seine ganze Liebe gilt und das mit einer Sinnigkeit ohnegleichen ausgestattet ist. In den katholischen Ländern dagegen ist Ostern ein großes Fest mit vielen alten Bräuchen.
Im Böhmischen gehen die Tschechen schon am Gründonnerstag vor Sonnenaufgang ins Freie, knien nieder und beten. Nach dem Waschen von Gesicht, Händen und Füßen in einem Bach wird ein Berg erstiegen und der Sonnenaufgang erwartet; an diesem Tage soll die Sonne drei Freudensprünge vollführen. Daheim schneidet der Bauer erst einem Täuberich, dann einer Taube den Hals ab, und das Blut muß in einen mit Weizen gefüllten Napf tropfen. Alle anderen Tauben müssen diesen blutgetränkten Weizen fressen. Dann verzehrt er mit den Seinen und dem Gesinde das mit Honig bestrichene Brot und Osterkuchen. Bleiben Reste von dieser Mahlzeit übrig, so bekommt sie das Vieh, das dadurch vor Krankheit geschützt wird. In einigen Grenzdörfern gen Sachsen finden wir das auch in unserer Niederlausitz übliche „Osterreiten“ der ganzen männlichen Jugend, und zwar dreimal um das Gotteshaus herum. Schließlich kommt es zur Eiersammlung, deren Ertrag zu jenem Eierrollen am Nachmittag führt, wie wir es auf dem Preitzichenberg von Bautzen als einzigartigen deutschen Volksbrauch kennen.
Zweifellos wirken sich die feierlichen Zeremonien nirgends eindrucksvoller aus als an den historischen Stätten des Lebens und Leidens Christi. In Jerusalem steht im Mittelpunkt der Feier der Karwoche die Fackelanzündung am heiligen Grabe durch den griechischen Patriarchen. Gleich darauf trägt ein besonderer kirchlicher Bote die beiden brennenden Fackeln von Jerusalem nach Bethlehem. Rechts und links seines Weges aber stehen Scharen herbeigeeilter Pilger aus aller Welt, die nun an diesen Fackeln ihre eigenen Kerzen, die sie feierlich in Händen halten, entzünden. Das ist das Glück und das Hauptziel ihrer Pilgerfahrt nach Palästina. Doch das Feierlichste der Welt ist die Osterprozession der Christen nach Golgatha. Sie nimmt ihren Anfang am berühmten Tor „Ecce homo“ und zieht — vorüber an den historischen Stätten der Passion — zur Grabeskirche.
Die griechischen Ostern gleichen denen des einstigen Rußlands. Einst umfaßte die griechisch-orthodoxe Osterwoche hundertvierzig Millionen Menschen. Einhundertzehn davon entfielen auf Rußland, und es ist allgemein bekannt, wie man diesen den Gottesglauben und kirchliche Feiern „abgewöhnt“ hat. Es ist fraglich, ob und wo heute noch ein altrussisches Osterfest möglich ist.
Der russische „Palmsonntag“ wurde schon rein äußerlich von den „Palmkätzchen“ als Symbol des heißersehnten Frühlings beherrscht. Mit bereitgestellten Weidenruten trieb man die Spätaufsteher aus den Betten. Am Gründonnerstag fanden in allen Klöstern und den großen Kirchenstädten die „Fußwaschungen“ statt, wie sie noch heute am Gründonnerstag in Jerusalem der griechische Patriarch vollzieht, und zwar an 12 Bischöfen. Hierzu legte der Bischof vor versammelter Gemeinde seine kostbaren Obergewänder ab, umgürtete sich mit einem langfransigen, rotgestickten Handtuch und wusch zwölf Priestern in einer getriebenen Goldschale die Füße. Am Karfreitag folgte die Anbetung des heiligen Leichnams. Der Höhepunkt der Feiern aber lag in der Nacht vom Ostersonntag zum Ostermontag. Jetzt wurde nach Entfernung des Katafalks ein feierlicher Gottesdienst abgehalten, in dessen Ablauf die goldenen Gittertore zum Allerheiligsten unter Posaunen-Fanfarengeschmetter aufgestoßen wurden. Jetzt vertauschten auch die Priester das düstere Passionsgewand mit dem Prachtornat. Um Mitternacht zog dann die Menge aus der Kirche in feierlicher Prozession um diese herum. Dem Zug voran wurde das geweihte Brot getragen. Nach der dreimaligen Prozession begann der größte Ostergottesdienst als Abschluß der kirchlichen Feiern, worauf die rauschenden weltlichen Freudenfeste folgten.
In Griechenland tötet man bei diesen weltlichen Vergnügungen zu denen Volkstänze gehören, auf den Dörfern Lämmer und bezeichnet mit ihrem Blute die Türen.
In Rumänien pflegen reiche Damen die Staatsgefangenen am Ostertag zu besuchen. Sie beschenken die Verurteilten mit Kuchen, in die das Zeichen des Kreuzes hineingedrückt ist. Die Dorfjugend tanzt auf den Wiesen und wirft sich gegenseitig bemalte Ostereier zu.
In Mexiko ist die Verbrennung des Judas am Ostersonntag ein uralter mexikanischer Volksbrauch. Die Judaspuppe hängt an einem starken Drahtseil über die Straße. Unter dem Kopf ist eine Bombe angebracht und der Körper ist mit Raketen gespickt. Punkt zehn Uhr vormittags explodiert das Ganze mit gewaltigem Lärm, und der Kopf fliegt in hohem Bogen davon.
In Spanien war es bisher Sevilla, das mit seinen grandiosen Osterbräuchen beinahe Spitzenleistungen von Festesfreude aufwies. Ein wahrer Rausch erfüllte alljährlich die Zauberstadt, und die Gärten und Parks am Guadalcuivir wurden zu Wonnerevieren. Streng hielt der Andalusier seine Fasten; aber ebenso intensiv stürzte er sich in die nun erlaubte Genußfreudigkeit, und zwar bereits am Karfreitag. Merkwürdigerweise war in Andalusien der Gründonnerstag der Tag, an dem kein Gefährt, kein Wagen, keine Straßenbahn Personen beförderte und ein großer Ernst der Bevölkerung bemerkbar war. Es war, als wenn ein Tag in der Zeitrechnung ausfiel: der Gründonnerstag. In der Nacht vom Donnerstag zum Freitag blieben die Menschen, wenigstens alle zum Frohsinn neigenden, wach, da die Straßen nachts ein Volksfest zu erfüllen schien.
Aber nicht nur die Erfüllung einer langen Sehnsucht nahte am ersten Feiertag die Gestalt der Stierkämpfe, sondern schon die Prozessionen der verflossenen „heiligen Woche“ ließen den Stolz der Sevillaner wachsen; denn sie brachten aufsehenerregende Begleiterscheinungen, nämlich die „Passes“ (riesige Tragbahren bis zur Größe von Eisenbahnwaggons) und die „Imagenes“ (lebensgroße, zu Gruppen angeordnete Figuren aus der Leidensgeschichte) der verschiedenen „Confradias“, der „Brüderschaften“, die um die kostbarsten Darstellungen ihrer „Bilder“ geradezu wetteiferten. Man konnte dabei z. B. sehen, wie sich die Jungfrau Maria mit Edelsteinen schmückte und wie ihr Samtgewand von Metallstickereien fast erdrückt wurde …
In Italien, besonders in Süditalien, ist es Sitte, den Hochaltar mit Blumentöpfen zu schmücken, in denen künstlich angetriebener Weizen wächst.
Besonders merkwürdig ist ein korsischer Ostermorgen … Irgendwoher hört man am Karfreitag ein schwer zu deutendes Murmeln und Summen, schließlich entpuppt es sich als ein näherkommender Zug von düsteren Männern, die wie unheimliche Femegestalten vermummt sind. So trägt die korsische Karfreitagsprozession den Leichnam Christi auf einer Bahre durch die Straßen der Städte.
S. B.